Interview Prof. Ulrich Weinberg

„Wir müssen die Denke ändern!"

Foto: HPI School of Design Thinking, Kay Herschelmann

Interview Prof. Ulrich Weinberg

„Wir müssen die Denke ändern!"

Foto: HPI School of Design Thinking, Kay Herschelmann

Prof. Ulrich Weinberg, Leiter der School of Design Thinking am Hasso-Plattner-Institut, über seine Begegnung mit The BossHoss, den Besuch einer Quanten-Physik-Session, komplexe Fragestellungen, interdisziplinäre Teams und das Finden neuer Ideen.

tw tagungswirtschaft: Sie halten Vorträge zu Innovation, Digitalisierung und New Work und stehen oft auf der Bühne. Bei der Veranstaltung „Meet the Change“ saßen Sie im Panel mit Musiker Alec Völkel von The BossHoss. Wie war das, und was haben Sie mitgenommen aus dieser vielfältigen Runde?

Prof. Ulrich Weinberg: Das war für mich eine sehr interessante Runde, denn ich kam aus einem Erfahrungsspektrum: Krise, ja, aber auch Chance. Bei uns ist das Thema Chance viel größer als das Thema Krise, doch hier saß ich umringt von Leuten, bei denen das Thema Krise viel größer ist als das Thema Chance. Menschen, die gar nicht weiterarbeiten können, die zurückgeworfen sind in eine physische Welt, die man nicht so leicht digitalisieren kann. Mir ist klar geworden, wie viel Glück wir gehabt haben in dieser Krise, zum einen in einer IT-Umgebung zu sein mit Menschen, die uns dabei helfen etwas zu digitalisieren, und zum anderen – und das ist noch das Wichtigere – im Denk-Kosmos der School of Design Thinking zu sein, die sich genau mit dieser Fragestellung beschäftigt: Wie gehe ich um mit kritischen Problemen und mit komplexen Fragestellungen? Die Pandemie ist natürlich eine hochkomplexe Herausforderung. So war es ein spannender Austausch auf der Bühne.

Ist etwas daraus erfolgt? Ja. Das Spannende ist, dass zwei Projekte entstanden sind, die wir jetzt im Wintersemester mit unseren Studierenden umsetzen; zum einen mit Alec Völkel und The BossHoss, zum anderen mit Oliver Lange und H&M. Beides Projekte, die in Gesprächen nach dem Panel entstanden sind. Ich habe beiden spontan vorgeschlagen: Wir bauen gerade unser Semester-Portfolio, habt ihr nicht Lust, euer Thema bei uns einzutakten? Und sie haben spontan gesagt: Ja, lass uns das tun.

Wer ist Prof. Ulrich Weinberg?

2007 lässt Prof. Ulrich Weinberg sein Sabbatical in China sausen, um dem Ruf zu folgen, am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam die School of Design Thinking aufzubauen, die er seither leitet. Zuvor wirkte Weinberg 25 Jahre im Film- und 3D-Bereich, davon 13 Jahre als Professor an der Filmhochschule in Babelsberg. Weinberg hat Kunst, Design, Philosophie und Kunstgeschichte in München und Berlin studiert. 2015 veröffentlich er das Buch "Network Thinking – Was kommt nach dem Brockhaus-Denken?".

Was erwidern Sie Kritikern, die denken: Was soll das schon bringen, sich mit Menschen aus verschiedenen Bereichen und Berufen auszutauschen? Würden Sie denen sagen, dass das gerade in der Krise wichtig ist? Absolut, das war auch mein Plädoyer für die Panel-Runde: Dass man die Zeit nutzt und sich in andere, fremde Bereiche hineinbewegt, und das kann man im Moment leicht tun. Physisch hätte man das nicht gemacht und wäre nicht zu einer Konferenz nach San Francisco außerhalb des eigenen Themenfelds geflogen, das wäre viel zu teuer. Jetzt kann man herumstreunen. Man kann schauen, was interessant klingt und vielleicht sogar kostenlos ist. Dort kann man eine Weile verbringen und sich von dem inspirieren lassen, was andere umtreibt.

Sie machen das auch selbst? Ja, gerade heute Vormittag. Ich habe bei der „Falling-Walls“-Konferenz in eine Quanten-Physik-Session reingehört. Natürlich verstehe ich als Nicht-Physiker nicht viel, aber ich kriege mit: Wow, da ist ein Thema, das Menschen massiv umtreibt, ein Thema, wo sie große Chancen sehen. Das inspiriert und gibt einem einen Impuls für den eigenen Weg.

