Befragung zur Fortbildung

Was will die Ärzteschaft?

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An der „Befragung der deutschen Ärzteschaft zur Zukunft der ärztlichen Fortbildung“ beteiligen sich 1.917 Ärztinnen und Ärzte und beantworten 28 Fragen zu ihrem Fortbildungsverhalten. Die Ergebnisse geben eine Grundlage für künftige Fortbildungen und Anregungen für weitere Betrachtungen.

„In der Pandemie musste jede Ärztefortbildung, jeder Kongress von heute auf morgen auch digital angeboten werden, um zu überleben. Das war der Urknall der ‚Befragung der deutschen Ärzteschaft zur Zukunft der ärztlichen Fortbildung‘“, schreiben Prof. Johann Wilhelm Weidringer und Daniela Thom in ihrem Vorwort zur Studie. Weidringer ist ärztlicher Direktor der Hochschule Fresenius und Leiter der Studie, Thom ist Gesellschafterin der Pharmed Akademie und Initiatorin der Studie. Es ist ein Kooperationsprojekt, finanziert von expopartner. Unter den Partnern sind die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG), Boehringer Ingelheim Pharma und m:con – mannheim:congress.

Die Partner

Die „Befragung der deutschen Ärzteschaft zur Zukunft der ärztlichen Fortbildung“ ist ein Kooperationsprojekt unter der Leitung von Prof. Johann Wilhelm Weidringer, ärztlicher Direktor der Hochschule Fresenius, mit folgenden Partnern: Boehringer Ingelheim Pharma, CHIESI, Das Fortbildungskolleg, Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG), Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), Dorint, esanum, expopartner, face to face, Freiburg Wirtschaft Touristik und Messe, GWT-TUD, HAL Allergie, Infectopharm, Intercom Köln, Kienast Consulting & Management, LEO Pharma, m:con – mannheim:congress, MCI, med Update, medi, medizinwelten-services, RRC-Congress und Springer Medizin Verlag.

Im 1. Halbjahr 2021 erarbeiten die Partner den Fragenkatalog. „Wir haben um jede Formulierung gerungen, damit die Ergebnisse vielen nützen“, erinnert sich Prof. Weidringer. Seiner Kenntnis nach ist die Befragung einzigartig auf dem deutschen Markt. Die Befragung läuft von Juni bis August, die Auswertung übernimmt Prof. Cornelia Zanger von der TU Chemnitz. Die Fragen richten sich an die deutsche Ärzteschaft, um deren Fortbildungsverhalten während und nach der Covid-19-Pandemie zu analysieren und die erforderlichen Konsequenzen für Fortbildungsangebote abzuleiten. Die Idee dieser Bedarfsanalyse stammt von Daniela Thom. „Mit Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 mussten wir als Veranstalter ärztlicher Fortbildungen komplett umstellen auf digital. Daher war es für uns wichtig herauszufinden: Was wollen eigentlich die Teilnehmerin und der Teilnehmer?“

Daniela Thom © Pharmed Akademie

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„Für uns war es wichtig herauszufinden: Was wollen eigentlich die Teilnehmerin und der Teilnehmer?“
Daniela Thom, Gesellschafterin der Pharmed Akademie und Initiatorin der Studie „Befragung der deutschen Ärzteschaft zur Zukunft der ärztlichen Fortbildung“

Im Fokus stehen folglich Fragen zu Formaten (Präsenz, hybrid oder digital), Methodik, Didaktik und Inhalte der Wissensvermittlung, Zeitpunkt, Dauer, Ort und die Zusammenarbeit mit der Industrie. 1.917 Ärztinnen und Ärzte beantworten die Fragen zu den drei Eckpunkten Soziodemographie, Fortbildungsverhalten/-wünsche und Fortbildungsfinanzierung.

Die Soziodemographie

Über die Hälfte der Befragten ist älter als 50 Jahre; 48 % sind zwischen 50 und 65 Jahren alt, 5 % älter als 66 Jahre. Weitere 30 % der Medizinerinnen und Mediziner sind zwischen 40 und 49 Jahren alt. Lediglich 16 % sind zwischen 30 und 39 Jahren alt, 1 % ist unter 30 Jahre. Anders als bei beim Alter ist die Verteilung bei den Geschlechtern eher ausgewogen. 58 % der Befragten sind weiblich und 42 % männlich. Ähnlich verhält es sich mit der räumlichen Verteilung; die eine Hälfte der Befragten lebt und arbeitet in einer Großstadt oder einer Stadt ab 100.000 Einwohnern, die andere in einer Kleinstadt unter 100.000 Einwohnern oder auf dem Land.

