documenta fifteen

„Return To Sender“

Die begehbare Installation „Return To Sender“ der documenta fifteen auf der Karlswiese in Kassel fordert die Betrachter auf, sich mit ihrem Konsum zu befassen. Foto: tw tagungswirtschaft

Die begehbare Installation „Return to Sender“ der documenta fifteen auf der Karlswiese in Kassel fordert die Betrachter auf, sich mit ihrem Konsum zu befassen. Foto: tw tagungswirtschaft

Was kann Gegenwartskunst in dieser Zeit(-enwende) bewirken? Die Kasseler beauftragen für die documenta fifteen das Künstlerkollektiv ruangrupa. Die Indonesier bringen das Prinzip lumbung nach Europa, das auf ein Miteinander setzt, und stellen kollektive Prozesse und Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt. Das sind wichtige Themen für die Veranstaltungswirtschaft und das Kassel Convention Bureau, das als Sparringspartner zum Austausch einlädt.

Das gelbe Orangerieschloss in Kassel lockt die Menschen an. Landgraf Carl errichtete es im 18. Jahrhundert und nutzte die Eckpavillons als Sommerresidenz und den Mittelbau als Winterquartier für Orangenbäume. Heute beheimatet die Orangerie das Astronomisch-Physikalische Kabinett und Hessens größtes Planetarium. Den Blick von der Terrasse auf den Staatspark Karlsaue stört gegenwärtig eine Ansammlung von Müll: Auf der Karlswiese stehen Ballen aus abgetragener Kleidung und Stoffen, Ballen aus ausrangierten Computern und Stereoanlagen. Es ist die begehbare Installation „Return To Sender“, und es ist documenta fifteen. Die Ausstellung für zeitgenössische Kunst findet alle fünf Jahre in Kassel statt und dieses Jahr vom 18. Juni bis 25. September 2022. 100 Tage lang macht hier das Kollektiv „The Nest Collective“ aus Nairobi, Kenia, auf den Transport von Elektroschrott und alten Textilien in die Länder des globalen Südens aufmerksam, die dort zur Zerstörung von Umwelt und Wirtschaft beitragen. Die Installation wirkt verstörend und erzwingt die Konfrontation mit dem eigenen Konsum und seinen Konsequenzen – für andere.

Die Installation „Return To Sender“ ist ein Halt auf den Rundgängen „Walks and Stories“ in Begleitung von sogenannten „sobat-sobats“. Das sind Kunstvermittler, die weniger über die Kunst sprechen, sondern vielmehr die Gruppe ins Gespräch bringen, damit die Teilnehmer gemeinsam Zugang zu Themen wie der Kreislaufwirtschaft finden. Die Besucher, seien sie angereist oder ansässig, sind hier Benutzer. Sie teilen ihre Eindrücke, ihre Erfahrungen und ihr Wissen. Der Austausch ist gewünscht, Anfassen auch – und die Analogie zu Business Events liegt auf der Hand: Räume, Geschichten und Arbeitsweisen werden gemeinsam erkundet. Die Köpfe dahinter sind die Kuratoren der documenta fifteen, das Künstlerkollektiv ruangrupa aus Jakarta. Die Indonesier wollen, so schreibt Hanno Rauterberg in der Zeit, „die documenta kompostieren: sie auflösen und in etwas verwandeln, das sie für viel fruchtbarer, viel nachhaltiger halten als das, was sonst unter Kunst verstanden wird“. Es geht um Networking. Oder wie im Handbuch geschrieben steht: „We are not in the documenta fifteen, we are in lumbung one.”

