Ästhetische Gestaltung

Dreh- und Angelpunkt Auge

Foto: Helge Thomas

Foto: Helge Thomas

Wenn wir die Funktion und die Wirkungsweise des Sehens verstehen, dann können wir aufsehenerregende Events kreieren. Was zieht die Aufmerksamkeit auf sich? Wie funktioniert unser Auge? Ändern moderne Technologien unsere (Seh-)Gewohnheiten? Dazu hat Eventregisseur Chris Cuhls in seiner neuen Podcast-Folge „Ästhetische Gestaltung: Sehen“ nachgefragt und schreibt darüber in seinem Gastbeitrag.

Als Eventgestaltende wollen wir Erlebnisse schaffen, die nicht mehr aus dem Kopf gehen. Dabei ist es hilfreich, umfassende Kenntnisse über die Funktions- und Wirkungsweise der verschiedenen Sinnesorgane zu haben: Wie nehmen wir wahr? (Denn genau das ist die Definition von Ästhetik: wahrzunehmen.) Wie nehmen wir beispielsweise über unsere Augen wahr? Wie funktioniert das Sehen, wie wirken visuelle Eindrücke und welche Gestaltungsmöglichkeiten ergeben sich daraus? Meine Interviewpartnerin ist Jolande Fooken. Die Neuro-Wissenschaftlerin forscht seit Jahren im Bereich Eyetracking. Mit ihr bin ich diesen Fragen in der letzten Podcast-Folge zum Thema „Ästhetische Gestaltung: Sehen“ nachgegangen.

Jolande Fooken, Neuro-Wissenschaftlerin und PostDoc an der Queens University Ontario, forscht zu Blick und Bewegungs-Steuerung und Koordinationsmustern – also wann wir wo hinschauen, wie wir Informationen aufnehmen und warum. Das Gespräch mit Jolande Fooken ist hier, auf Spotify sowie iTunes nachzuhören.

Shortcuts im Gespräch mit Jolande Fooken:

03:52 Visuelles Wahrnehmen braucht Zeit

09:38 Was und wie sehen wir eigentlich?

15:06 Im Eventraum: Was sehe ich zuerst?

20:15 Eye tracking – Forschung und Erkenntnisse

31:17 Wirkung: Welche Bilder wirken nach?

37:54 Was muss ich übers Sehen wissen, um Wissen zu vermitteln?

46:45 Was muss ich übers Sehen wissen, um Räume zu gestalten?

50:26 Neue Technologien bringen neue Gewohnheiten

57:05 Was weckt beim Sehen Emotion?

1:00:50 Was Muss, was Kann und was macht WOW?

Jolande Fooken, Neuro-Wissenschaftlerin und PostDoc an der Queens University Ontario, forscht zu Blick und Bewegungs-Steuerung und Koordinationsmustern – also wann wir wo hinschauen, wie wir Informationen aufnehmen und warum. Das Gespräch mit Jolande Fooken ist hier, auf Spotify sowie iTunes nachzuhören.

Shortcuts im Gespräch mit Jolande Fooken:

03:52 Visuelles Wahrnehmen braucht Zeit

09:38 Was und wie sehen wir eigentlich?

15:06 Im Eventraum: Was sehe ich zuerst?

20:15 Eye tracking – Forschung und Erkenntnisse

31:17 Wirkung: Welche Bilder wirken nach?

37:54 Was muss ich übers Sehen wissen, um Wissen zu vermitteln?

46:45 Was muss ich übers Sehen wissen, um Räume zu gestalten?

50:26 Neue Technologien bringen neue Gewohnheiten

57:05 Was weckt beim Sehen Emotion?

1:00:50 Was Muss, was Kann und was macht WOW?

Visuelles Wahrnehmen braucht Zeit

Das Zentrale beim Sehen ist, dass das menschliche Auge zu jedem Zeitpunkt nur einen Ort wahrnehmen kann. Halten wir den Daumen eine Armlänge weit weg, sehen wir den Bereich, der scharf wahrgenommen wird. Um aus dem Gesehenen ein Gesamtbild zu erschaffen, ist das Auge permanent in Bewegung: Pro Sekunde bewegen wir unsere Augen zwei bis drei Mal. Unser Gehirn setzt das Bild zusammen, welches wir dann interpretieren. Das braucht Zeit! „Das Auge als zentrales Organ für die visuelle Wahrnehmung ist mehr als ein Lichtrezeptor. Bereits in der Retina findet eine erste Verarbeitung von Reizen statt. Die von Stäbchen (für Kontrastwahrnehmung) und Zapfen (für Farbwahrnehmung) aufgenommenen Reizinformationen müssen komprimiert an das Großhirn als elektrische Impulse weitergeleitet werden. Dort erfolgt dann die Aufarbeitung der Informationen unter anderem durch die Verknüpfung mit anderen Sinneseindrücken, Gedächtnisinhalten und Empfindungen der Motorik“, beschreibt Eventpsychologe Steffen Ronft in seinem Handbuch „Eventpsychologie“. Und weiter: „Das subjektiv wahrgenommene Umfeld ist also bereits ein Ergebnis diverser Bearbeitungs- und Bewertungsschritte und muss nicht mit der objektiven Information und damit der realen Umwelt übereinstimmen.“ Besonders eindrücklich zeige sich dies bei optischen Täuschungen beispielsweise zur Farb- und Raumwahrnehmung. Bilder werden grundsätzlich schneller verarbeitet und besser gespeichert als Texte.

