Digital lernen – aber wie?

Frust beim Lernen vor dem Bildschirm. Viele Online-Teilnehmer von virtuellen Eventformaten kennen das Problem. Foto: Imago, Action Pictures

Digital lernen – aber wie?

Frust beim Lernen vor dem Bildschirm. Viele Online-Teilnehmer von virtuellen Eventformaten kennen das Problem. Foto: Imago, Action Pictures

Die Vermittlung von Inhalten über Zoom und Co scheint seine Grenzen zu haben. Frontalunterricht funktioniert, aber Interaktion beschränkt sich oft auf schriftliche Kommunikation in Chats. Effektives Lernen sollte man aber nicht der reinen „Berieselung“ überlassen.

Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) macht es vor. Viele Kursinhalte der Elite-Universität sind seit Jahren online frei zugänglich. Im OpenCourseWare“ (OCW) finden sich über 2.000 Kurse zu Marketing, Produktentwicklung, Pricing oder Supply Chain Management. Andere namhafte Universitäten, etwa Yale oder Stanford, nutzen die Lernplattform Coursera, auf der sich zu bestimmten Themenfeldern Kurse belegen lassen. Und dann gibt es rein digitale Varianten bekannter Universitäten wie „HarvardX“ oder „PrincetonX“, bei denen Studenten niemals die Gebäude der renommierten Unis von innen sehen, sondern gegen Gebühr ihren Abschluss online machen. Man sieht: Online zu lernen, scheint durchaus möglich zu sein, auch wenn eine Flut kostenloser Webinare oder virtueller Veranstaltungen derzeit etwas anderes vermuten ließen. Über das Frühjahr und den Sommer gab es ein schier unerschöpfliches Angebot an virtuellen Weiterbildungsformaten, weil es nun mal keine Alternative dazu gab. Wollte man sich weiterbilden oder eine Veranstaltung besuchen, ging es ausschließlich online.

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Aber die Vermittlung von Inhalten via Zoom, Teams, Gotomeeting und Co scheint hier und da seine Grenzen zu haben. Natürlich funktioniert etwa Frontalunterricht in Form eines Webinars oder ein Vortrag als Livestream. Der limitierende Faktor ist die mangelnde Nutzung des Austauschs, denn Interaktion beschränkt sich meist auf schriftliche Kommunikation in Chats. Und beim Videokonferenzformat an sich kann immer nur eine Person sprechen und es gibt Zeitverzögerungen und immer wieder Verbindungsprobleme. Das genügt für Informationsaustausch zwischen einer überschaubaren Menge an Personen, aber für intensive Gruppeninteraktion oder effektives Lernen sollte man ein paar Dinge nicht der reinen „Berieselung“ überlassen.

„Es ist unserer Erfahrung nach wichtig, ein virtuelles Gemeinschaftsgefühl zu schaffen und Raum für Austausch zu lassen“, erläutert in diesem Kontext Paul Ohm, Software Engineer und Didaktiker beim Education-Technology-Startup Pearprogramming. „Die besten Vorträge sind die, bei denen man aktiv mitarbeiten und kognitiv anwesend sein muss.“ Sein Kollege, Product Owner und Pädagoge Maximilian Markowsky erläutert, worauf Veranstalter achten sollten: „Viele Interaktionen, Umfragen, Arbeitsphasen, Diskussionen, Gruppenarbeit. Wenn nur Frontalunterricht stattfindet, läuft auf jeden Fall etwas schief.“

„Wenn nur Frontalunterricht stattfindet, läuft auf jeden Fall etwas schief“

Die E-Learning-Experten Maximilian Marowsky (rechts) und Paul Ohm erklären im Interview, was gute Online-Formate ausmacht, warum Gruppenarbeit wichtig ist und warum Veranstalter zielgerichteter mit digitalen Medien umgehen sollten.

Pearprogramming, ein Projektteam der Universität Osnabrück, hat eine Lernplattform entwickelt, die Informatiklehrer dazu befähigt, Schülern der Sekundarstufe I qualitativ hochwertigen Informatikunterricht anzubieten. Die Kombination aus Planspiel und Elementen der Gamification vermittelt Schülern spielerisch sowohl die theoretischen Kenntnisse und praktischen Fertigkeiten der Informatik als auch die Grundlagen des unternehmerischen Denkens. Das System wird um ein Intelligent Tutoring System (ITS) erweitert, das über Lernstandsanalysen und optimierte Lernwege hinaus in der Lage ist, individuelle Anweisungen und Rückmeldungen zu geben. Für ihre Plattform sind sie unlängst mit einem Award ausgezeichnet worden. Und zwar von der Learntec, Europas größte Veranstaltung für digitale Bildung in Schule, Hochschule und Beruf. Das Themenspektrum reicht von Arbeit 4.0 bis hin zu Lernkultur und Digitalisierung. Es werden genauso Blended-Learning-Lösungen vorgestellt wie Learning Management Systeme (LMS), es geht um Formate zu Web Based Training (WBT) oder Computer Based Training (CBT) und Inhalte wie Smart Media und Mobile Learning sowie Einflüsse von etwa Augmented Reality oder künstlicher Intelligenz auf Lernumgebungen.

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Dem Thema Weiterbildung im New Normal widmete zuletzt die Schweizer Worlddidac Association in ihrem „Future Talk“ vom 4. bis 6. November 2020 eine ganze Konferenz.