„Wir wollen eine global ausgerichtete, kooperative und interdisziplinäre Kunst- und Kulturplattform schaffen, die über die 100 Tage der documenta fifteen hinaus wirksam bleibt. Unser kuratorischer Ansatz zielt auf ein anders geartetes, gemeinschaftlich ausgerichtetes Modell der Ressourcennutzung – ökonomisch, aber auch im Hinblick auf Ideen, Wissen, Programme und Innovationen.“

ruangrupa

lumbung – ein Konzept des Miteinanders

lumbung ist das indonesische Wort für eine gemeinschaftlich genutzte Reisscheune, in der die überschüssige Ernte zum Wohle der Gemeinschaft gelagert wird. Alle geben etwas hinein und nehmen nur so viel heraus, wie sie benötigen. Das Praktizieren von lumbung verspricht eine alternative Ökonomie der Kollektivität, des gemeinsamen Ressourcenaufbaus und der gerechten Verteilung. Dieses Prinzip macht ruangrupa zur künstlerischen Praxis und zur Art der Ausstellung, in der sich Kunst als Prozess versteht und als Partizipation. Es ist das erste Mal in der 67-jährigen Geschichte der documenta, dass eine Gruppe aus Asien die künstlerische Leitung innehat. Eine Gruppe, die für Non-Profit steht und einen Perspektivwechsel.

Kleines Glossar zur documenta fifteen

  • lumbung ist das indonesische Wort für eine gemeinschaftlich genutzte Reisscheune, in der die überschüssige Ernte zum Wohle der Gemeinschaft gelagert wird. Das Praktizieren von lumbung ermöglicht eine alternative Ökonomie der Kollektivität, des gemeinsamen Ressourcenaufbaus und der gerechten Verteilung. lumbung basiert auf Werten wie lokaler Verankerung, Humor, Großzügigkeit, Unabhängigkeit, Transparenz, Genügsamkeit und Regeneration.
  • ekosistem ist der indonesische Begriff für Ecosystem, der in Anlehnung an den ökologischen Begriff des Ökosystems entwickelt wurde, aber nicht mit diesem gleichzusetzen ist. „Ekosistem“ oder „Ecosystem“ beschreibt kollaborative Netzwerkstrukturen, durch die Wissen, Ressourcen, Ideen und Programme geteilt und vernetzt werden.
  • nongkrong ist ein indonesischer Slang-Begriff aus der Hauptstadt Jakarta. Er bedeutet so viel wie "Gemeinsam abhängen". Gemeint ist damit das gemeinsame zwanglose Nichtstun mit Freunden, ein gemeinschaftliches Gespräch oder das Teilen von Zeit oder Essen in größerer Runde.

„Wir ernennen ruangrupa, weil sie nachweislich in der Lage sind, vielfältige Zielgruppen – auch solche, die über ein reines Kunstpublikum hinausgehen – anzusprechen und lokales Engagement und Beteiligung herauszufordern. Ihr kuratorischer Ansatz fußt auf einem internationalen Netzwerk von lokalen Community-basierten Kunstorganisationen“, begründet die Findungskommission ihre einstimmige Wahl. In einer Zeit, in der innovative Kraft insbesondere von unabhängigen, gemeinschaftlich agierenden Organisationen ausgehe, erscheine es folgerichtig, diesem kollektiven Ansatz mit der documenta eine Plattform zu bieten. Dieser Ansatz wird gleich zu Beginn der Ausstellung von einem Skandal überschattet, in dem die Kuratoren in dem Großbanner „People’s Justice“ zwei antisemitische Figuren übersehen und um Entschuldigung bitten. Den Indonesiern liege nichts ferner als Hass und Hetze, meinen jene in Kassel, die mit ihnen zusammenarbeiten.