Prof. Ulrich Weinberg appelliert in Panel-Runde „Meet the Change“: Nutzen Sie die Zeit und bewegen Sie sich in andere, fremde Bereiche hinein. Foto: Meet Germany, Oliver Wachenfeld

Interdisziplinäre Teams sind ein wesentlicher Bestandteil von Design Thinking auf der Suche nach innovativen Lösungen. Warum sind verschiedene Disziplinen so wichtig? Wir setzen darauf, dass wir komplexe Fragestellungen nur in einem komplexen Setting vernünftig lösen können. Das ist ein grundsätzlich anderer Ansatz als der, den wir traditionell verfolgen, in der Bildungswelt beispielsweise. Nehmen wir die Pandemie: Aus unserer Perspektive wäre der richtige Weg gewesen im März – eigentlich schon früher, in dem Moment, wo man merkte, da schwappt eine Welle über den Globus und die ist unaufhaltbar – ein Krisenteam einzusetzen. Eine multidisziplinäre Taskforce, die sich zusammensetzt, ja, auch aus einem Virologen, aber eben auch einem Soziologen, Statistiker, IT-ler und Politikwissenschaftler und so unterschiedliche Sichtweisen zusammenzubringt und an Lösungsszenarien arbeitet. Ich glaube, wir wären damit besser gefahren, als wenn wir erst einmal die Virologen fragen, weil es ja ein Virus ist. Das alleine hilft aber nicht, denn das Problem ist ein hochkomplexes. Und das haben wir in ganz vielen Bereichen, dass man minderkomplex an hochkomplexe Fragestellungen herangeht, weil wir nicht anders trainiert sind.

Wie sind wir denn trainiert? Wir sind trainiert, in einem Silo ein perfekter Denker, Macher, Arbeiter und Werker zu sein. Wir sind weder trainiert, die Brücken zu anderen Silos zu bauen, noch von vorneherein einen komplexen Lösungsansatz zu suchen. Das ist aber der Ansatz, den wir mit Design Thinking verfolgen. Wir müssen die Denke ändern! Wir müssen dafür sorgen, dass schon in den Bildungseinrichtungen von klein an trainiert wird, auf komplexe Fragestellungen auch vernünftig zu antworten und vernünftig zu reagieren. Deshalb setzen wir auf das Zusammenführen verschiedener Disziplinen und das ist hochgradig wichtig.

Design Thinking: Der Mensch im Mittelpunkt

Design Thinking ist ein Ansatz und ein Mindset, mit dem man in interdisziplinären Teams innovative Lösungen für komplexe Probleme entwickeln kann. Dabei steht der Mensch im Mittelpunkt. Design Thinking hilft dabei traditionelle Denk- und Arbeitsmodelle zu überwinden und schafft eine agile Lern- und Arbeitskultur, um im digitalen Wandel bestehen zu können. Populär gemacht haben Design Thinking David Kelley, Terry Winograd und Larry Leifer von der Stanford University. Gemeinsam mit der d.school in Stanford nimmt die HPI School of Design Thinking in Potsdam eine Pionierrolle bei der akademischen Ausbildung und Verbreitung von Design Thinking ein.

Das komplexe Problem Pandemie passt auf die Veranstaltungsindustrie. Mit steigenden Infektionszahlen werden im November erneut soziale Kontakte eingeschränkt. Kongresse und Events werden verschoben oder ins Virtuelle verlegt. Kann hier Design Thinking helfen? Und wenn ja, wie wäre die Versuchsanordnung? Das machen wir gerade tatsächlich am Beispiel von BossHoss mit Alec Völkel und seinem Team. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Studierenden das tun, was wir ihnen im ersten Semester vermittelt haben, nämlich zu überlegen, für wen wir das tun. Wir haben uns hier bewusst für den Fan entschieden und schauen aus der Fan-Perspektive: Wie geht er oder sie damit um, dass er keine Tuchfühlung mehr haben kann zu seiner geliebten Band? Er kann sie zwar auf audiovisuellen Tonträgern wahrnehmen, aber nicht mehr beim Konzert abrocken. Die Studierenden werden sich mit der Fangemeinde beschäftigen, mit Menschen, die mit ihrer Band durch Deutschland oder Europa reisen. Für uns sind das die „Extreme User“, und es ist ganz wichtig herauszufinden, was diese antreibt. Und was könnte die Fans in der Pandemie treiben, etwas anderes ebenso exzessiv zu machen? Das andere, was die Studierenden machen werden, ist in andere Bereiche zu sehen, wo es ebenfalls eine enge Bindung gibt, zwischen dem Kunden und dem Service Provider. Davon werden sie sich inspirieren lassen. Auf der Suche nach anderen Feldern kommt einem das gemischte Set an Disziplinen extrem zu gute. Da fällt einem der Studierenden sofort etwas ein aus seinem Bereich. Sport kann ich mir vorstellen, da ist es so ähnlich. Dann bewegen sie sich in diesem Kosmos auf mögliche Lösungen zu und setzen diese prototypisch um. Sie sammeln viele, viele Ideen, die in der Zusammenarbeit entstehen und natürlich auch mit dem Projekt-Partner, denn BossHoss „are the experts“. Das ist ein permanenter Austausch. Zum Glück sind Musiker Kreative und keine Wirtschaftsprüfer oder aus einer Bank oder Versicherung, wo man Kreativität nicht vermuten würde. Ich bin sehr gespannt, was dabei herauskommt.

