
Vom Look zur Wirkung
Wie Design Veranstaltungen prägt
Die Frankfurter Agentur für strategisches Design und Live-Kommunikation Jazzunique zeigt noch bis zum 21. Mai 2026 den „imprfct space No 6“ des deutschen Filmemachers und Videokünstlers Owi Mahn. Die Ausstellung „Lemon & Monsters“ entstand Mahn zufolge weniger geplant, sondern dadurch, nicht ihr Ergebnis vorwegzunehmen. Foto: Jazzunique, Kristof Lemp
Die Frankfurter Agentur für strategisches Design und Live-Kommunikation Jazzunique zeigt noch bis zum 21. Mai 2026 den „imprfct space No 6“ des deutschen Filmemachers und Videokünstlers Owi Mahn. Die Ausstellung „Lemon & Monsters“ entstand Mahn zufolge weniger geplant, sondern dadurch, nicht ihr Ergebnis vorwegzunehmen. Foto: Jazzunique, Kristof Lemp
Nachdem in den vergangenen beiden Jahren rund um die IMEX Frankfurt das Thema „Impact“ die Diskussion geprägt hat, rückt mit der diesjährigen Ausgabe (19. bis 21. Mai) die nächste Frage in den Fokus: Wie entsteht Wirkung konkret? Die IMEX antwortet mit ihrem neuen Talking Point: „Design Matters“.
Damit greift sie bewusst ein Thema auf, das 2026 in der Region Frankfurt RheinMain durch die World Design Capital (WDC) programmatisch verhandelt wird. Design wird damit zum fehlenden Bindeglied zwischen Anspruch und Umsetzung. Oder anders formuliert: Wenn ökonomischer, sozialer und/oder gesellschaftlicher Impact das Ziel ist, ist Design die nötige Methode und damit strategische Disziplin. Design entscheidet darüber, wie Veranstaltungen wahrgenommen werden, wie sie funktionieren und ob sie Wirkung entfalten. Für Eventprofis stellt sich damit die Frage: Was macht gutes Eventdesign heute aus?
Wurde Eventdesign lange Zeit insbesondere visuell – etwa bei der Gestaltung von Bühne, Licht, Branding und Dramaturgie – verstanden, greifen heute vor allem drei Entwicklungen. Erstens: Aufmerksamkeit ist zur knappsten Ressource geworden. Teilnehmende bewegen sich in einer hochgradig fragmentierten Medienrealität. Ein Event konkurriert nicht mehr nur mit anderen Veranstaltungen, sondern mit digitalen Erlebnissen, Plattformen und permanent verfügbarer Information. Zweitens: Die Erwartungshaltung ist gestiegen. Besuchende erwarten auch deshalb nicht mehr nur reine Wissensformate, sondern Erlebnisse, die emotional, relevant und personalisiert sind.
Und drittens: Differenzierung erfolgt über Experience. In gesättigten Märkten entscheiden nicht die Inhalte allein, sondern die Qualität der Erfahrung darüber, ob ein Event erinnert wird. „Design ist zum entscheidenden Unterscheidungsmerkmal geworden“, erklärt Carina Bauer, CEO der IMEX Group. „Nicht, weil es gut aussieht, sondern weil es Erfahrungen, Wahrnehmung und Wirkung prägt.“ Die IMEX Frankfurt nutzt deshalb den Talking Point als übergreifendes Leitmotiv für die nächsten beiden Jahre, um die Branche dazu zu bringen, Design als „Business-Superpower“ zu verstehen.
