Equal Pay Day

Frauen in Events – unbezahlbar und doch unterbezahlt

Das Thema Gender Equality ist vielschichtig und die Diskussion darum aufgeheizt. Sicher ist jedoch: Wahren Wandel schaffen wir nur gemeinsam. Grafik: Pia Such

Das Zusammentreffen des Equal Pay Days und des Weltfrauentags an zwei aufeinanderfolgenden Tagen richtet ein Brennglas auf die Forderungen nach Gleichberechtigung. Laut dem Statistischen Bundesamt ist es auch heute noch so, dass es keine Branche gibt, die nicht vom Gender Pay Gap betroffen ist. Auch nicht die Veranstaltungswirtschaft. Mit diesem Beitrag betrachtet Pia Such, eine junge Brancheneinsteigerin, die Lage von Frauen in Events und legt die Problematik offen. Was kann schon heute getan werden, damit wir die (finanzielle) Position von Frauen in Events stärken können?

Der Equal Pay Day markiert symbolisch den Tag im Jahr, bis zu welchem Frauen im Schnitt unentgeltlich arbeiten. Abgeleitet aus dem aktuellen Gender Pay Gap in Deutschland, ergeben sich 66 Tage. Dieses Jahr fällt er passenderweise auf den 7. März 2022 und liegt damit einen Tag vor dem Weltfrauentag am 8. März 2022.

Als junge Frau Anfang 20, die dem Brancheneinstieg nicht fern ist, interessiert und betrifft mich das Thema besonders. Um in diesem Artikel die Lage von Frauen in Events mit einem direkten Einblick betrachten zu können, habe ich mir die Expertise relevanter Branchenplayerinnen unterschiedlichster Bereiche an die Seite geholt.

Das Statistische Bundesamt (Destatis) erhebt den bundesweiten Gender Pay Gap, welcher in den unbereinigten und bereinigten Pay Gap unterteilt wird. Der Verdienstabstand zwischen Männern und Frauen dient als Indikator für den aktuellen Stand der Gleichbehandlung. Der unbereinigte Gender Pay Gap vergleicht allgemein den Durchschnittsverdienst aller Arbeitnehmer:innen miteinander. Somit wird auch der Teil des Verdienstunterschieds erfasst, der bspw. durch unterschiedliche Berufe oder Karrierestufen verursacht wird. Dagegen misst der bereinigte Gender Pay Gap den Verdienstunterschied zwischen Männern und Frauen mit vergleichbaren Qualifikationen, Tätigkeiten und Erwerbsbiografien. Strukturbedingte Faktoren sind hier also weitgehend herausgerechnet. Aktuell liegt der unbereinigte Gender Pay Gap bei 18 % und hat somit um einen Prozentpunkt im Vergleich zum Vorjahr abgenommen, der bereinigte Gender Pay Gap liegt bei 6 %. Der allgemeine Gender Pay Gap sinkt also, das aber sehr langsam. Für alle Audio-affinen erklärt Uta Zech den Gender Pay Gap in vier Minuten. www.equalpayday.de/informieren/podcast

Aller Anfang ist schwer

Die erste Recherche des Artikels zeichnet ein ernüchterndes Bild. So antwortete eine männliche Führungskraft auf die Interviewanfrage: „Wir hatten in den zurückliegenden 24 Monaten viele andere Themen auf der Agenda, die uns aus der aktuellen Lage heraus wichtiger vorkamen als der Gender Pay Gap.“ Dieses Statement ist jedoch nicht verwunderlich, so Doreen Biskup. Die stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Verbands der Veranstaltungsorganisatoren (VDVO) fasst zusammen, dass das Thema Gender Pay Gap zwar präsent ist, die Konsequenzen, die sich daraus für Frauen in Events ergeben, jedoch fehlen.

Frauen reden über Frauen-Sachen

Dabei ist das Thema doch in aller Munde. Ilona Jarabek, Präsidentin des Europäischen Verbands der Veranstaltungs-Centren (EVVC) und Geschäftsführerin der Musik- und Kongresshalle Lübeck, hat das Frauennetzwerk „women in congress & events“ ins Leben gerufen. Sie ist überzeugt, dass sich besonders Frauennetzwerke intensiv austauschen und das Thema Chancengleichheit auf Augenhöhe diskutieren.