Wenn ich den Fan durch den Fachbesucher einer Messe ersetze oder den Teilnehmer einer Tagung wie der Falling Walls, wie kann ich erkennen, was diesen umtreibt? Auch da würde ich schauen, was es im Analogen gibt und mir als erstes die Experten holen. Wichtig ist, dass unsere Studierenden in dem Prozess selbst zu Experten werden. Das werden sie weniger, indem sie Bücher lesen oder Websites besuchen, sondern durch ein persönliches Gespräch. So wie wir das jetzt machen – wenn auch über Zoom. Noch besser ist es, wenn man vor Ort ist. Neben den Fans oder den Teilnehmern muss man die anderen Bereiche betrachten, etwa die Leute, die Licht oder Ton machen. Und sich von allen inspirieren lassen, denn da ist überall Kreativpotenzial. Unsere Studierenden gehen da ganz unbedarft ran, ohne ein persönliches Interesse zu haben, sondern nur ein Lösungsinteresse. Da wird viel Kreativität freigesetzt, weil Menschen zu Dingen gefragt werden, zu denen sie normalerweise nicht gefragt werden. Die freuen sich, wenn sie Ideen loswerden können, die ihnen schon lange durch den Kopf schwirren. Da entsteht manches Mal durch eine kleine Bemerkung, die man gar nicht erwarten würde, ein Kick, der zu einer Lösung führt.

Neuland – Der HPI Wissenspodcast, Folge 32: Design Thinking: Kreative Teamarbeit im virtuellen Raum Die Corona-Krise schaffte eines in wenigen Tagen: das Arbeiten im größtmöglichen Umfang in den virtuellen Raum zu verlegen. Doch welche Möglichkeiten gibt es über die üblichen Formate hinaus, die Arbeit im virtuellen Raum kreativer zu gestalten? Wie funktioniert ein gutes, virtuelles Team? Prof. Ulrich Weinberg und Dr. Claudia Nicolai, Leitungskollegium der HPI School of Design Thinking, sprechen in der Podcast-Folge Neuland über den veränderten Arbeitsalltag, die Produktivität in virtuellen Räumen, schwindende Hierarchieebenen und das neue Normal im Arbeitsalltag.

Nur habe ich in vielen Unternehmen keinen interdisziplinären Pool an kreativen Studierenden und muss mit meinen Mitarbeitern auf innovative Lösungen kommen. Wie bringe ich diese dazu, dass sie sich öffnen, Silos durchbrechen und mit anderen in Kontakt treten? Ich würde empfehlen, die Diversität, die man im Unternehmen hat und auch die Zeit jetzt, in einem Design-Thinking-Modus zu nutzen. Bei Design Thinking durchlaufen wir sechs Schritte: Zuerst machen wir eine Recherche dazu, was das Krisenthema ist und was uns in diesem Kontext umtreibt. Wir nennen das „Understand and Observe“. Dann müssen wir genau definieren, für wen wir das machen. Den Studierenden raten wir: Nehmt den, bei dem ihr das größte Potenzial wittert. Das klingt erst einmal eng und so, als würde man sich nur für eine kleine Gruppe interessieren, aber in einem komplexen Szenario ist das deutlich mehr als nur die Lösung für die eine Gruppe. Das Fokussieren auf eine Gruppe hilft, sich zu konzentrieren und konkret an den Dingen zu arbeiten. Wenn wir an diesem Punkt sind, starten wir ein Brainstorming und entwickeln hunderte Ideen. Diese clustern wir zu Themenbereichen und schauen, wo am meisten Potenzial steckt. Diese rausgepickte Idee kann eine sein, von der alle sagen, das ist supercool. Es kann aber auch eine sein, die völlig abwegig ist. Wo gesagt wird: Das geht nie, das ist viel zu teuer, das ist unrealistisch oder physisch gar nicht machbar. Doch kann es sinnvoll sein, genau diese Idee prototypisch umzusetzen und zu überlegen: Wie sieht das denn aus, wenn ich das auf die Straße bringen will? Welche Beschränkungen muss ich überwinden? Wo bekomme ich Geld her? Und das möglichst realistisch umzusetzen. Dann habe ich etwas in der Hand und kann weiterarbeiten. Das ist natürlich eine große Herausforderung, aber wir haben es in der Veranstaltungswirtschaft ja auch mit vielen kreativen Menschen zu tun.

