She Means Business 2021

„Empathie wird entscheidend werden in vielen Bereichen unseres Lebens“

Dr. Caroline von Kretschmann ist geschäftsführende Gesellschafterin des Europäischen Hofs Heidelberg. Als Keynote-Speakerin der Konferenz She Means Business 2021 sprach sie darüber, wie sie mit Wertschätzung durch die Krise führt und zur Stimme der Branche geworden ist, warum es neue Rollenbilder braucht, Diversität und Sinnstiftung.

tw tagungswirtschaft: Sie sind geschäftsführende Gesellschafterin des Europäischen Hofs in Heidelberg und führen das Familienhotel in vierter Generation. Ihre Urgroßeltern erwarben das 5-Sterne-Hotel 1906, im Lockdown stand es leer. Seit dem 21. Mai 2021 haben Sie wieder geöffnet. Wie ist die Lage – und wie geht es Ihnen?

Dr. Caroline von Kretschmann: Zwischen dem Kauf des Europäischen Hofs Heidelberg durch meine Urgroßeltern und heute lagen schon viele Krisen, unter anderem der Zweite Weltkrieg, aber die Pandemie ist sicherlich eine der schwersten Krisen, die das Unternehmen überstehen musste. Ein siebenmonatiges Berufsverbot bedeutet für ein Haus wie unseres, mit all den Fazilitäten, enorme Kosten bei fast keinen Umsätzen und ist somit eine existenzielle Bedrohung. Auch für die Belegschaft war diese Situation sehr schwer. Die Kolleginnen und Kollegen waren weitgehend in Kurzarbeit und erhielten daher nur einen reduzierten Teil ihres Gehalts. Zudem fehlte das Trinkgeld und natürlich der Kontakt zum Team und den Gästen. Jetzt hat sich die Lage stabilisiert und wir sind alle überglücklich, dass wir wieder das tun können, was wir am meisten lieben: andere Menschen herzlich zu verwöhnen und glücklich zu machen.

Können Sie in Zahlen sprechen? Sie haben große Umsatzverluste hinnehmen müssen, haben sicherlich gespart und auch staatliche Unterstützung bekommen.

Wir haben mit dem ersten und zweiten Lockdown bis zum heutigen Tag ungefähr 6,5 Mio. Euro Umsatzverluste erlitten. Mit der November- und Dezemberhilfe und der Überbrückungshilfe III werden wir am Ende circa 30 Prozent davon als Entschädigung erhalten haben. Wir fallen als verbundenes Unternehmen leider in gewisse Förderlücken. Die restlichen Umsatzausfälle mussten wir tatsächlich mit Sparen, weniger Investitionen, gutem Wirtschaften und in geringem Maße mit Kreditinanspruchnahme kompensieren. Das wirksame Instrument des Kurzarbeitsgeldes hat uns natürlich auch geholfen.

Der Europäische Hof Heidelberg

Der Europäische Hof in Heidelberg ist ein Privathotel seit 1865. Das 5-Sterne-Hotel hat 118 Zimmer, darunter 100 Einzel- und Doppelzimmer, 14 Suiten, drei Executive-Suiten, eine Penthouse-Suite und drei Serviced Apartments. Getagt wird in zehn Veranstaltungs- bzw. Banketträumen. Die Tagungspauschale beginnt bei 75 Euro pro Person. Überschrieben mit „Im Strom der Zeit“, ist die Geschichte des Europäischen Hofs ein Stück deutsche Geschichte. Foto: Europäischer Hof Hotel Europa Heidelberg GmbH

In der Krise sind Sie eine Stimme für die Hotellerie geworden. Was haben Sie gedacht, als das erste Mal das Fernsehen anrief, z. B. der Nachrichtensender ntv oder die Talkshow Maybrit Illner?