Das ruruHaus ist das Wohnzimmer der documenta fifteen und ein Versammlungsort. Die Außenfassade hat KolorCubes mitgestaltet. Foto: tw tagungswirtschaft

Das ruruHaus ist das Wohnzimmer der documenta fifteen und ein Versammlungsort. Die Außenfassade hat KolorCubes mitgestaltet. Foto: tw tagungswirtschaft

Die documenta fifteen hat 32 Ausstellungsorte – ein Auszug:

· documenta Halle, Du-Ry-Straße 1, 34117 Kassel

· Frankfurter Straße/Fünffensterstraße (Unterführung), 34117 Kassel

· Fridericianum, Friedrichsplatz 18, 34117 Kassel

· Gloria-Kino, Friedrich-Ebert-Straße 3, 34117 Kassel

· Grimmwelt Kassel, Weinbergstraße 21, 34117 Kassel

· Hessisches Landesmuseum, Brüder-Grimm-Platz 5, 34117 Kassel

· Hotel Hessenland, Obere Königsstraße 2, 34117 Kassel

· KAZimKuba, Rainer-Dierichs-Platz 1, 34117 Kassel

· Museum für Sepulkralkultur, Weinbergstraße 25–27, 34117 Kassel

· Naturkundemuseum im Ottoneum, Steinweg 2, 34117 Kassel

· ruruHaus, Obere Königsstraße 43, 34117 Kassel

· Stadtmuseum Kassel, Ständeplatz 16, 34117 Kassel

· WH22, Werner-Hilpert-Straße 22, 34117 Kassel

Mit lumbung rücken sie das Miteinander in den Mittelpunkt ihres künstlerischen Tuns und Themen, die viele in der (Veranstaltungs-)Wirtschaft bewegen: kollektive Prozesse und Nachhaltigkeit. Folglich verteilt das Kollektiv das Budget von 42 Millionen Euro zu 90 Prozent an künstlerische Kollektive, die zumeist in sozialen Brennpunkten wie Slums arbeiten und sich sozial engagieren, wie eben das multidisziplinäre The Nest Collective aus Kenia, tätig in Film, Musik, Mode, bildender Kunst und Literatur. In der Summe bespielen um die 1.600 Beteiligte unzählige kleine und große Orte, Pop-up-Locations, alte Fabriken, Unterführungen, Brücken und Grünflächen. Am Hang der Documenta-Halle beispielsweise blüht ein bengalischer Küchengarten als Teil des künstlerischen Projekts auf mit einer Küche als Begegnungsraum für Besucher.

ruruHaus – das Wohnzimmer

Das ruruHaus ist das Wohnzimmer der documenta fifteen. Das ehemalige Kaufhaus in der Innenstadt am Friedrichsplatz ist ein Versammlungsort mit Café und Welcome Area im Erdgeschoss und der Arena in der ersten Etage für Zusammenkünfte. Bereits seit 2020 geöffnet, ist das ruruHaus eine Einladung an alle, mitzuwirken. An der Fassadengestaltung etwa beteiligt sich KolorCubes. Das Kasseler Graffiti- und Streetart-Projekt und Netzwerk für Kultur im öffentlichen Raum haben Dustin Schenk, Sarah Menzel und Stefan Gebhardt gegründet. In ihrem offenen Atelier in einer ehemaligen Industriehalle im Schillerviertel entwickeln sie mit anderen Künstlern großformatige Wandbilder (Murals).

Foto: Can Wagener

„Kunst ist ein Auslöser für etwas Inneres“

Dustin Schenk ist ehemaliger Sprayer, Mitgründer der internationalen Graffiti und Kunstvermittlung KolorCubes e.V. und der Public Art Gallery Kassel sowie Erster Vorsitzender der Public Art Conference Kassel. Im Interview spricht er über die documenta fifteen als Anleitung für Gespräche auf Augenhöhe, die Methode des kollektiven Konzepts, Kunst auf Kongressen und das Kollektiv Taring Padi.

