Steigende (Energie-)Preise

Im Sparmodus

Der Berliner Funkturm auf dem Gelände der Messe Berlin strahlt nachts in den Farben der gerade stattfindenden Veranstaltung: zur IFA in Rot, zur ITB in Orange und zur Internationalen Grünen Woche in Grün. Die Lichtanlage besteht aus 68 LED-Leuchten. Zur InnoTrans 2022 bleiben die Lichter in Blau aus. Foto: Capital Catering

Der Berliner Funkturm auf dem Gelände der Messe Berlin strahlt nachts in den Farben der gerade stattfindenden Veranstaltung: zur IFA in Rot, zur ITB in Orange und zur Internationalen Grünen Woche in Grün. Die Lichtanlage besteht aus 68 LED-Leuchten. Zur InnoTrans 2022 bleiben die Lichter in Blau aus. Foto: Capital Catering

Gas und Öl sind knapp und werden aller Voraussicht nach im Herbst und Winter nochmals deutlich teurer. Das kann eine weitere Preiswelle zur Folge haben und Folgen für die Inflation. Die Veranstaltungswirtschaft ist von den Preiserhöhungen stark betroffen und beunruhigt, denn die Tage werden kühler und kürzer und die Sorgen um die Energieversorgung größer.

“The radio tower will not be illuminated during #InnoTrans2022. With this InnoTrans joins the Berlin Senate's energy saving project. #InnoTrans2022 #energysaving #switchoff”, informiert die InnoTrans im August auf Twitter. Die internationale Leitmesse für Verkehrstechnik belegt alle zwei Jahre die Hallen der Messe Berlin und erneut vom 20. bis 23. September 2022. Nur anders als in den Vorjahren wird der Berliner Funkturm auf dem Gelände der Messe Berlin nachts nicht in Blau erstrahlen und die InnoTrans Energie sparen.

Nicht nur der Berliner Senat berät darüber, wie in der deutschen Hauptstadt Strom und Gas gespart werden können, die anderen Bundesländer tun es auch, ebenso wie Unternehmen. Allerorten werden Maßnahmenkataloge erarbeitet, um angesichts eingeschränkter Gaslieferungen aus Russland und gestiegener Strom- und Gaspreise die Versorgung sicherzustellen. Als einer der größten Stromabnehmer schaltet die Deutsche Bahn die Beleuchtung ihres Hauptsitzes, den Berliner Bahntower, ab und legt ein Energiespar-Bonus-Programm auf. Die Belegschaft bekommt einen Energiebonus von 100 Euro, verbunden mit dem Aufruf, am Arbeitsplatz Energie zu sparen. Ob Beleuchtung, Heizung oder Treppe laufen – diese Einsparungen summieren sich. Ein Thema, über das Martin Seiler, Vorstand Personal und Recht bei der Deutschen Bahn, mit dem Morgenmagazin spricht und auf LinkedIn schreibt: „Unsere Mitarbeitenden bekommen einen #Energie-Bonus von bis zu 150€. Damit honorieren wir den kreativen Einsatz unserer 200.000 Mitarbeitenden und wollen hierfür einen Ausgleich für die steigenden Energiepreise bieten.“

Zwei Drittel der Deutschen sind bereit, im kommenden Winter weniger zu heizen und stattdessen einen Pullover oder eine wärmende Decke zu nutzen, um die Unabhängigkeit Deutschlands von Energielieferungen aus Russland zu unterstützen. Das hat die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) in ihrem Umweltmonitor herausgefunden. Grafik: DBU

Die Preise für Energie sind im Juli erneut um über 35 Prozent gestiegen, die Preise für Lebensmittel um fast 15 Prozent im Vergleich zum jeweiligen Vorjahresmonat 2021. Die Unternehmen und Verbraucher und damit die Nachfrager und Anbieter von Veranstaltungen müssen sich auf weitere Preissteigerungen einstellen. Gas und Öl sind knapp und werden aller Voraussicht nach im Herbst und Winter nochmals deutlich teurer mit Folgen für die Inflation. Das zeigt das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in seiner Simulationsrechnung auf: Wenn sich der Gaspreis im Herbst verdoppelt, steigt die Inflation im kommenden Jahr um bis zu vier Prozentpunkte.