Wie bei den Altersklassen zeigt sich bei den Fachgebieten eine Verzerrung. Die mit Abstand größte Gruppe ist mit einem Anteil von 42 % in der Inneren Medizin tätig, das entspricht 810 Befragten. 16 % sind es in der Kinder- und Jugendmedizin, 8 % in der Chirurgie, 6 % in der Allgemeinmedizin und 5 % in der Dermatologie. Die anderen Fachgebiete bewegen sich unter 5 %. Berücksichtigt wurden die Disziplinen, die für die Facharzt-Ausbildung eine Bedeutung haben. Fast ausgewogen ist dagegen das Verhältnis zwischen stationärem Bereich und Praxis. Zwei von drei der Befragten haben eine Leitungsfunktion inne.

Prof. Johann Wilhelm Weidringer, ärztlicher Direktor der Hochschule Fresenius und Leiter der Studie „Befragung der deutschen Ärzteschaft zur Zukunft der ärztlichen Fortbildung“, stellt die Ergebnisse vor. Foto: Screenshot

Das Fortbildungsverhalten

Auf die Frage nach der Verteilung der investierten Fortbildungszeit normalerweise bzw. nach der Pandemie entfallen 36 % der Zeit auf das Selbststudium durch Fachliteratur, 27 % auf den Besuch von digitalen Fortbildungen und 23 % auf Fortbildungen in Präsenz sowie 11 % auf das Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen und 3 % mit Pharmareferentinnen und -referenten. Dass die Fortbildungen etwa drittelparitätisch ausfallen, erstaunt Prof. Weidringer nicht. Wichtig ist ihm der Hinweis, dass die Befragung im 1. Halbjahr 2021 erfolgt ist und in einer Phase der Pandemie, da das Bewusstsein, dass man noch digital ist und bald wieder präsent sei, eine Rolle gespielt haben könne. Doch selbst wenn er diese Effekte einbezieht, bilden die Ergebnisse für ihn eine Grundlage, um Fortbildungen zu planen.

Neue fachliche Kenntnisse erwerben die Befragten in einem etwa ausgewogenen Verhältnis zu 56 % auf Präsenz-Fortbildungen (27 % mit regionalem Radius, 24 % mit nationalem bzw. DACH-Radius, 4 % in Europa, 1 % außerhalb Europas) und 44 % auf digitalen und aufgezeichneten Fortbildungen. Hier unterscheiden sich die Altersgruppen: Je jünger die Befragten sind, umso höher ist der Anteil der digitalen und aufgezeichneten Fortbildungen, der bei den 40- bis 49-Jährigen auf 49 % steigt, den 30- bis 39-Jährigen auf 53 % und den unter 30-Jährigen auf 73 %.

Altersgruppen: Vermehrter Besuch von Live-Fortbildungen mit steigendem Alter (+35% bei 50–65 Jahre vs. unter 30), leichter Rückgang bei 66 Jahren und älter

Wo erwerben Sie Ihre neuen fachlichen Kenntnisse? (Angabe bitte jeweils in % als Zahl zwischen 1 und 100; Ihre Antworten sollen in Summe 100% ergeben)

Auswertung: Univ.-Prof. Dr. Cornelia Zanger, Technische Universität Chemnitz Quelle: PharMed Akademie: Befragung der deutschen Ärzteschaft zur Zukunft der ärztlichen Fortbildung, Oktober 2021

Der beste Zeitpunkt für digitale Fortbildungsangebote ist bei möglichen Mehrfachnennungen unter der Woche abends nach 18.00 Uhr und der beste Tag ist Mittwoch. Am Wochenende ist der Vormittag zwischen 09.00 und 12.00 Uhr beliebt und der Samstag beliebter als der Sonntag. Sofern die Fortbildung aufgezeichnet wird, wünscht sich ein Drittel der Befragten eine sehr schnelle Bereitstellung der Aufzeichnung binnen weniger Stunden, ein Drittel innerhalb von drei Tagen und wiederum ein Drittel innerhalb einer Woche.