Als Erstes habe ich gedacht: Oh Gott! Ich war ein absoluter Medienlaie und hatte unglaublich Respekt davor, ein Live-Interview zu führen oder vor einer Kamera zu stehen. Zu Anfang der Pandemie hatte ich einen sehr prominenten Anruf, den habe ich noch hasenfußmäßig abgesagt. Im Zuge der Pandemie wurden die Themen aber immer virulenter. Es sind immer mehr Kolleginnen und Kollegen auf mich zugekommen und haben mich gebeten, nach vielen Posts in den sozialen Medien auch öffentlich in anderen Medien Stellung zu beziehen. So habe ich mich mehr und mehr vorgewagt. Die ersten ntv-Interviews wurden dann von anderen Medienvertretern gesehen, und so kam eines zum anderen. Aber es war eine riesige Überwindung, da das Risiko, zu scheitern, doch sehr hoch ist. Dass man zum Beispiel auf dem Schlauch steht oder nicht gut auf den Punkt formuliert. Die Medienarbeit hat viel Kraft gekostet, aber ich fand es wichtig, der Branche und insbesondere den Familienbetrieben eine weitere Stimme zu geben und Dinge zu artikulieren, die viele von uns bewegt und die gefehlt haben und die wir uns von der Politik gewünscht hätten. Schließlich war es aber auch eine unglaubliche Lernerfahrung, die ich rückblickend nicht missen möchte. Ich musste mich richtig strecken.

Dr. Caroline von Kretschmann ist zu Gast in der Talkshow Maybrit Illner im ZDF und aus Heidelberg zugeschaltet. Foto: Screenshot

Parallel dazu sind Sie in den sozialen Medien sehr bekannt geworden. Auf Ihre Posts zum Krisenmanagement der Regierung haben Sie bis zu 1.982 Likes bekommen und 426 Kommentare. Wie kam das und hat Sie das verwundert?

Das hat mich selbst tatsächlich sehr überrascht. Ich habe die Hypothese, dass der relativ große Zuspruch unter anderem auch daran lag, dass ich versucht habe, sehr reflektiert zu schreiben und kein Politiker-Bashing zu betreiben. Die Welt ist aus meiner Sicht nicht schwarz-weiß. Es gibt immer verschiedene Ansätze und Positionen, das habe ich versucht, so auswogen wie möglich darzustellen, ohne auf eine klare Äußerung zu verzichten. In einer Zeit, in der Hetze und Hass in den sozialen Medien sehr verbreitet sind, wurde das sehr positiv aufgenommen und konnte daher auch besser geteilt werden. Hilfreich war bestimmt auch, dass ich nicht nur für uns als Europäischer Hof Heidelberg gesprochen habe, sondern für die Branche und für viele Betriebe. Das war mir auch sehr wichtig.

Auf LinkedIn und Facebook schrieben Sie, dass die Regierung nicht mehr so offen wäre für den Diskurs und zu fokussiert auf die Inzidenz. Gleichzeitig appellierten Sie an andere Unternehmerinnen und Unternehmer: Lasst uns verantwortungsvolle und belastbare Führung zeigen! Was verstehen Sie darunter?

Die Kommunikation der Regierung war aus meiner Sicht sehr stark auf Angst fokussiert. Es wurden darüber hinaus Maßnahmen festgelegt, die nicht ausreichend und anschlussfähig begründet wurden. Viele Dinge wurden zudem verkündet, aber dann nicht eingehalten. All das hat Vertrauen gekostet und die Umsetzungsbereitschaft geschwächt. Was ich mir von der Regierung gewünscht hätte, ist das, was wir hier im Betrieb gemacht haben und wofür wir viel Wertschätzung erhalten haben: Dinge transparent anzusprechen, Lösungen zu erarbeiten, diese gut zu begründen und dann das einzuhalten, was man verspricht. Zudem mehr Zuversicht, Mut, Verlässlichkeit und Sicherheit auszustrahlen, statt Angst, Verunsicherung und Frustration zu fördern. Schließlich habe ich vermisst, dass die Politik einen ganzheitlichen Diskurs geführt, andere Meinungen zugelassen und abgewägt hat. Sollte all das vielleicht sogar gemacht worden sein, so kam es aber nicht ausreichend in die Kommunikation und Aufmerksamkeit. Führung ist Fokussierung von Aufmerksamkeit. Dort, wo Sie als Führungskraft hinschauen und den Strahler hinrichten, das gewinnt eine soziale Relevanz. Das hat mir fehlt. Und auch weitgehend die Größe, Fehler einzugestehen und diese zu korrigieren. Auch das gehört für mich zu einer verantwortungsvollen Führung.