Ilona Jarabek, Präsidentin EVVC – Europäischer Verband der Veranstaltungs-Centren Foto: EVVC

Auch der VDVO betrachtet das Thema in der 2018 veröffentlichten Studie zu den Aspekten Arbeitszeit, Arbeitsschutz und Arbeitsbedingungen im Bereich Events genauer. Das Thema Lohnniveau wird hier explizit miteinbezogen. Ebenfalls in den Fokus gerückt wird die Problematik durch die Erhebung der tw tagungswirtschaft, m+a report und Fachmesse IMEX „Frauen in der Veranstaltungsindustrie“, welche in diesem Jahr vom 8. März bis 25. März erneut durchgeführt wird. Darüber hinaus gibt es noch weitere Frauenverbände, wie Women in Events DACH, Women in Exhibitions und She Means Community, die sich für das Thema Gender Equality starkmachen und eine Initiative bilden. Die Branche beschäftigt sich also durchaus mit dem Thema, jedoch nur in entsprechenden Interessengemeinschaften.

Umfrage „Frauen in der Veranstaltungswirtschaft“ – reloaded

Die Fachzeitschriften tw tagungswirtschaft und m+a report der dfv Mediengruppe und der Messeveranstalter IMEX Group legen ihre internationale Umfrage „Frauen in der Veranstaltungswirtschaft“ nach fünf Jahren neu auf. Anders als 2017 sind 2022 auch Männer einladen, sich an der Befragung zu beteiligen. Der Fragebogen ist überarbeitet worden, die Pandemie ist einbezogen worden.

Die zweisprachige Umfrage (Deutsch und Englisch) beginnt am Weltfrauentag, 8. März 2022, und endet am 25. März 2022. Hier geht es zur Umfrage.

Der Gender Pay Gap in der Veranstaltungsindustrie

Das Statistische Bundesamt gibt an, dass der Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern in den Bereichen Kunst, Unterhaltung und Erholung bei 31 % sowie bei freiberuflichen Dienstleistungen bei 27 % liegt und somit überdurchschnittlich ausfällt. Hinzu kommt, dass die Privatwirtschaft mit 20 % im Gegensatz zu 6 % im öffentlichen Dienst mit Regeltarifen einen starken Abstand im Gender Pay Gap aufweist. All diese Aspekte betreffen die Eventbranche in besonderem Maße. Das alles wirft die Frage auf, ob die Eventbranche nicht per se stärker vom Gender Pay Gap betroffen ist.

Ergebnisse der Studie Arbeitszeit, Arbeitsbedingungen und Arbeitssicherheit des VDVO. Betrachtet werden hier Berufsgruppen der Bereiche Buyer, Supplier und Mittler.

Mit einem Blick in die Studie zu Arbeitszeit, Arbeitsbedingungen und Arbeitssicherheit des VDVO wird eine Tendenz deutlich. Je höher die Gehaltssprünge werden, desto geringer ist der Frauenanteil. Besonders die oberste Gehaltsstufe sticht mit einer Differenz von knapp 26 % hervor. Die Aussagekraft dieser Erhebung ist zwar beschränkt und es bedarf noch größer angelegte Studien, um eine exakte Aussage treffen zu können, dennoch spiegelt sie eine unausgesprochene Wahrheit der Branche wider. Frauen in Events sind unbezahlbar und doch unterbezahlt und das trotz einer hohen Beschäftigungsrate von Frauen in der Veranstaltungsindustrie. Als Gründe für diesen enormen Unterschied werden die besondere Arbeitszeitbelastung, traditionelle Rollenbilder und unflexible Anpassungsmöglichkeiten an die jeweilige Lebenssituation genannt. Die „Ausfallzeit“ durch Mutterschutz, Elternzeit oder Pflegearbeit fällt hier zusätzlich schwer ins Gewicht.