Dass eine Fortbildung CME-zertifiziert (Continuing Medical Education) ist, gibt bei möglichen Mehrfachnennungen bei Live-Fortbildungen in Präsenz für 75 % der Befragten den Ausschlag, bei digitalen Live-Fortbildungen für 70 % und bei Aufzeichnungen für 49 %.

Auf die Frage: „Wenn wieder alle Möglichkeiten offenstehen, welche Form der Teilnahme würden Sie bei digitalen ärztlichen Fortbildungsveranstaltungen bevorzugen?“ räumen 75 % der Befragten der digitalen Teilnahme in Echtzeit mit Aufzeichnung eine sehr hohe oder hohe Priorität ein. „Die Mischveranstaltung einschließlich Aufzeichnen wird stark favorisiert“, befindet Weidringer. Schließlich sind unter der Ärzteschaft immer mehr Frauen. „Da wird sich einiges ändern“, bekräftigt Studienpartner Andreas Weber. Der Geschäftsführer von expopartner sieht viele Fragen aufkommen, z. B.: Wie werden meine Kinder betreut, wenn ich auf meine Fortbildung gehe? Habe ich die Zeit, nach Berlin zu fahren, oder nehme ich von zu Hause teil? Werden die Krankenhäuser und Praxen ihre Mitarbeiter überhaupt reisen lassen? Und dann, so Weber, komme noch das Thema Nachhaltigkeit dazu.

Die Finanzierung von Fortbildungen

Bei der Finanzierung von Fortbildungen gibt es für Weidringer ein erstaunliches Votum: „Viele sagen, sie tragen die Kosten selbst – und fast paritätisch ist eine Unterstützung durch die Industrie akzeptiert.“ In Zahlen heißt das: 1.333 Befragte (71 %) sagen: „Ich trage die Kosten selbst.“ Bei 648 (34 %) übernimmt der Arbeitgeber die Kosten. 69 % akzeptieren die finanzielle Unterstützung durch die Industrie, 15 % lehnen diese ab. Gefragt nach der Form der Unterstützung durch die Industrie bei Fortbildungen, wünschen sich bei möglichen Mehrfachnennungen 64 % der Befragten geringere Teilnahmegebühren. 58% von ihnen möchten sich mit Vertreterinnen und Vertretern der Industrie während der Fortbildung austauschen, 24 % im Nachgang, 12 % im Vorfeld.

Als Betrag, den die Befragten maximal für eine Fortbildung ausgeben, ergibt sich: Für eine Halbtages-Fortbildung in Präsenz sind es im Durchschnitt 119 Euro, digital 75 Euro (37 % weniger). Für eine Eintages-Fortbildung in Präsenz sind es 231 Euro, digital 146 Euro (37 % weniger), für eine Eintages-Veranstaltung mit Kombi-Ticket 219 Euro. Bei mehrtägigen Fortbildungen in Präsenz sind es 534 Euro, digital 313 (41 % Prozent weniger). „Ich habe den Eindruck, dass die Ärzteschaft denkt, digital sei billiger“, erklärt Weidringer und ergänzt, „doch wir wissen, wenn ich etwas digital attraktiv gestalten will, habe ich ganz gewaltige Erstinvestitionen und zum Teil auch Folgekosten.“ Er rät, den finanziellen Aspekt von guten digitalen Veranstaltungen einsehbar zu machen. Weber verdeutlicht: „Eine digitale Veranstaltung kann durchaus das Dreifache einer regulären Veranstaltung kosten, aber der Nutzen für den Veranstalter kann wesentlich höher sein als das Invest.“

Zahlungsbereitschaft: Steigerung der Zahlungsbereitschaft mit zunehmender Veranstaltungsdauer, jedoch ca. 40% geringere Zahlungsbereitschaft für digitale Veranstaltungen

Welchen Betrag würden Sie maximal für eine der folgenden Veranstaltungen investieren? (Angaben in Euro)

D-A-CH = Deutschland, Österreich, Schweiz 1 Kombi-Ticket bedeutet, dass Sie bis zu einem bestimmten Zeitpunkt wählen können, ob Sie digital oder vor Ort teilnehmen

Auswertung: Univ.-Prof. Dr. Cornelia Zanger, Technische Universität Chemnitz Quelle: PharMed Akademie: Befragung der deutschen Ärzteschaft zur Zukunft der ärztlichen Fortbildung, Oktober 2021