Sichtbar wird das auf der IMEX Frankfurt 2026 vor allem im Bildungsprogramm: Mehr als 200 Sessions greifen unter anderem das Thema auf, mehrere neue Tracks widmen sich Design aus unterschiedlichen Perspektiven – von menschenzentrierter Gestaltung über Experience Design bis hin zu regenerativen Ansätzen. Gleichzeitig wird Design nicht nur diskutiert, sondern auf der Messe selbst inszeniert: in Standkonzepten, Aktivierungen und Formaten, die Interaktion und Beziehung bewusst gestalten. Bauer: „Auch zeitlich passt das hervorragend. Frankfurt RheinMain wurde zur ‚World Design Capital‘ 2026 ernannt, was uns einen breiteren kulturellen Kontext für diese Gespräche bietet.“
Eine Region denkt Gestaltung
Mit der World Design Capital 2026 wird die Region Frankfurt RheinMain zu einem groß angelegten Experimentierfeld für Gestaltung. Anders als klassische Designfestivals geht ihr ganzjähriges Programm über eine Showcase von Design als rein ästhetische Disziplin hinaus. Es versteht sich vielmehr als transformative Plattform zur Gestaltung von Wirkung – sei es in öffentlichen Räumen, gesellschaftlichen Prozessen oder im Zusammenleben. Unter dem Leitmotiv „Design for Democracy. Atmospheres for a better life“ geht es um nichts weniger als die Frage, wie Design Lebensqualität, Teilhabe und Zukunftsfähigkeit beeinflussen kann.

Ganzjähriger Treffpunkt für Design und Dialog: Der WDC Hub im Museum Angewandte Kunst dient 2026 als zentrale Anlaufstelle der World Design Capital Frankfurt RheinMain – offen für Ausstellungen, Workshops, Austauschformate und als flexibel nutzbarer Raum für Begegnung und Beteiligung. Foto: Ben Kuhlmann
Die WDC strukturiert ihr Jahr entlang von fünf Themensträngen: Lebensräume gestalten, Lernen neu denken, Kreisläufe von Design/Handwerk/Industrie, multisensorische Erfahrungen sowie Design im politischen und gesellschaftlichen Dialog. Damit liefert sie auch einen Kontext für die MICE-Branche. Denn viele der dort verhandelten Themen sind unmittelbar anschlussfähig: Wie lassen sich Räume so gestalten, dass sie Orientierung und Zugehörigkeit schaffen? Wie können Veranstaltungen inklusiver werden? Wie wird Nachhaltigkeit nicht nur behauptet, sondern sichtbar und erlebbar? Wie entstehen Formate, die Beteiligung ermöglichen statt passivem Konsum?
Das WDC-Programm 2026 in a nutshell
Der WDC Hub im Museum Angewandte Kunst läuft von Januar bis November 2026 als zentrale Anlaufstelle; er ist als offener, nicht-kommerzieller Raum konzipiert und setzt selbst auf nachhaltige Szenografie, weil viele Materialien aus früheren Ausstellungen wiederverwendet wurden.
Die WDC Pavilion Tour reist von April bis September 2026 als modularer, anpassbarer Pavillon durch mehrere Städte der Region. Das ist für die Eventbranche ein Beispiel für mobile, partizipative und ortsspezifische Raumgestaltung.
Die Open – Design Week Frankfurt RheinMain vom 5. bis 14. Juni 2026 versteht sich zugleich als Bühne, Netzwerkplattform, Forum und Schaufenster für kollaboratives Design. Im offiziellen Programm stehen dort bereits Formate, die für Business Events relevant sein können, wie etwa Brand Experience Night, Forward Festival, Circular-Design-Ansätze oder der Hessen Design Competition.
Der WDC Campus bringt rund 40 Hochschulen, etwa 150 Exponate und Dialogformate zwischen Design, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Öffentlichkeit zusammen; das Campus Festival ist für den 3. bis 5. Juli 2026 angekündigt.
Im August setzt das Module Festival auf Musik, Design und gesellschaftlich relevante Themen; die WDC beschreibt dieses Cluster ausdrücklich als sinnlich, körperlich und atmosphärisch. Hier liegt eine Brücke zum Eventdesign: Gute Veranstaltungen werden nicht nur gesehen, sondern erlebt.
Im November bündeln die Policy Days Design, Politik und Wissenschaft und sollen in einen „Design Action Plan Frankfurt RheinMain“ münden. Design wird hier nicht bloß ästhetisch, sondern als Governance- und Zukunftsinstrument gedacht.
Programmteile wie offene Design-Hubs, mobile Pavillons oder kollaborative Festivalstrukturen zeigen, dass Gestaltung zunehmend prozessual, adaptiv und nutzerzentriert gedacht wird. Aus dem WDC-Jahr lässt sich für die Eventpraxis ableiten, dass die Rolle des Raums zunehmend grundlegend ist. Anstelle statischer Set-ups dominieren modulare, wandelbare Strukturen. Räume werden nicht vollständig im Voraus definiert, sondern entstehen durch Nutzung und Interaktion. Für Events bedeutet das eine Abkehr von starren Dramaturgien hin zu flexibleren Formaten, die sich an reale Bewegungsmuster und Bedürfnisse der Teilnehmenden anpassen.