Steigende Energiepreise

Die höchsten Preissteigerungen spürt Michael Graef, Leiter Unternehmenskommunikation im Weiterbildungsinstitut HDT (Haus der Technik), im Einkauf von Veranstaltungsleistungen beim Catering, den Raummieten und Energiekosten. Diese Kosten gibt das HDT an die Teilnehmerschaft weiter. Graef: „Tatsächlich bleibt uns gar nichts anderes übrig, was sich daraus erklärt, dass es sich beim HDT um eine Non-Profit-Organisation handelt. Träger des HDT ist der gemeinnützige Verein Haus der Technik e. V.“ Er kennt auch die Seite der Tagungshäuser, denn viele seiner Veranstaltungen und Fortbildungen finden im denkmalgeschützten Stammhaus des Vereins Haus der Technik statt, genauer im HDT Congress Center mit 30 Räumen. Gegen die steigenden Energiekosten werden Maßnahmen ergriffen, z.B. die Erhöhung der Auslastung der Räume, Anpassungen beim Kühlen und Heizen, etwa durch einen Wärmetauscher für die Fernwärme, oder der Verzicht, Verkehrsflächen zu beheizen. „Auch scheinbare Kleinigkeiten wie die Umrüstung auf LED-Beleuchtung sorgen bei einem Haus unserer Größe für spürbare Effekte“, weiß Graef.

Foto: HDT

„Die Situation macht die digitale Teilnahme attraktiver“

Michael Graef, Leiter Unternehmenskommunikation im Weiterbildungsinstitut HDT (Haus der Technik), über ein Veranstaltungsangebot auf Vor-Corona-Niveau, die Weitergabe steigender Kosten und die Demokratisierung der Weiterbildung.

Wie hoch die Preise in der Eventindustrie gestiegen sind, hat das R.I.F.E.L. (Research Institute for Exhibition and Live-Communication) im Auftrag der fwd: Bundesvereinigung Veranstaltungswirtschaft in seiner Metastudie „Kosten-Entwicklung Event/Messe 2022“ herausgefunden. Dafür haben Event- und Messe-Projektleiter verschiedene Formate mit vorliegenden Kalkulationen von 2019 für 2022 neu berechnet. Ihre Beispielrechnungen zeigen: Veranstaltungen in Präsenz haben sich 2022 gegenüber 2019 im Durchschnitt um 45 Prozent verteuert. Events bis zu 250 Personen sind im Vergleich zu 2019 im Durchschnitt um 58 Prozent teurer geworden, Anlässe mit 600 Personen um 55 Prozent und Veranstaltungen mit bis zu 1.500 Personen um 46 Prozent.

„Kosten-Entwicklung Event/Messe 2022“

Eine Studie des R.I.F.E.L. e. V. (Research Institute for Exhibition and Live-Communication) im Auftrag des fwd: Bundesvereinigung Veranstaltungswirtschaft e. V.

„Die aktuellen Preissteigerungen sind eine extreme Belastung für die gesamte Veranstaltungswirtschaft“, weiß Alexander Ostermaier. Der Geschäftsführer von fwd: Bundesvereinigung Veranstaltungswirtschaft weist daraufhin, dass laut der Studie mit dem R.I.F.E.L die Branche überproportional stark von den allgemeinen Teuerungen betroffen ist. Die Auslöser für die Preisentwicklungen sind vielfältig. Die steigende Nachfrage nach Messen, Kongressen und Events in Präsenz im Sommer einerseits und der Mangel an Mitarbeitern andererseits haben die Personalkosten deutlich erhöht. Die Engpässe und Preiserhöhungen in der Energieversorgung kommen obendrauf. „Auch wir bei Vok Dams machen die Erfahrung, dass u.a. allgemeine Kostensteigerungen von Rohstoffen bis Transportkosten bei Event-Produktionen durchschlagen“, bestätigt Colja Dams. Der CEO von Vok Dams Events & Live-Marketing geht von weiteren Preissteigerungen bei fast allen Event- und Messe-Gewerken aus. Wie er und andere Agenturen damit umgehen, steht in der Juli-Ausgabe der tw tagungswirtschaft.