Die Reaktionen

Auf dem Pharma Fortbildungs-Forum (PFF) am 25. November 2021 stellen Weidringer und Weber die Ergebnisse im Hotel Berlin, Berlin, vor, die im Live-Stream übertragen werden. „Die Bedeutung dieser Studie liegt in der hohen Anzahl an Rückläufern, was vor allem mit großer Anerkennung wahrgenommen wurde“, beschreibt Initiatorin Thom die Reaktionen, die positiv und dankend ausfallen. Die Ergebnisse sind von vielen vermutet worden, so Thoma, doch die Studie liefere belegbare Zahlen und Fakten für die unternehmensinterne Argumentation oder die Zusammenarbeit zwischen Veranstaltern und Sponsoren. Seit 1. Februar 2022 ist die Studie als eBook für 29,50 Euro über die Pharmed Akademie hier bestellbar.

Dr. Konstantinos Papoutsis ist zum Pharma Fortbildungs-Forum angereist und gratuliert zur Befragung. Der Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie-, Herz- und Kreislaufforschung (DGK) findet die Ergebnisse sehr interessant und formuliert eine Herausforderung: „Jetzt wissen wir, dass das Interesse an Digital und Hybrid da ist. Das ist eine Bestätigung für uns als Fachgesellschaften, dass wir diese Formate auch in Zukunft anbieten wollen, doch was ist mit den Ärztekammern? Sie sind uns in der Pandemie entgegengekommen, sodass wir keine Lernerfolgskontrollen durchführen müssen, aber das wird in Zukunft wieder geändert.“ Für die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie-, Herz- und Kreislaufforschung ist das schwierig. Für ihren Kongress mit 240 Sitzungen müsste die DGK für jede Sitzung, die sie on Demand ablegt, eine Lernerfolgskontrolle durchführen, damit die Teilnehmenden ihre CME-Punkte bekommen. Für Weidringer ist es ein sehr wichtiges Anliegen, dass das Anerkennen von Fortbildungspunkten für die digitalen, hybriden Formen der Realität entsprechend gestaltet wird. Er rät, in einen Dialog mit der Bundesärztekammer und einigen starken Landesärztekammern einzutreten, und betont: „Ich sehe es als notwendig an, einen Konsens unter den Spitzen der Fortbildungsbeauftragten der Fachgesellschaften herbeizuführen, dass Deutschland zukunftsfähiger wird.“

„Ich halte das für ein sehr wichtiges Anliegen, dass das Anerkennen von Fortbildungspunkten bzw. Zuerkennungsverfahren für die digitalen, hybriden Formen der Realität entsprechend gestaltet wird.“
Prof. Johann Wilhelm Weidringer, ärztlicher Direktor der Hochschule Fresenius und Leiter der „Befragung der deutschen Ärzteschaft zur Zukunft der ärztlichen Fortbildung“

Der Ausblick

„Den Eindruck, den wir in der gesamten Zeit hatten, ist, dass wir dem Themenbereich der Mischformen und der Weiterentwicklung der Mischformen vielleicht noch eine fokussierte Befragungsaktion oder zumindest eine Marktbeobachtung an die Seite stellen sollten, denn da sind Entwicklungspotenziale drin“, resümiert Prof. Weidringer. Dass diese Weiterentwicklung der Mischformen weitere Fragen mit sich bringt, zeigt die erste Pharmed-Ideenwerkstatt zur Auswertung der Ärztebefragung mit Vertreterinnen und Vertretern aus Fachgesellschaften, der Pharmaindustrie und Veranstaltungswirtschaft. Am 27. Januar 2022 erörtern sie auf Zoom Fragen wie: Wann nimmt eine Ärztin oder ein Arzt an einer Fachveranstaltung teil und in welcher Form? Gibt es Unterschiede in den Fachgebieten, den Altersklassen und den Geschlechtern? Was sind die Treiber? Für Prof. Weidinger ist das ein Mehr-Felder-Phänomen, wofür das Profil der Teilnehmenden weiter zu untersuchen ist. Die Beteiligten stimmen diesem Befund zu. Einig sind sie sich auch, dass die Thematik über die Pandemie hinaus zu diskutieren ist und die großen Themen wie Nachhaltigkeit einzubeziehen sind. Weiter geht es auf der nächsten Pharmed-Ideenwerkstatt zur Auswertung der Ärztebefragung am 24. Februar 2022.

Kerstin Wünsch

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