Foto: BNW

Interview Dr. Katharina Reuter

„Klimaschutz muss noch viel deutlicher ein positiver Wettbewerbsfaktor werden“

Dr. Katharina Reuter, Geschäftsführerin BNW Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e. V., über das neue Klimaschutzgesetz, Transformation durch Nachhaltigkeit, den Aufruf zur Förderung einer nachhaltigen Veranstaltungswirtschaft und Bio-Büfetts ohne Proteste.

tw tagungswirtschaft: Der Bundestag hat die Novelle des Klimaschutzgesetzes beschlossen. Darin wird festgeschrieben, den Treibhausgasausstoß bis 2030 um 65 Prozent und bis 2040 um 88 Prozent gegenüber 1990 zu verringern. 2045 soll Deutschland klimaneutral sein. Sind das die politischen Rahmenbedingungen, die es braucht, damit nicht nur einzelne Unternehmen beim Klimaschutz mitmachen, sondern alle?

Dr. Katharina Reuter: Das ist ein wichtiger Baustein. Ein wichtiger Rahmen. Bisher haben wir keinen fairen Markt für Klimaschutz. Nun müssen die CO2-Preise weiter anziehen, damit die Klimaziele erreicht werden. Damit alle Unternehmen mitmachen können, müssen sich Investitionen in Energie- und Ressourceneffizienz, in erneuerbare Wärme- und Mobilitätskonzepte ja auch rechnen – was beim aktuell niedrigen CO2-Preisniveau leider noch nicht der Fall ist. Hier muss Klimaschutz noch viel deutlicher ein positiver Wettbewerbsfaktor werden.

Unternehmen sind Veranstalter oder Teilnehmer von Business Events, seien es Messen oder Kongresse. Glauben Sie, dass das neue Klimaschutzgesetz einen anderen, einen nachhaltigeren Umgang mit ebendiesen erwirkt?

Schon vor dem Klimaschutzgesetz haben wir einen starken Zuwachs in der Wertigkeit von Nachhaltigkeit festgestellt. Spätestens seit der Fridays-for-Future-Bewegung ist Nachhaltigkeit kein hübsches Add-on mehr, ist Klimaschutz nicht mehr „nice to have“ – sondern mitten in der Aufmerksamkeit der Wirtschaft angekommen. Und genau deshalb steht es auch bei Veranstaltungen und Messen immer mehr im Fokus.

Alnatura für mehr Klimaschutz! Entrepreneurs for Future

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Porf. Dr. Goetz Rehn, Gründer und Geschäftsführer von Alnatura

Entrepreneurs for Future: Wirtschaft will mehr Klimaschutz!

Die Bewegung Entrepreneurs for Future eint Unternehmerinnen und Unternehmer, die sich dafür einsetzen, dass die Wirtschaft mit innovativen Produkten, Technologien, Dienstleistungen und Geschäftsmodellen einen schnelleren Klimaschutz voranbringt. Die Initiative steht für mehr als 5.000 Unternehmen, 300.000 Arbeitsplätze und 42 Mrd. Euro Jahresumsatz. Unter den Unterzeichnern sind rund 150 Unternehmen aus der Veranstaltungswirtschaft, z. B. das Landgut Stober.

Ist der Veranstaltungsstillstand in Deutschland eine Chance, die Branche klimaneutral und nachhaltig auszurichten? Wenn ja, wie kann das gehen?

Ja, der Stillstand (übrigens ja auch in anderen Branchen) ist durchaus auch eine Chance gewesen. Ich kenne viele Akteure aus der Veranstaltungsbranche, die die Zeit genutzt haben, um beispielsweise am Nachhaltigkeitskonzept ihrer Angebote zu feilen. Viele Newbies haben sich auf den Weg gemacht und Informationen beschafft – zum Beispiel über unsere Webinar-Reihe mit Facebook zum Thema Nachhaltig Wirtschaften. Da war ein großes Interesse spürbar! Und es kommen viele Aha-Momente auf, wenn man erkennt, dass die nachhaltigere Lösung nicht zwangsläufig mit höheren Kosten verbunden ist.