Diesen Prozess haben Sie mit The BossHoss begonnen. Wann erwarten Sie Ergebnisse? Ich hoffe, dass zum Ende des Semesters, also Mitte Februar etwas zu sehen sein wird, das wir zusammen mit The BossHoss vorstellen können. Etwas, das aber nicht nur für The BossHoss funktioniert, sondern für eine Reihe von Bands, die sagen: Das ist ja eine supercoole Idee.

Ist es denkbar, dass Ihre Studierenden sich anderer Problemstellungen annehmen, zum Beispiel aus dem Bereich Business Events? Wir sind jederzeit bereit, uns mit solchen Problemstellungen zu beschäftigen, und BossHoss kann durchaus eine Anregung für die Veranstaltungsindustrie sein.

Virtuelles HPI-D-School-Programme in Zoom mit Prof. Ulrich Weinberg.

Eine weitere, aktuelle Herausforderung ist für viele Unternehmen und Organisationen bei der Lösungssuche und Ideenfindung, dass sich die Menschen möglichst wenig treffen sollen. Wie lässt sich ein Design-Thinking-Prozess digital abbilden? Ganz wichtig ist: Ein Tool alleine reicht nicht aus. So wenig, wie es ausreicht, wenn ich mich nur an den Tisch setze und anderen zuschaue. Ich muss aktiv werden und mit anderen gemeinsam etwas machen können. Wir setzen hier auf einen Dreiklang. Erstens auf ein Video-Konferenz-Tool und immer dafür sorgen, dass alle sichtbar sind und sich niemand wegschaltet, damit sich alle per Video ansehen und miteinander sprechen können. Zweitens brauchen wir ein Kollaborationstool, eine Plattform, auf der man sich treffen kann. Das heißt, wir treffen uns im Video-Raum und auf einer Kollaborationsplattform. Viele kennen Google Docs, wo man Dokumente hat, an denen gleichzeitig mit mehreren arbeiten kann ohne sich gegenseitig zu behindern. Wir setzen auf ein visuelles Tool, um das machen zu können, was wir sonst mit einem Whiteboard machen, also mit Klebezetteln arbeiten, draufschreiben und Fotos ankleben. Es ist wichtig, sich auf der Arbeitsplattform zu verabreden und nicht nur im Video-Sprechen-Sehen-Hören-Kontext. Die dritte Komponente ist die Ablage großer Datenmengen. Wir nutzen unsere Lernplattform „openHPI“, die zudem den Arbeitsprozess strukturiert, weil sie für offene Lernverfahren genutzt wird. Natürlich gibt es noch weitere Tools wie Trello oder Slack, mit denen man seine Arbeit noch besser koordinieren kann, wesentlich aber sind ein Kommunikationstool, ein Kollaborationstool und die Datenablage.

Welche Plattformen nutzen Sie zur Kollaboration und Kommunikation? Für die Kollaboration nutzen wir Miro, ein virtuelles Whiteboard, und für die Kommunikation Zoom. Wir haben nahezu alle Video-Plattformen ausprobiert und sind immer wieder zu Zoom zurückgekehrt. Mit Zoom habe ich die Möglichkeit bis zu 49 Menschen auf einem Screen im Video zu sehen, und ich habe Breakout-Rooms, das haben andere Tools nur bedingt. Diese Breakouts kann man vordefinieren und sich dort verabreden. Das sind im Prinzip die Team-Räume, die wir in der School of Design Thinking haben. Sie werden virtuell abgebildet und das passt perfekt für unser Setting. Außerdem habe ich die Möglichkeit, meinen Screen zu teilen und Dinge zu zeigen, die ich gerade gefunden habe. Vor allem aber: Das funktioniert ohne große technische Verrenkungen, die man bei anderen Tools machen muss.

Kerstin Wünsch

Projektbeispiel für Design Thinking

Lübben. Spielerisch. Erkunden. Projektpartner: Stadt Lübben Challenge: Gestalte das kurzfristige Tourismuserlebnis für Besucher*innen und Bürger*innen in Lübben neu und beziehe den Trend mit ein, dass „Digital Natives“ aus Ballungsräumen nach kurzen Abenteuern auf dem Land suchen. Hier steht mehr zu Lübben. Spielerisch. Erkunden.

Share this article