Somit ist Partizipation strukturell verankert. Besucher:innen sind mehr als nur Publikum, sie sind aktive Mitgestalter:innen des Geschehens. Interaktion ist integraler Bestandteil des Designs. Für Eventformate bedeutet das eine Verschiebung vom konsumierenden zum gestaltenden Publikum. Zudem ist Nachhaltigkeit sichtbarer Bestandteil der Gestaltung. Szenografie wird zirkulär gedacht, Materialien werden wiederverwendet, temporäre Architekturen reduziert. Für Veranstaltungen heißt das, dass sie ihre Haltung nicht nur kommunizieren, sondern in der Gestaltung selbst zeigen müssen.
Der European Congress of Radiology (ECR) 2025 wurde beim internationalen Bea World Festival (21. und 22. November 2025) in zwei Kategorien als besonders interaktiver Kongress ausgezeichnet. Der Großkongress der European Society of Radiology erhielt Gold in den Kategorien „Best Congress/Conference“ und „Best Convention in the World“. Erster Anlaufpunkt für die Teilnehmenden war die Registratur unter der polyStage in der Eingangshalle des Austria Center Vienna . Der optische Effekt einer riesigen pulsierenden Herzskulptur wurde mit Projektions-Mapping realisiert. Foto: acv.at, Henri Manzano
Darüber hinaus rückt die multisensorische Erfahrung in den Vordergrund. Erlebnisse entstehen nicht mehr primär durch visuelle Reize, sondern durch das Zusammenspiel von Raum, Klang, Licht, Material und Bewegung. Damit verschiebt sich der Fokus von Effekten hin zur Atmosphäre – weg von Überreizung, hin zu bewusst gestalteten Erfahrungsräumen. Und schließlich entwickelt sich Design selbst zum Dialogformat. Veranstaltungen sind Plattformen für Austausch, Reflexion und gesellschaftliche Auseinandersetzung. Für Eventprofis bedeutet das: Design ist nicht nur Ausdruck, sondern Medium.
Was gutes Eventdesign ausmacht
In der Design- und Experience-Forschung existieren seit Jahren Modelle, die sich direkt auf Veranstaltungen übertragen lassen. Frei nach den Zehn Thesen von Industriedesigner Dieter Rams, der damit eine heute noch genutzte Quasi-Definition für „gutes Design“ liefert, das ein Produkt brauchbar und verständlich macht und sich als innovativ, ästhetisch, unaufdringlich, ehrlich und konsequent bis ins Detail, langlebig und umweltfreundlich sowie so wenig designt wie nötig auszeichnet, lassen sich daraus in Summe sechs Prinzipien für ein gutes Eventdesign ableiten.
Erstens: Orientierung. Ein gut gestaltetes Event ist intuitiv verständlich. Wegeführung, Informationsarchitektur und Abläufe sind so klar, dass sich Teilnehmende ohne Reibung durch das Geschehen bewegen können. Orientierung ist dabei die Grundlage jeder positiven Erfahrung, bindet doch Unsicherheit Aufmerksamkeit und mindert die Aufnahmefähigkeit für Inhalte. Zweitens: Relevanz. Gestaltung und Inhalt greifen ineinander. Design unterstützt die Botschaft, statt sie zu überlagern. Ein Event wirkt dann stimmig, wenn Dramaturgie, Raum und Inhalte auf ein gemeinsames Ziel einzahlen. Jede gestalterische Entscheidung sollte daher eine erkennbare inhaltliche Funktion erfüllen.