Viele meinen aber, Ökologie und Ökonomie stünden in einem Widerspruch, und dass etwa nachhaltige Kongresse und Messen kostspieliger wären. Ist das so?

Wo fange ich an? (lacht) Beim Catering ist es so, dass der Einsatz von Bio-Lebensmitteln nicht mit hohen Mehrkosten verbunden ist, wenn man gleichzeitig auf vegetarische/vegane Menüs setzt. Es gibt heute in jedem Discounter Bio-Produkte, der größte Bio-Lebensmittelhändler ist Aldi Nord. Daher kann ich es nicht leiden, wenn bei Veranstaltungshäusern die Küche sagt, Bio geht nicht, Bio ist zu teuer. Die Beschaffung von Bio-Lebensmitteln ist heute mehr Know-how als Kosten-Thema.

Wer ist Dr. Katharina Reuter?

Dr. Katharina Reuter führt die Geschäfte im BNW Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e. V.. Sie engagiert sich seit mehr als zwanzig Jahren für Umwelt- und Klimaschutz, erst in Lehre und Forschung, dann im Stiftungs- und Verbandsbereich. Die Agrarökonomin war als Geschäftsführerin der Zukunftsstiftung Landwirtschaft und der Klima-Allianz Deutschland tätig. Als Beraterin für Bio und Nachhaltigkeit arbeitete sie eng mit Unternehmen zusammen. Reuter hat verschiedene Organisationen mitaufgebaut und begleitet und ist u.a. Mitbegründerin der European Sustainable Business Federation und der Entrepreneurs for Future. Innovative Nachhaltigkeitsprojekte begeistern sie, weshalb sie in der Jury für den Deutschen Umweltpreis und den Deutschen Nachhaltigkeitspreis sitzt. Foto: BNW

Im letzten Lockdown haben Sie gemeinsam mit dem Verband der Veranstaltungsorganisatoren (VDVO) zur Förderung einer nachhaltigen Veranstaltungswirtschaft aufgerufen und fordern, die Unterstützungsmaßnahmen mit den Klima- und Nachhaltigkeitszielen zu verbinden. Was ist seither geschehen?

Um unsere Idee in die Breite zu tragen, haben wir zunächst weitere Unterstützer:innen gesucht – hier war die Resonanz total klasse: von echten VIPs in der Kulturszene über Politiker:innen und namhafte Unternehmen bis hin zu den vielen Menschen aus der Veranstaltungsbranche, die jeden Tag mit dem Thema zu tun haben. Die Idee hinter dem Aufruf war auch, nicht nur Forderungen aufzustellen, sondern auch etwas zu geben: nämlich die Selbstverpflichtung, Veranstaltungen bis spätestens 2030 klimaneutral durchzuführen. Derzeit sind wir in Gesprächen mit der Politik und weiteren wichtigen Akteuren, die sich für die Förderung einer nachhaltigen Veranstaltungswirtschaft einsetzen.

Aufruf zur Förderung einer nachhaltigen Veranstaltungswirtschaft

Foto: vdvo.de

Die wichtigsten Ziele:

  1. Förderung der Investitionssummen (70 Prozent) für Forschung, Umstrukturierung, Überprüfung der Lieferketten, Einführung von Kreislaufwirtschaft, umweltfreundliche Mobilität und Logistik, Digitalisierung, Sachanlagen, nachhaltige Eventmaterialien und Technik, Ausbildung, Weiterbildungen, Zertifikate (z. B. ISO, EMAS, Deutscher Nachhaltigkeitskodex), die eine Transformation der Veranstaltungsbranche unterstützen.
  2. Langfristige Sicherung der Veranstaltungswirtschaft als wichtiger Wirtschaftszweig bei gleichzeitiger Klimaneutralität bis spätestens 2030 und maximierter Nachhaltigkeit, auf Grundlage der UN Sustainable Development Goals (SDGs).
  3. Erreichung der Klimaziele von Paris u.a. durch Selbstverpflichtung der Veranstaltungsbranche auf Klimaneutralität von Veranstaltungen bis spätestens 2030 und der Einhaltung der Kriterien des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) zum nachhaltigen Veranstaltungsmanagement.
  4. Vergabe aller Veranstaltungen der öffentlichen Hand auf regionaler, Landes- und Bundesebene nur unter der Bedingung einer nachhaltigen Ausschreibung und klimaneutralen Umsetzung.

Wie kann die Veranstaltungswirtschaft Berücksichtigung finden bei öffentlichen Investitions- und Förderprogrammen zu Klimaschutz und Nachhaltigkeit oder bei den Konjunkturpaketen der Bundesregierung?

Wir setzen uns dafür ein, dass die Veranstaltungswirtschaft generell mitgedacht wird – beispielsweise bei der Mittelverteilung aus dem Deutschen Aufbau und Resilienzplan (DARP). In der nächsten Legislaturperiode wird auch ein spannender Ansatz sein, einen Green Culture Fonds einzurichten, wie ihn die Grünen fordern. Hier können dann Einrichtungen und Projekte gefördert werden, die ihre Häuser und Veranstaltungen ökologisch zukunftsfähig gestalten wollen. Antragsberechtigt sollen sowohl öffentlich geförderte Einrichtungen und Projekte wie auch private Akteur:innen der Kultur- und Kreativwirtschaft und der freien Szene sein.

„Die Klimakrise macht keine Pause und wir brauchen jetzt kluge Konzepte für die Unterstützung der Veranstaltungswirtschaft, die nicht nur für den Erhalt der Branche sorgen, sondern gleichzeitig den Firmen bei der Transformation, beim Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit helfen!“

Dr. Katharina Reuter, Geschäftsführerin BNW Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e. V.

Transformation durch Nachhaltigkeit – Nachhaltigkeit durch Transformation? Hätten Sie ein, zwei Beispiele, von denen die Veranstaltungswirtschaft lernen kann?

Transformation durch Nachhaltigkeit: Es ist immer wieder großartig zu beobachten, was im Team passiert, wenn sich ein Unternehmen mehr mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt. Ganz oft haben nämlich die Mitarbeitenden und Nachwuchskräfte eigene Ideen, die sie dann endlich einbringen können! Nachhaltigkeit durch Transformation: Ganz deutlich zutage getreten ist das beim Thema „Digitale Veranstaltungen“. Das Borderstep Institut hat dazu kürzlich eine große Konferenz, die nun virtuell stattfindet, unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: Gegenüber der früheren Veranstaltung bzw. gewohnten Ausrichtung mit den etwa 600 Gästen werden 95 Prozent der Emissionen eingespart. Angenommen wurde, dass 130 Teilnehmende international anreisen. Zurückführen lässt sich das insbesondere auf die Anfahrt der Teilnehmenden, die Verpflegung vor Ort sowie die Unterbringung in Hotels.

Nachhaltigkeitsziele und Klimaschutz, Diversität und Geschlechtergerechtigkeit – was erwidern Sie Verantwortlichen in Organisationen, die sagen: Wir haben in der Krise nun wirklich andere Sorgen…

Die Coronakrise zeigt uns, wie wichtig Resilienz ist. Widerstandsfähigkeit. Die Krise zeigt, dass Subsistenz und regionale Wertschöpfungsketten wieder mehr Beachtung verdienen. Und in der Wirtschaft erkennen immer mehr, dass Klimaschutz, Ressourceneffizienz und Diversity keine Modethemen sind, sondern wirtschaftliche Notwendigkeit. Weil die politische Rahmensetzung aus Brüssel und Berlin genau in diese Richtung geht. Weil die Nachfragen aus dem Markt da sind. Weil Nachhaltigkeit ganz zentral für Fachkräftegewinnung und Bindung von Mitarbeitenden ist.