Die nächste Ausgabe ist für Juni 2021 geplant und greift Themen auf, die aktueller denn je erscheinen. „Bereits im Herbst letzten Jahres – und damit weit vor Corona – haben wir entschieden, die Learntec 2021 um eine dritte Halle zum aktuellen Mega-Thema ,digitale Schule‘ zu erweitern“, sagt Britta Wirtz, Geschäftsführerin der Messe Karlsruhe. „Auch unser Future Lab wird es auf der Learntec 2021 wieder geben und spannende Ausblicke in die digitale Zukunft des Lernens aufzeigen. Außerdem freue ich mich sehr, dass wir bereits jetzt, einige Monate vor der Fachmesse, unsere Themenwochen anbieten werden.“ Dabei werden die Kanäle der Messe Karlsruhe eine Woche unter ein bestimmtes Thema gesetzt. In kostenlosen Webinaren mit Best-Practice-Beispielen, einer Diskussionsrunde mit Branchenexperten und einer abschließenden Summary-Session können sich die Teilnehmer fortbilden und virtuell untereinander austauschen. Die Woche vom 23. bis 27. November 2020 steht unter dem Schwerpunkt Corporate Learning.

Ein Thema mit großem Diskussions- und Aufarbeitungspotential: Eine Studie vom Cornerstone People Research Lab (CPRL) mit dem Titel „A License to Skill: Embracing the Reskilling Revolution“ zeigt, dass Mitarbeiter und Unternehmensführung zum Teil deutlich abweichende Sichtweisen bei der Wirksamkeit unterschiedlicher Lernprogramme haben. Bei der im Frühjahr 2020 durchgeführten Untersuchung wurden rund 1.000 Beschäftigte und 500 Führungskräfte befragt. Zu den wichtigsten Ergebnissen zählt die Erkenntnis, dass Angestellte ihrem Arbeitgeber oft nicht zutrauen, Fähigkeiten und Fertigkeiten richtig zu vermitteln. Dass diese Skills sowohl für die Mitarbeiter selbst als auch für die Firmen höchste Priorität genießen, steht dabei für beide Gruppen von Befragten fest, es hapert aber offensichtlich bei der Umsetzung. Die Initiatoren der Studie schließen, dass Unternehmen die derzeitige Verunsicherung für eine Vorwärtsstrategie nutzen sollten. Die könnte darin bestehen, den Beschäftigten einen klar nachvollziehbaren Weg aufzuzeigen, wie deren persönliche Entwicklung von Skills aussehen könnte. Diese Strategie sollte dann alle Möglichkeiten ausschöpfen, insbesondere das Lernen mit digitalen Mitteln.

Um in der digitalen Welt ansprechende Lernergebnisse zu erzielen, gibt es verschiedene Ansätze. Trainer und Wirtschaftspsychologe Henning Behrens, mit seinen Teams unter anderem mit dem HR-Innovation Award und dem eLearning-Award ausgezeichnet, gestaltet zum Beispiel mit seiner www.3dlernwelt.com virtuelle Welten und 3D-Umgebungen für Lernevents im „Neuen Normal“. Das sind computergestützte simulierte Umgebungen, die von ihren Benutzern bewohnt und in denen über Avatare interagiert wird. Diese Avatare sind üblicherweise zwei- oder dreidimensionale grafische Darstellungen, die man aus Computerspielen kennt. Als Teil der VR-Explorer hat Behrens an einem Guidebook zu Meetings und Events in 3D und virtueller Realität mitgewirkt.

Die Event-App-Hersteller von Eventmobi, die inzwischen Apps für virtuelle Veranstaltungen anbieten, setzen stark auf Elemente, die die Interaktion begünstigen. Das Spektrum reicht von Q&A-Tools und Live-Abstimmungen über Ko-Kreation und Gamification-Elementen bis hin zu virtuellen Breakouts. Wie sich die Theorie in die Praxis umsetzen lässt, hat das Unternehmen in einem Leitfaden „Online-Events leicht gemacht“ zusammengestellt.

Online-Events leicht gemacht

Im Leitfaden Online-Events leicht gemacht von Eventmobi lernen Veranstaltungsplaner, worauf es bei der Planung virtueller Formate zu achten gilt. Ein Tipp ist zum Beispiel bestehende Veranstaltungen nicht eins zu eins digital umzusetzen und wieder mehr Fokus in die Veranstaltungen zu bringen.

Wie auch immer die Zukunft virtueller Events aussehen wird, entscheidend für den Erfolg dieser Formate wird sein, dass Veranstalter jetzt die Zeit nutzen, um Berührungsängste mit digitalen Medien abzubauen. „Es wäre schön, wenn Veranstalter sicherer und zielgerichteter mit digitalen Medien umgehen würden“, sagt Paul Ohm. „Wir freuen uns auf eine Zukunft ohne lieblose Frontalvoträge. Ganz allgemein würden wir uns wünschen, dass die erste Veranstaltung von vornherein als Hybrid-Event geplant ist. So könnten alle teilnehmen, unabhängig davon, ob daheim Kinder bespaßt werden oder man der Umwelt zuliebe einen Flug spart.“ Die besten Wege für lebendige Formate online, gilt es nun zu ermitteln.

Christian Funk

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