Ausblick Geschäftsreisen 2023

Die weltweiten Preise für Geschäftsreisen werden in den verbleibenden Monaten 2022 und im gesamten Jahr 2023 voraussichtlich weiter steigen, resümieren die Global Business Travel Association (GBTA) und CWT in ihrem Global Business Travel Forecast 2023. Dieser fußt auf anonymisierten Daten der beiden Organisationen, Brancheninformationen sowie ökonometrischen und statistischen Modellierungen des Avrio Institute. Für Tagungen und Veranstaltungen wird erwartet, dass die Kosten pro Teilnehmer für Meetings und Events im Jahr 2022 um etwa 25 Prozent höher sein werden als 2019 und in 2023 um voraussichtlich weitere sieben Prozent steigen werden.

Source: 2023 Annual Global Business Travel Forecast

Als Hauptpreistreiber macht der Global Business Travel Forecast 2023 Arbeitskräftemangel, Inflationsdruck bei den Rohstoffkosten und steigende Treibstoffpreise aus und enthält auch warnende Hinweise auf die drei Hauptkräfte, die Druck auf die Wirtschaft und den Business Travel ausüben: der Krieg in der Ukraine in Verbindung mit anderen geopolitischen Unsicherheiten, der Inflationsdruck und das Risiko weiterer Covid-Ausbrüche.

Sorgen um die Energiesicherheit

Der Krieg in der Ukraine macht die Energieversorgung unsicher und teuer. Dass das der Hotellerie neben steigenden Kosten immer größere Sorgen bereitet, zeigt die aktuelle Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga Bundesverband) unter 3.509 Betrieben. Zwar liegt der Umsatz im Juli nominal erstmals auf dem Vorkrisenniveau von 2019, aber die preisbereinigten Umsätze sind weit davon entfernt. „Den Umsätzen stehen weitaus höhere Kosten entgegen als vor der Corona-Krise“, begründet Dehoga-Präsident Guido Zöllick die Differenz. „Insbesondere die explodierenden Gas- und Strompreise bereiten den Betrieben sehr große Sorgen.“ So stiegen die durchschnittlichen Kosten für Gas im Juli gegenüber dem Juli des Vorjahres um 60 Prozent, für Strom um 39 Prozent, für Lebensmittel um 25 Prozent, für Personal um 18 Prozent und für Getränke um 15 Prozent. Auch die Sicherheit der Energieversorgung im Herbst und Winter beschäftigt die Unternehmen zunehmend. „Wir erwarten, dass jetzt alles unternommen wird, um die Sicherheit der Energieversorgung zu gewährleisten und die Kostenexplosion bei Gas und Strom einzudämmen", fordert Zöllick.

„Insbesondere die explodierenden Gas- und Strompreise bereiten den Betrieben sehr große Sorgen.“

Guido Zöllick, Dehoga-Präsident

Die Gasversorgung

Zu den Kosten für Gas kommt ab Oktober eine Gasumlage von 2,419 Cent pro Kilowattstunde hinzu. Bezahlen müssen sie Privathaushalte und Unternehmen, die Gas verbrauchen. Für die Gewinnung von Energie werden in Deutschland bisher zu 59,6 Prozent konventionelle Energiequellen wie Kohle, Kernenergie, Erdgas und Erdöl eingesetzt. Erdgas macht 16 Prozent aus. Die Gasspeicher sollen bis 1. November 2022 zu 95 Prozent gefüllt sein. Das soll für zwei bis drei Wintermonate reichen. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz schreibt in seinem aktuellen Lagebericht zur Gasversorgung am 5. September 2022: Die Lage ist angespannt und eine weitere Verschlechterung der Situation kann nicht ausgeschlossen werden. Die Gasversorgung in Deutschland ist im Moment aber stabil. Die Versorgungssicherheit in Deutschland ist derzeit weiter gewährleistet. In ihrem Notfallplan Gas hat die Bundesregierung am 23. Juni 2022 die zweite Stufe ausgerufen. Die „Alarmstufe“ hat bisher keine Folgen für Veranstaltungszentren, informiert der Europäische Verband der Veranstaltungs-Centren (EVVC) zur Gasversorgung. Das könnte sich im Fall der „Notfallstufe“ ändern. Veranstaltungszentren zählen laut Energiewirtschaftsgesetz, Gasnetzzugangsverordnung und SoS-Verordnung nicht per se zu den geschützten Kunden. Etwa die Hälfte der EVVC-Mitgliedshäuser ist direkt von der Gasversorgung abhängig, weitere 30 Prozent sind es indirekt. „Somit sind allein im EVVC über 500 Veranstaltungszentren auf eine sichere Gasversorgung angewiesen“, erklärt EVVC-Geschäftsführer Timo Feuerbach und ergänzt: „Die Umstellung der Energieversorgung ist weder für kommunale noch privat getragene Häuser kurzfristig so einfach machbar.“