Wenn ich meine Konferenz nachhaltig planen, organisieren und durchführen möchte – wie fange ich an?

Am besten mit einer Checkliste 😊. Es gibt eine gute Übersicht des Umweltministeriums und auch der Sustainability Rider gibt eine gute Orientierung.

Foto: BNW

„Mir ist bei Offline-Veranstaltungen wichtig, dass neben echtem Ökostrom und einer umweltfreundlichen Anreise auch auf Bio-Lebensmittel im Catering geachtet wird.“

Dr. Katharina Reuter, Geschäftsführerin BNW Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e. V.

Welche Praxisbeispiele oder Best Practices fallen Ihnen für nachhaltige Events ein?

Besondere Orte ist ein tolles Beispiel, weil hier Nachhaltigkeit wirklich ganzheitlich gedacht wird. Das Umweltforum, die Neue Mälzerei und das Tagungswerk der Besonderen Orte waren 2012 die ersten nach EMAS (Eco-Management and Audit Scheme) zertifizierten Eventlocations deutschlandweit. Seit 2014 gehört auch das Haus Zwingli dazu und heute auch die Malzküche, das Berluxx, die Französische Friedrichstadtkirche und die Zwingli-Kirche.

Wie lassen sich veranstaltende Unternehmen und Verbände und ihre Veranstaltungsplaner überzeugen, Nachhaltigkeit in ihren Konzepten zu verankern?

Das kommt drauf an! Für die einen ist es das Argument, dass sich nicht-nachhaltiges Handeln nicht mehr rechnen wird. Weil Auftraggebende es erwarten. Weil Banken es erwarten. Für die anderen ist es einfach der State-of-the-Art des 21. Jahrhunderts!

Und was ist, wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht mitziehen?

Ganz oft ist es für die Teilnehmenden ja etwas, was sie „vorgesetzt“ bekommen – und ich habe noch nie erlebt, dass es beispielsweise bei einem Bio-Büfett Protest gegeben hätte. Oder dass am Messestand, wo der Bodenbelag wiederverwendbar und die Einrichtung nachhaltig nutzbar ist, Kritik geübt worden wäre. Den größten Beitrag können Teilnehmende bei Offline-Veranstaltungen leisten, wenn sie klimafreundlich anreisen. Eine innerdeutsche Flugreise sollte möglichst vermieden werden!

Sie sind selbst oft auf Konferenzen, sei es als Speakerin oder Teilnehmerin. Was wünschen Sie sich oder was fordern Sie von Post-Corona-Formaten?

Mir ist bei Offline-Veranstaltungen wichtig, dass neben echtem Ökostrom und einer umweltfreundlichen Anreise auch auf Bio-Lebensmittel im Catering geachtet wird. Bei Online-Events freue ich mich über Community-Building-Formate.

BNW Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e. V.

Der Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft e. V. (vormals UnternehmensGrün) ist ein ökologisch orientierter Unternehmensverband. Gründungsimpuls 1992 war die Überzeugung, dass Ökologie, Soziales und Ökonomie zusammengehören. Heute stehen die BNW-Mitglieder für mehr als 80.000 Arbeitsplätze. Mitglied können Unternehmen, Unternehmer:innen, Selbstständige oder leitend in der Wirtschaft Tätige werden, wenn sie die Ziele und grundsätzlichen Positionen des Verbandes unterstützen. Der BNW Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft nimmt politisch Einfluss, vernetzt und informiert zu Themen wie #WERTschaften. In seiner Lernreihe „Nachhaltig durchstarten“ geht es in Kooperation mit Facebook um die Frage: Wie verdient man mit Nachhaltigkeit Geld?

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