Doreen Biskup, stellvertretende Vorsitzende des VDVO – Verband der Veranstaltungsorganisatoren Foto: VDVO

Dass bei vielen Freiberufler:innen eine kaufmännische Ausbildung fehlt, ist laut Doreen Biskup besonders in puncto Gehaltsverhandlungen und Festlegen des eigenen Werts spürbar. Die eigene Leistung wird zu oft unter Wert verkauft, dies ist besonders bei Frauen ein Problem. Diesen Eindruck unterstützt Ilona Jarabek und ergänzt, dass Frauen nach wie vor häufig für Top-Leistung kein Top-Gehalt einfordern. Das Thema Sozialisation spielt hier unverkennbar eine Rolle, so Doreen Biskup.

Sicher ist: Das Problem ist vielschichtig und es belastet. Das bemerken Frauen in ihrem Arbeitsumfeld immer wieder. Dies spiegelt die Umfrage „Frauen in der Veranstaltungsindustrie“ wider. Knapp 50 % der Teilnehmerinnen gaben an, dass sie sich in Bezug auf Gehalt und Karriereperspektive gegenüber ihren männlichen Kollegen nicht gleichbehandelt fühlen. In diesem Kontext stellt sich die Frage: Wenn auf die Frage nach Gleichberechtigung am Arbeitsplatz nicht eindeutig „Ja geantwortet werden kann, ist dann nicht alles andere quasi ein „Nein“? So oder so geben in mehreren Kategorien beachtlich viele Frauen an, sich nicht gleichberechtigt zu fühlen, es besteht also eindeutig Handlungsbedarf.

Die Lösung im Kleinen

Doch was können wir bei solch einem vielschichtigen Problem unternehmen, um Gleichberechtigung in der Eventbranche umzusetzen? Bereits jetzt gibt es Eventbereiche, bei denen der Gender Pay Gap geringer ausfällt. Grund dafür sind Tarifzahlungen auf kommunaler Ebene. Auf kommunaler Ebene ist zusätzlich die Umsetzung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) und des Entgelttransparenzgesetzes leichter nachzuvollziehen. Frauen haben hier im Falle von Fehlverhalten bessere Chancen, juristischen Zuspruch zu bekommen.

Die identische Umsetzung ist zum jetzigen Zeitpunkt für die gesamte Branche nicht realistisch. Jedoch ist das offene Gespräch über Gehaltsfragen, Aufstiegschancen und Anpassungsmöglichkeiten der Arbeitsbedingungen etwas, was Frauen auch jetzt schon innerhalb selbst organisierter Verbände besprechen können. Mit einem breit aufgestellten Netzwerk hinter sich lassen sich Forderungen ausdrucksstärker formulieren und Fortschritt für mehrere Frauen bewirken. In diesem Punkt sind sich Ilona Jarabek und Doreen Biskup einig: Eine offene Kommunikationskultur ist der erste und wichtigste Schritt. Besonders betont wird hier, dass junge Talente in ihren Forderungen ernstgenommen und in den Prozess miteingebunden werden müssen. Laut Jarabek sind junge Arbeitnehmerinnen heute aufgrund des Fachkräftemangels in der günstigen Position, ihre Rechte einfordern zu können. Arbeitgeber:innen sollten also ebenso daran interessiert sein, sich hier dementsprechend zu positionieren.

„Junge Arbeitnehmerinnen sind heute aufgrund des Fachkräftemangels in der günstigen Position, ihre Rechte einfordern zu können.“
Ilona Jarabek, Präsidentin des Europäischen Verbands der Veranstaltungs-Centren (EVVC) und Geschäftsführerin der Musik- und Kongresshalle Lübeck