Dustin Schenk erinnert sich gut an die erste Begegnung mit dem Kollektiv ruangrupa vor zwei Jahren. „Ich dachte, da kommt so ein Kurator, so picky und so, doch die sind ganz anders. Sie sind sehr offen.“ Für ihn ist die documenta fifteen eine „Mitmach-documenta“. Das sei wichtig für die Leute, gerade die jungen Leute, die verstehen müssten, dass sie etwas tun können – egal, ob sie malen oder kochen. „Wir müssen Kunst nutzbar machen“, findet Schenk. Folglich passen Kunst und Kollektiv gut für ihn zusammen. „Die Leute werden selbst zu Künstlern, das gibt ihnen einen Sinn und Teilhabe.“

Dass Kunst im öffentlichen Raum etwas bewegt, davon ist Schenk überzeugt, und will den Menschen mit den Murals einen Bezug zu ihrem Wohnort geben. Ein Beispiel ist das hyperrealistische Porträt von Joseph Beuys an einer Wand der Arnold-Bode-Schule. Geschaffen hat es der koreanische Künstler Yongtak Choi auf Einladung von KolorCubes zum 100. Geburtstag von Beuys am 12. Mai 2021. Der Prozess von den ersten Gesprächen über das Projekt bis zum Wandbild dauerte fast fünf Jahre. „Mit den Schülern haben wir in Workshops und Führungen das Thema behandelt und den Prozess begleitet“, erzählt Schenk. Beuys ist der meistausgestellte Künstler auf der documenta. Durch sein Werk „7000 Eichen“ ist er eng mit Kassel und dem documenta-Gründer Arnold Bode verbunden.

Kontroverse Kunst: Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung

Vor 50 Jahren häufte Beuys zur documenta 7 unter dem Titel „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ 7.000 Basaltstelen als ein Dreieck auf dem Friedrichsplatz vor dem Fridericianum an. An die Spitze pflanzte er am 16. März 1982 die erste Eiche. Auf Beschimpfungen von Bürgern antwortete Beuys in einem WDR-Interview: „Das hat mich nicht verwundert, denn sogar so eine vernünftige Sache wie das Pflanzen von Bäumen hat ja Proteste ausgelöst hier in Kassel. Also, wenn die Kunst an die Menschen herankommt heutzutage, vor allen Dingen mit ihren erneuernden Vorstellungen, dann haben schon Menschen ihre Schwierigkeiten oftmals damit. Das war mir immer klar.“ Mit Freiwilligen pflanzte er in Kassel 7.000 Bäume mit je einem Basaltstein. Die künstlerische und ökologische Intervention, um den urbanen Lebensraum nachhaltig zu verändern, wurde fünf Jahre später zur documenta 8 abgeschlossen. Das Kunstwerk steht seit 2004 unter Denkmalschutz.

Die fifteen MICE days

Wie schaffen wir es, Veranstaltungen umweltfreundlich zu realisieren? Und können kollektive Arbeitsprozesse uns helfen, Innovationen voranzubringen? Das sind Fragen, die sich das Team von Kassel Convention Bureau stellt und sich über die 100 Tage der Ausstellung Antworten sucht. „Die documenta fifteen steht in einem besonders starken gesellschaftspolitischen Kontext. Vor allem wird uns zum ersten Mal eine vollkommen neue und für uns ungewohnte, aber sehr spannende Perspektive auf das, was man unter Weltkunst verstehen kann, gezeigt – nämlich die des globalen Südens“, erklärt Anke Müller. Die Leiterin des Kassel Convention Networks ergänzt: „Das Konzept der documenta fifteen ist sehr wichtig für unsere Arbeit, in der es auch um neue Formate geht und um Nachhaltigkeit auf allen Ebenen unseres Lebens.“ Dazu will sie sich mit anderen austauschen.

Sparringspartner für Eventplaner v. l.: Christine Popp, Kassel Kongress Palais, und ihre Kollegen aus dem Kassel Convention Bureau: Anke Müller, Michelle Spangenberg und Michael Kellner. Foto: Mario Zgoll