Familie von Kretschmann (v.l.n.r.): Sylvia von Kretschmann, Ernst-Friedrich von Kretschmann und Dr. Caroline von Kretschmann. Foto: Europäischer Hof Hotel Europa Heidelberg GmbH

Ihre Eltern Sylvia und Ernst-Friedrich haben den Europäischen Hof 1965 übernommen und sind noch ins Tagesgeschäft eingebunden. Was haben die beiden Ihnen in der Krise geraten?

Es ist fantastisch, dass meine Eltern, die den Europäischen Hof Heidelberg 56 Jahre lang sehr erfolgreich führen, noch operativ eingebunden sind. Das hat mir sehr geholfen. Meine Eltern sind unternehmerisch sehr belastbar und haben eine hohe Resilienz. Das liegt unter anderem auch daran, dass wir als 5-Sterne-Stadthotel in einer Kleinstadt jedes Jahr scheitern können. Mit dieser Haltung konnten wir, aber insbesondere meine Eltern, schon viele Krisen meistern, weil wir Dinge annehmen, wie sie kommen, in der Regel nicht den Mut verlieren, sondern auch die Chancen fokussieren, die in der jeweiligen Entwicklung liegen. Meine Eltern waren in der Krise an meiner Seite und haben mir geraten, Ruhe zu bewahren und mich darin bestärkt, dass wir das schon schaffen. Wie Kant schon sagte, gibt es in schwierigen Zeiten eine gewisse Pflicht zur Zuversicht. Gerade als Führungskraft.

Wie divers ist der Europäische Hof Heidelberg?

Wir sind aus großer Überzeugung sehr divers. 60 Prozent unseres Teams sind weiblich und 40 Prozent männlich. Auch in den Führungspositionen. In der Geschäftsführung sind sogar zwei Drittel weiblich. 70 Prozent unserer Kolleginnen und Kollegen sind deutscher Nationalität und 30 Prozent bereichern uns durch andere kulturelle und ethnische Hintergründe. Wir profitieren von der wertvollen Erfahrung älterer Teammitglieder genauso wie von der erfrischenden Motivation junger Menschen. 65 Prozent unseres Teams sind jünger als 40 Jahre und 35 Prozent sind zwischen 40 und 80 Jahre alt. Das Beste für Kreativität in Unternehmen ist eine hohe Diversität. Dadurch entstehen interne Spannungsverhältnisse, die einen ermutigen, etwas Neues zu machen, und das ist sehr hilfreich.

„Das Beste für Kreativität in Unternehmen ist eine hohe Diversität. Dadurch entstehen interne Spannungsverhältnisse, die einen ermutigen, etwas Neues zu machen, und das ist sehr hilfreich.“

Dr. Caroline von Kretschmann

Mir scheint jedoch, dass dieser Gedanke nicht an die Spitze von Unternehmen dringt. Wieso schaffen wir es nicht, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen? Sie sind Hoteldirektorin, doch wie viele Hoteldirektorinnen gibt es – 25 Prozent?

Ja, das wäre meine Schätzung. Es ist bekannt, dass weibliche Führungskräfte immer noch deutlich in der Minderheit sind. Wir sind ein Familienbetrieb und schon meine Urgroßeltern führten den Betrieb gemeinsam. Als mein Urgroßvater verstarb, übernahm meine Urgroßmutter. Wir hatten immer starke, unternehmerisch tätige Frauen in der Familie, die dem damaligen Rollenbild nicht entsprachen. Seit meine Mutter mit meinem Vater das Haus 1965 übernahm, arbeitet sie Vollzeit im Unternehmen. Das war für meinen Bruder und mich ein ganz normales Rollenmodell. Dass wir es nicht schaffen, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen, liegt auch an den immer noch sehr traditionellen Rollenbildern. Das reicht in die Unternehmen hinein. Nur sind das nicht die Rahmenbedingungen, die Frauen brauchen, um Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren. Das Zweite ist die gläserne Decke. Ich war nie ein Verfechter der Quote, doch wenn ich sehe, wie wenig Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern in dieser Hinsicht weitergekommen ist, stimme ich Studien zu, die belegen, dass man erst eine gewisse Grundgesamtheit herstellen muss, bevor Minderheiten eine Chance haben, gesehen zu werden. Es gibt immer noch relativ zu viele männliche Vertreter in den Gremien, die Positionen besetzen, und es ist wissenschaftlich belegt und zutiefst menschlich, dass Menschen immer wieder Kandidaten oder Kandidatinnen auswählen, die ihnen ähnlich sind. In diese Falle tappe auch ich beim Recruiting. Ich mache mir dann bewusst: Wir müssen auch Menschen finden, die nicht so sind wie wir. Wahrscheinlich liegt es auch an einem durchschnittlich zu geringen Selbstbewusstsein der Frauen und einem kritischeren Selbstbild. Häufig besteht ein Entwicklungspotenzial für Frauen, im positiven Sinne auch einen Machtanspruch zu haben und diesen auch zu artikulieren, wenn es um die Besetzung von Positionen geht.