Frauen in Führungspositionen stärken

Ein weiterer Punkt, der von den Branchenexpertinnen genannt wird, ist das Thema "Frauen in Führungspositionen stärken". Die Berichterstattung hat gezeigt: Die Rolle der Frau wurde in der Pandemie auf eine traditionelle Weise definiert. Auch in den Führungsetagen besetzten in diesem Zuge, vor allem zu Beginn der Pandemie, wieder mehr Männer die Chefsessel, wie der Bericht der Allbright Stiftung beweist. Und das zu einem Zeitpunkt, zu dem es sowieso noch wenig Frauen in Führungspositionen gibt. Bei einem geschätzten Frauenanteil von 80 % in der Eventbranche liegt der Anteil weiblicher Top-Führungskräfte geschätzt bei lediglich 20 %. Frauen tragen die Eventindustrie also maßgeblich mit, spürbar ist das in den Führungsetagen jedoch nicht. Das muss sich ändern, darin sind sich die Expertinnen und ich einig. Gelingen kann dies durch eine erleichterte Vereinbarkeit zwischen Familie und Arbeit, flexible Arbeitsmodelle und Teilzeit. Claudia Köhler, Corporate Vice President bei Vok Dams, betont in diesem Zusammenhang, dass das Potenzial vielfältiger Lebensrealitäten in diesem Zuge verkannt wird. Heterogene Persönlichkeiten und Lebensmodelle werden noch zu häufig als Störfaktor gesehen, obwohl mittlerweile bewiesen ist, dass Teams durch Vielfalt profitieren. Im Endeffekt kann eine vielfältige Gesellschaft nur dann authentisch angesprochen werden, wenn sich diese Vielfalt auch im Unternehmen wiederfindet.

Das Mutter-Sein integrieren

Doreen Biskup erweitert hier das Thema noch um den Aspekt, dass arbeitende Mütter oft dafür verurteilt werden, dass sie zu viel oder zu wenig arbeiten. Egal, wie die Mutter ihre Arbeitswelt gestaltet, sie wird kritisiert, klassisches „Mom-shaming“. Diesem Druck haben sich Männer nicht auszusetzen. Das liegt nicht etwa daran, dass Väter für die Kindesentwicklung weniger wichtig sind, vielmehr ist es eine andere gesellschaftliche Sichtweise. Umdenken ist hier also die Devise, denn so viel ist mittlerweile klar: Kinderkriegen ist keine reine „Mama-Sache“.

Die Lösung im Großen

Letztendlich können wir es neben den privaten und beruflichen Bemühungen nur mit politischen Forderungen schaffen, Gleichberechtigung auf ganzer Linie zu erreichen. Denn fortschrittliche Regelungen und Angebote bringen uns als Gesellschaft nur dann weiter, wenn sie universell gelten und Initiativen nicht auf Privatpersonen und Verbänden lasten. Der eine oder die andere mag sich bei dieser Aussage die Frage stellen, was der Gender Pay Gap mit politischen Forderungen und gesellschaftlichem Handeln zu tun hat. Hier muss betont werden, dass der Gender Pay Gap ein Spiegel ist, der die soziale Realität reflektiert. Dass Frauen im Jahr 2022 im Durchschnitt wesentlich weniger verdienen, liegt nämlich nicht an fehlender Kompetenz oder dem natürlichen Ruf des Mutter-Seins, sondern einer Welt, die mit männlichen Maßstäben misst. In unserer Gesellschaft bauen wir jedoch selbst die Mauern, die uns beschränken. Das bringt uns in die glückliche Lage, diese Hindernisse einreißen zu können. Für diesen Abriss brauchen wir, meiner Meinung nach, einen Bauplan, ein starkes Team und von Zeit zu Zeit einen Vorschlaghammer.

Pia Such

Foto: Pia Such

Wer ist Pia Such?

Groß werden mit zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, lange Jahre auf dem Mädchengymnasium, die nur wegen toller Freundinnen erträglich waren, und eine Welt, die Frauen strukturell benachteiligt – alles Gründe, warum Pia Such das Thema Frau-Sein in Deutschland beschäftigt.

Pia Such ist angehende Absolventin des Studiengangs Eventmanagement und -Technik und steht mit Anfang 20 kurz vor dem Brancheneinstieg. Im Rahmen ihrer Tätigkeit bei der tw tagungswirtschaft hatte sie bereits die Möglichkeit, einen Blick hinter die Kulissen der Eventwirtschaft zu werfen und sich einen Eindruck von der Lage zu verschaffen.

Über ihren Beitrag und ihr berufliches Interesse hinaus beschäftigt sie das Thema Frauen und Finanzen innerhalb des Netzwerks „klug genug“ auf Instagram auch privat.

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