Wohin fällt unser Blick?

Betreten wir einen Raum, so fällt der Blick als erstes auf sich bewegende Dinge. Anzeigentafeln mit großen Buchstaben, blinkende Animationen und Kontraste ziehen das Auge besonders in den Bann. Das Ziel ist dabei ausschlaggebend. Braucht ein Gast Informationen, fällt der Blick schnell auf das große „i“ des Info-Counters, weil wir gelernt haben nach dem „i“ Ausschau zu halten. Ist kein „i“ zu finden, entdecken wir die Dame im gelben Informationsdress unter lauter dunklen Anzugträgern. Überprüfen Sie es selbst! Folgendes visuelle Experiment zeigt die Wirkungsweise des Auges sehr gut auf. Zählen Sie, wie oft das Team in Weiß den Basketball hin und her passt. Hier geht es zum Test:

Wenn der Mensch durchs Leben geht, hat er immer eine Art von Ziel. Dieses bestimmt, was er wahrnimmt und ist subjektiv sowie variabel. In einer ersten Begegnung ist für gewöhnlich das Ziel, das Gesamtbild der Person einzuschätzen. Herauszufinden „wie dieser Mensch tickt“. Also mustern wir intuitiv das Gegenüber von oben bis unten, um ihn oder sie in der Ganzheit wahrzunehmen. Sagt mein Gegenüber aber: „Habe ich etwas auf der Nase?“, dann registrieren wir viel mehr ebendiese und weniger den Rest. Die Wahrnehmung des Sinnesorgans Auge besteht nicht nur aus den rein visuell wahrgenommenen Reizen. Das visuelle System stimmt sich darauf ein, womit es umgeben ist. Das menschliche Gehirn verknüpft das Gesehene mit Erinnerungen und Erfahrungen und weiß schon im Voraus, wo das Auge als nächstes hinsieht. Es antizipiert Dinge und verknüpft neue Eindrücke mit bereits bekannten Informationen und Situationen.

„Das Zentrale beim Sehen ist, dass das menschliche Auge zu jedem Zeitpunkt nur einen Ort wahrnehmen kann.“

Jolande Fooken, Doktorin der Philosophie

Aufmerksamkeit lenken

Informationen werden sequenziell aufgenommen. So bleiben diese beim Publikum in Erinnerung. Das ist sehr wichtig für Vorträge und Events. Eine volle PowerPoint-Folie und die darauf vermittelten Botschaften können sonst nicht wahrgenommen werden, weil hier zu viel gleichzeitig kommt. Besser ist es, weniger und nacheinander aufbauend zu kommunizieren. Natürlich hilft es auch, wenn in der Gestaltung ein gesundes Verhältnis von Text und Grafik eingehalten wird. Noch besser steuern wir die Aufmerksamkeit selektiv, wenn bewegte Inhalte wie Videos eingebunden werden. Gleichzeitig muss vorsichtig inszeniert werden, wenn Wissen vermittelt wird. Bewegte GIFs ziehen die Aufmerksamkeit auf sich und lenken damit gegebenenfalls zu sehr vom Vortragenden ab. Deshalb empfiehlt der Video-Experte Timo Kärcher von AV active, stets einen klaren Fokus zu setzen und frühzeitig eine Bildsprache zu entwickeln. Gute Erfahrungen machen die Berliner mit Augmented Reality, weil es reale Menschen mit digitalen Ergänzungen auf einer Projektionsfläche kombiniert. Das sorgt für WOW-Effekte. Eine simple Frage hilft in der Evaluation: Kommt die gewollte Information bei den Zuschauern an? Weil mit dem, was gesagt und sequenziell gezeigt wird, die Aufmerksamkeit der Zuhörer klar gelenkt wird. Die Reize sind gezielt gesetzt und kommen an.