Ihr Kollege Oliver Höppner, Bereichsleiter für Geschäftstourismus bei Kassel Marketing, bekräftigt: „Auch für uns ist Nachhaltigkeit ein klares Zukunftsthema, denn Kassel ist eine beliebte Destination für Veranstalter, die bei der Organisation ihrer Veranstaltung auf Nachhaltigkeit setzen. Daher sehen wir die documenta fifteen als hervorragendes Umfeld zur Inspiration.“ Dieses Umfeld nutzen das Kassel Convention Bureau und seine Partner wie das Kassel Kongress Palais und entwerfen für Veranstaltungsplaner das Programm „fifteen MICE days“. 70 Gäste nutzen die Gelegenheit, bekommen Impulse der documenta fifteen und Einblicke in Kassels Infrastruktur für Events. Sie wählen aus zehn Programmpunkten aus, z.B. dem exklusiven documenta-Erlebnis mit dem Kassel Kongress Palais: Auf die Vorstellung von Kassel Convention Bureau und Kongress Palais folgt erst eine digitale Führung durch das Kongress Palais über einen Weframe-Screen, dann der gemeinsame Ausstellungsrundgang „Walk and Stories“ – und das mit etwas Glück in Begleitung von Christine Popp, Vertriebsrepräsentantin im Kassel Kongress Palais.

„Kassel und die documenta gehören einfach zusammen. Der lokale Geschäftstourismus profitiert von der Strahlkraft dieser weltweit einzigartigen Kunstausstellung und macht Tagungen, Kongresse und Firmenevents in der documenta-Stadt zum unvergleichbaren Erlebnis. Genau dieses Kassel-Gefühl möchten wir mit unseren ‚fifteen MICE days‘ spürbar machen.“

Andreas Bilo, Geschäftsführer von Kassel Marketing

Treffpunkt ist immer das UK14. Das Gebäude, das der Kasseler Architekt Paul Bode für eine Obst‐ und Gemüsegroßhandlung entworfen hatte, haben Kirstin Homburg-Kleinkauf und Uwe Kleinkauf zu einer Eventlocation mit acht Räumen umgebaut. Das UK14 versteht sich als ein Ort für Begegnung, Orientierung und Entwicklung im Zusammenspiel von kulturellen und wirtschaftlichen Unternehmungen. Während der documenta wird es zum Wohnzimmer von Anke Müller und ihren Kollegen und Partnern im Kassel Convention Bureau.

Das Penta Hotel Kassel ist Partner der fifteen MICE days zur documenta und serviert im Rahmen des Programms seinen „Penta Burger“ mit Pommes frites und einen Willkommensdrink kostenlos. Foto: tw tagungswirtschaft

Die Übersetzung in Räume und Restaurants

„Die documenta fifteen hat mich sehr in meiner Arbeit inspiriert und hat uns Impulse für neues Denken gegeben. Letztendlich spiegelt die documenta fifteen in gewisser Weise unsere Gründungsidee wieder“, sagt Madlen Freudenberg. Mit zwei weiteren Gründerinnen hat sie aus einer ehemaligen Druckerei einen Veranstaltungsort, ein Innovationslabor und Coworking-Space gemacht: die Neue Denkerei. „Wir wollen Menschen vernetzen, die ähnliche Ideen haben und an ähnlichen Themen arbeiten, damit in der Gemeinschaft etwas Neues entsteht“, beschreibt sie die Gründungsidee. Dafür bietet die Neue Denkerei Räume an, etwa für Arbeitsplätze, Vernetzungstreffen für Start-ups, Tagungen und Workshops und Beratungen zu Organisationsentwicklung und New Work. Freudenberg glaubt an Serendipity, die zufällige Begegnung und Entdeckung. „Diese brauchen wir, damit wir auf neue Ideen kommen und das Etablierte hinterfragen“, betont Freudenberg und denkt an Effectuation, eine unternehmerische Entscheidungslogik, die in Situationen hoher Ungewissheit eingesetzt werden kann, weil sie nicht auf Daten der Vergangenheit und deren Vorhersagen fußt, sondern der Handlungsfähigkeit durch individuelle Mittel und der Co-Creation mit anderen Menschen.