#EventCanvas des Event Design Collective

Der Event Canvas, entwickelt von Ruud Janssen, gehört zu den wichtigsten Werkzeugen für modernes Eventdesign. Sein Ansatz: Veranstaltungen werden nicht organisiert, sondern gestaltet – und zwar systematisch. Im Zentrum steht die Frage, welchen Mehrwert ein Event für unterschiedliche Anspruchsgruppen schafft. Statt bei Ablaufplänen oder Logistik zu beginnen, setzt das Canvas bei den Teilnehmer:innen an: Wer nimmt teil? Welche Bedürfnisse haben sie? Und welche Erfahrungen sollen entstehen? Das Modell strukturiert Events entlang zentraler Elemente wie Stakeholder, Teilnehmerprofile, Touchpoints, Dramaturgie und gewünschte Wirkung. So sollen allen Bestandteile eines Events konsequent auf eine gemeinsame Experience ausgerichtet werden. Grafik: Event Design Collective
Drittens: Inklusion. Gutes Eventdesign ist zugänglich. Unterschiedliche Bedürfnisse, Nutzungssituationen und Perspektiven werden von Anfang an mitgedacht. Barrierefreiheit ist so integraler Bestandteil der Gestaltung und Voraussetzung für echte Teilhabe. Viertens: Atmosphäre. Erlebnisse entstehen nicht allein durch Inhalte, sondern durch die emotionale Qualität eines Raums. Licht, Klang, Materialität und Proportionen erzeugen Stimmungen, die maßgeblich darüber entscheiden, wie ein Event wahrgenommen wird. Atmosphäre ist damit das Ergebnis bewusster Gestaltung.
Fünftens: Nachhaltigkeit. Design berücksichtigt Ressourcen, Prozesse und Lebenszyklen. Dabei geht es nicht ausschließlich um Materialwahl oder CO₂-Bilanzen, sondern auch um die grundsätzliche Frage, wie temporäre Erlebnisse verantwortungsvoll gestaltet werden können. Nachhaltigkeit wird dann überzeugend, wenn sie im Raum sichtbar und erlebbar ist. Sechstens: Erinnerbarkeit. Ein Event bleibt im Gedächtnis, wenn es als konsistente Gesamterfahrung wahrgenommen wird. Entscheidend ist dabei nicht maximale Inszenierung, sondern Klarheit und Stimmigkeit. Erinnerung entsteht dort, wo Gestaltung, Inhalt und Interaktion ineinandergreifen.

Ausgezeichnetes Kreislaufdesign: Der Messestand „Real Renaissance“ (Expo Real 2024) wurde mit dem German Design Award 2026 in der Kategorie „Excellent Architecture – Circular Design“ prämiert und steht exemplarisch für modulare, wiederverwendbare Standkonzepte im Sinne nachhaltiger Eventgestaltung. Foto: Drees & Sommer SE
Diese Prinzipien machen deutlich: Eventdesign ist eine strukturierende Kraft. Es verbindet Inhalte mit Raum, Menschen mit Prozessen und Intention mit Erfahrung. Wenn die Gestaltung eine Wirkung erzeugen soll, darf sie nicht an einzelnen Gewerken enden. Eventdesign umfasst das Zusammenspiel aller Elemente, die ein Event prägen. Dazu gehören Raum und Architektur ebenso wie Dramaturgie und Ablauf, Serviceprozesse, digitale Interfaces, Wegeführung und Beschilderung, Catering, Übergänge zwischen Programmpunkten sowie die gesamte Teilnehmerreise – vom ersten Kontakt bis zur Nachwirkung.
Gutes Design verhindert Brüche. Es sorgt dafür, dass ein Event als Einheit funktioniert – logisch, erlebbar und konsistent. Damit wird Eventdesign zu dem, was die aktuelle Branchendebatte beschreibt: nicht nur eine kreative Disziplin, sondern eine strategische Methode. Und es unterstützt dabei, sich den aktuellen Herausforderungen zu stellen. Bei all den technologischen Neuerungen hat das World Economic Forum in seinen aktuellen Future-of-Jobs-Analysen kreatives Denken und Neugier als zwei der Fähigkeiten identifiziert, deren Nachfrage bis 2030 besonders stark steigen wird.
Wenn Kreativität und Neugier zu zentralen Zukunftskompetenzen werden, müssen auch Business Events mehr leisten als Informationsvermittlung. Sie müssen Räume schaffen, in denen genau diese Fähigkeiten angeregt und ermöglicht werden. Exakt das ist eine Designaufgabe: Denn Räume, in denen Menschen neugierig werden, Ideen entwickeln oder sich austauschen, entstehen nicht zufällig. Sie werden gestaltet.