Foto: Helge Thomas

What’s Next – Events im Wandel: Ästhetische Gestaltung

Alle Folgen der Staffel 5 im Überblick:

45 Sehen: Jolande Fooken

46 Hören: Jochen Rausch

47 Fühlen: Anna Philipps

48 Riechen: Ralf Breinlinger

49 Schmecken: Jürgen Dollase

50-55: 5 Regisseur:innen aus Theater, TV, Gaming, Musical & Musik

Foto: Helge Thomas

What’s Next – Events im Wandel: Ästhetische Gestaltung

Alle Folgen der Staffel 5 im Überblick:

45 Sehen: Jolande Fooken

46 Hören: Jochen Rausch

47 Fühlen: Anna Philipps

48 Riechen: Ralf Breinlinger

49 Schmecken: Jürgen Dollase

50-55: 5 Regisseur:innen aus Theater, TV, Gaming, Musical & Musik

Jolande Fooken sagt dazu: „Wenn ich Eventgestaltende wäre, würde ich mich als Erstes mit dem Publikum auseinandersetzen. Wem will ich was vermitteln? Was möchte ich rüberbringen? Und meine eigene Sichtweise klären: Was ist mein Ziel? Und reduzieren, die Reize klein halten und dem Zuschauer Zeit geben.“ Wichtig ist: Zuschauende vor einer Bühne, aber auch die vor einem Screen wollen direkt angesprochen werden. Vortragende, die vom Manuskript ablesen, langweilen. Vor allem, weil der Blickkontakt fehlt. Daher ist es wichtig, direkt in die Kamera beziehungsweise an ausgewählte Fixpunkte im Publikum zu schauen. So fühlt sich das Publikum persönlich adressiert. Hilfreiche Tipps zu Präsentationstechniken gibt Nancy Duarte in ihrem eBook „resonate“.

Die Wahl des Tagungsraums

Die Wahl und Gestaltung von Eventräumen sind individuell von der Anordnung von Bühne und Sitzgelegenheiten, Sichtachsen und Blickwinkel in Bezug auf Höhe der Leinwände sowie vor allem von den Lichtverhältnissen abhängig. Bei der Gestaltung von Vorträgen sollte berücksichtigt werden, wo die Zuschauenden wichtige Informationen am besten sehen. Denn wichtige Inhalte müssen aus allen Perspektiven wahrnehmbar bleiben, dürfen also nicht abgeschnitten werden. Zu der Wirkung von Lichtverhältnissen, Hintergrund- und Vordergrundfarben etc. gibt es jede Menge hilfreicher Fachbücher. Auch die kognitive Seite ist maßgeblich für eine gute Gestaltung im Hinblick auf das Sehen. Sind zum Beispiel zu viele Menschen vor Ort, die sich nebenbei unterhalten, kann das kontraproduktiv sein und von den Tagungsinhalten ablenken.

Foto: Christian Kruppa, TDI 2022

Auf dem Tag der Industrie 2022 wurde der bayrische Ministerpräsident Markus Söder im 9:16 Format zugeschaltet.

Sehgewohnheiten verändern sich

Viele kennen noch aus dem Fernsehen das 4:3 Format. Kinofilme müssen aufwändig darauf angepasst werden. Zwischenzeitlich hat sich das 16:9 Bildverhältnis durchgesetzt. Und seit Social Media gewöhnen wir uns auch immer mehr an ein 9:16-Format. Dieses hält konsequenterweise ebenso Einzug in Gesprächsrunden, zumal die wesentlichen Bildinhalte einer zugeschalteten Person auf diese Weise visuell besser übermittelt werden können als mit viel leerem Raum beidseitig in einem 16:9 Bildformat. Die Fragen, für wen welche Inhalte in welchem Kanal übermittelt werden sollen, müssen immer wieder neu gestellt werden. Interessant wird die Ausspielung für Instagram, in dem teils ein 1:1-Bildverhältnis gefordert wird. Oder aber wenn dieselben Inhalte in verschiedene Kanäle gelangen sollen. Hier muss gewichtet werden: Welche Zielgruppe hat Priorität? Bei allen Fragestellungen bleibt im Kern die Aufmerksamkeit des Publikums entscheidend und auch ein ausreichender Zeitfaktor, um die Inhalte aufzunehmen. Als Fazit lässt sich ziehen: Sollen Menschen neue Eindrücke erfassen, ein Gegenüber kennenlernen oder Inhalten folgen, braucht es genügend Zeit, die äußeren Reize zu registrieren und im Gehirn mit Erfahrungen und Emotionen zu verknüpfen. Gute Eventgestaltung berücksichtigt, wie die Aufmerksamkeit der visuellen Wahrnehmung gelenkt und durch wenig störende Faktoren abgelenkt wird.

Chris Cuhls

Chris Cuhls

Chris Cuhls ist Regisseur und Konzepter von Corporate wie Public Events. Mit über 20 Jahren Erfahrung in der TV- und Eventbranche zählt er Unternehmen wie Mercedes-Benz, SAP und Telekom zu seinen Kunden. Für bekannte Formate wie The Dome, Ein Herz für Kinder und Wetten, dass…? war er als Aufnahmeleiter und Producer tätig. Neugier, Kreativität und relevante Ideen treiben ihn an, Begegnungen wirkungsvoll zu inszenieren. Zum Thema Eventgestaltung veröffentlichte er zuletzt das Fachbuch „Why How Wow – What’s Next?“ und betreibt einen Blog.

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