Foto: Neue Denkerei

„Die documenta fifteen hat mich sehr in meiner Arbeit inspiriert und hat uns Impulse für neues Denken gegeben. Letztendlich spiegelt die documenta fifteen in gewisser Weise unsere Gründungsidee wider.“

Madlen Freudenberg, Mitgründerin Neue Denkerei

Madlen Freudenberg, Mitgründerin der Neuen Denkerei in Kassel: „Die documenta fifteen hat mich sehr in meiner Arbeit inspiriert und hat uns Impulse für neues Denken gegeben. Letztendlich spiegelt die documenta fifteen in gewisser Weise unsere Gründungsidee wider.“ Foto: Neue Denkerei

Impulse von der documenta fifteen reicht Freudenberg als Fragen durch, etwa auf LinkedIn: „Wie würde unsere Welt, insbesondere unsere Wirtschaft, aussehen, wenn wir, anstatt uns am Konkurrenzgedanken zu orientieren, auf Kooperation setzen, die allen gleichermaßen zugute kommt?“ Diese Frage beschäftigt sie in ihrer Arbeit nahezu täglich. Anregungen liefert ihr das Museumsgebäude Fridericianum, das in diesen Tagen als Fridskul (Schule) fungiert. Ausgestattet mit alten Sofas, selbst gebastelten Regalen und bemalten Schaubildern befasst sich hier das Kollektiv Gudskul, eine Bildungsplattform, mit dem Entstehen von Gemeinschaftlichkeit. Im Stundenplan stehen Workshops, Seminare, interaktive Formate und Spiele. Beim Schachspiel „Collective of Collectives Chess“ treten vier Spieler nach den bekannten Regeln miteinander und nicht gegeneinander an, um in acht Minuten vier Figuren jeder Farbe in das mittlere Quadrat zu bekommen. Dem Kollektiv und anderen Künstlern stehen über die Räume hinaus ein Schlafsaal und eine Küche zur Verfügung. Sie können in der Fridskul wohnen, gemeinsam leben, kochen, essen und arbeiten. So entsteht ein Raum für Begegnungen, dessen Form sich im Laufe der 100 Tage aus seiner Nutzung ergibt.

An neuen Raum-, Gastro- und Food-Konzepten arbeitet Rainer Holzhauer. Er ist Geschäftsführer des historischen Renthofs Kassel. Das ehemalige Karmeliterkloster ist heute ein Stadthotel mit 55 Zimmern und vier Räumen für insgesamt 650 Teilnehmer. Auf der documenta fifteen hat Holzhauer das Prinzip lumbung für sich entdeckt und setzt das Miteinander und das Teilen auf seine Speisekarte. Die Idee ist einfach: Es gibt vier Vorspeisen, eine Suppe und drei Hauptspeisen sowie zwei Desserts. Jeder Gang wird für alle Gäste in der Mitte des Tisch eingedeckt.

Auf der documenta fifteen hat Rainer Holzhauer das Prinzip lumbung für sich entdeckt und setzt das Miteinander und das Teilen auf seine Speisekarte im Renthof Kassel. Foto: Renthof Kassel

Die Getränkebegleitung sieht Wasser, einen Weiß- und einen Rotwein vor – und das alles für 70 Euro pro Person, Genuss inklusive. Die Speisen stellt der Gastronom und Koch täglich aus frischen, regionalen und saisonalen Angeboten zusammen. So muss er keine große Speisekarte vorhalten und sein Personal keine aufwendigen Bestellungen aufnehmen. „Ich bewirte meine Gäste wie sonst meine Freude, für die koche ich ja auch etwas“, bemerkt Holzhauer. Abgesehen davon, dass ihm so mehr Zeit bliebe, Gastgeber zu sein, brauche die Gastronomie angesichts von Personalnot und steigenden Preisen dringend neue Konzepte. Während das Angebot von den Besuchern der documenta fifteen gut angenommen werde, würden die Bürger Kassels noch ein wenig brauchen, beobachtet er. Sicher ist – und das ist nicht unwesentlich: Mit seiner Idee vermeidet Rainer Holzhauer Lebensmittelabfälle.

Kerstin Wünsch

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