Foto: EVVC

„Bei der energetischen Sanierung geht es voran, aber sicher noch zu langsam“

Timo Feuerbach, Geschäftsführer EVVC – Europäischer Verband der Veranstaltungs-Centren, über die Gasversorgung, europäische Fördermöglichkeiten und die Weitergabe von Energiepreisen.

Bei Thema Energieversorgung arbeitet der EVVC eng mit den anderen fünf Fachverbänden im Forum Veranstaltungswirtschaft zusammen. „Wir unterstützen das Ziel der EU, über den Herbst und Winter 15 Prozent Energie einzusparen, um eine Einschränkung der Gasversorgung zu vermeiden“, so Feuerbach. Die Branche wolle einen Beitrag leisten. Dazu erhalten die Mitglieder eine Handlungsempfehlung an die Hand. Inwiefern die Veranstaltungshäuser die höheren Kosten für Energie an ihre Kunden weitergeben werden, ist für ihn eine komplexe Frage – und Lösungen können von Fall zu Fall unterschiedlich sein. Feuerbach: „Um zumindest wirtschaftlich zu arbeiten, müssen so deutliche Kostensteigerungen wie aktuell im Energiebereich weitergegeben werden.“

Neuer Umgang mit Ressourcen

Dass beim Thema Klima und alternative Energieversorgung die Nerven bei manchen Menschen blank liegen, zeigt der Shitstorm, den JenaKultur im Sommer erlebt hat. Die Veranstalter des Musikfestivals Kulturarena Jena 2022 hatten die Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer zu einer musikalisch unterlegten Lesung zu den Schicksalsfragen dieser Tage und der Möglichkeit zum Austausch ins Volksbad Jena eingeladen. Eine Klimadiskussion hätte auf einem Musikfestival nichts zu suchen, beschwerten sich die Kritiker in den sozialen Medien.

Luisa Neubauer und ein Shitstorm zur Kulturarena Jena 2022

JenaKultur hatte Luisa Neubauer zu einer Lesung auf dem Musikfestival Kulturarena Jena 2022 eingeladen und erlebte einen Shitstorm. Geschäftsführer Carsten Müller tauschte sich trotzdem mit der Klimaaktivistin aus, „denn“, so Müller: „Zukunft wird immer in der Gegenwart gemacht. Und vor diesem Hintergrund hat JenaKultur Luisa Neubauer sehr gerne und neugierig eingeladen, um mit ihr und dem Publikum über die Entwicklung von Zukunft zu sprechen.“

Luisa Neubauer und Carsten Müller im Talk zur Kulturarena Jena 2022. Foto: Christoph Worsch

Carsten Müller von JenaKultur sieht das anders „in einer Zeit multipler Krisen, die unser bisheriges Koordinatensystem neu definieren“. In seinem Statement auf LinkedIn bezieht der Geschäftsführer deutlich Stellung und stellt den Zusammenhang her: „Wir erleben gerade das fünfte Jahr mit extremer Trockenheit und Hitzeperioden. Der Betrieb von Sport-, Kultur- und sonstigen Veranstaltungs-Immobilien ist ohne ausreichende Klimatisierungs- und Kältetechnik kaum noch möglich. Gleichzeitig steuern wir auf eine Indoor-Periode zu, die von massiv steigenden Strom- und Heizkosten geprägt sein wird. Das führt uns die grundsätzlich politische Verfügbarkeit und Abhängigkeit von fossilen Energieressourcen kompromisslos vor Augen.“ Vor diesem Hintergrund betont Müller: „Es ist keine Frage der parteipolitischen Einstellung, sondern des klaren Verstandes, der betriebswirtschaftlichen Logik und gesamtgesellschaftlichen Verantwortung, dass wir Nachhaltigkeit und verantwortungsvollen Ressourcenumgang neu und konsequent definieren müssen.“

Kerstin Wünsch

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