Wie können wir Frauen unterstützen, dass sie selbstbewusster auftreten?

Gut sind unterstützende Rollenmodelle. Daran orientieren sich junge Frauen. Wichtig ist meiner Ansicht nach auch, sich zu vernetzen und gegenseitig zu stärken, als Sparringspartner zur Verfügung zu stehen und sich zu ermutigen. Das muss nicht nur mit Frauen sein. Der Vernetzungsgedanke wird in einer zunehmend komplexen und dynamischen Welt immer wichtiger. Wir Frauen in Führungspositionen können Kolleginnen auch durch entsprechende Coachings oder Trainings unterstützen. Das gilt übrigens auch in gleichem Maße für Kollegen. Egal, ob männliche oder weibliche Führungskraft: Wir müssen darauf achten, dass wir Frauen und Männer gleich behandeln und ihnen gleiche Aufstiegsmöglichkeiten geben.

Sie sind in der Position, zu gestalten. Welche Arbeitszeitmodelle können Sie Frauen anbieten?

Unser Führungscredo ist: Wir lieben, was wir tun. Das heißt, wir versuchen jede Person an die Position zu setzen, an der sie liebt, was sie tut. Denn unsere Erfahrung ist, dass die Menschen dann ihr ganzes Potenzial entfalten können und glücklich sind. Wir schauen also, wer passt am besten wohin und welche Rahmenbedingungen müssen wir schaffen, dass die Kolleginnen und Kollegen Familie und Beruf gut verbinden können. Das betrifft immer noch mehr die Mütter. Wir haben aber – und darauf sind wir stolz – z.B. auch junge Väter, die in Elternzeit gehen. Dies laden wird aus Führungsperspektive dann positiv auf. Damit ändern Sie etwas im Unternehmen, in der Denkweise und Bewertung. Dass es eben nicht heißt: Wer als Mann in Elternzeit geht, hat keine Ambitionen – oder wenn du in eine Führungsposition willst, musst du von morgens früh um acht bis abends um elf Uhr durcharbeiten. Wichtiger ist es, dass wir diejenigen positiv bestärken, die es hinbekommen, Beruf und Familie zu verbinden.

Wir lieben, was wir tun!

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Ein kleiner Einblick in das Luxushotel Europäischer Hof Heidelberg: Wegen der Folgen der Pandemie in der Hotellerie und Gastronomie verlassen immer mehr Fachkräfte diese wunderbaren Branchen.

In Vorbereitung auf unser Gespräch überlegten wir, wo Gender Equality anfängt. Sie erzählten mir von Ihrer Erfahrung als Speakerin auf zwei Konferenzen und wie Sie erfuhren, dass nur Sie kein Honorar bekommen hatten. Wie konnte das passieren?

Ja, wie konnte das passieren? Zunächst bin ich da ganz blauäugig hineingegangen. Man könnte auch sagen, ich habe mich unter Wert verkauft und wollte einfach nur ein Konferenzformat unterstützen. Im Nachhinein erzählten mir die männlichen Referenten, was sie erhalten haben. Das war eine gute Lernerfahrung. Es ist aus meiner Sicht wichtig, dass man in einer solchen Situation nicht eine Opferhaltung einnimmt und sich denkt, das war unfair und man hätte mir auch ein Honorar anbieten sollen. Man sollte vielmehr in die Urheberhaltung gehen und sich fragen: Was kann ich beim nächsten Mal tun, damit es besser läuft? Bei ihnen habe ich deshalb nachgefragt: Werden die Vorträge bezahlt? Und wenn die Antwort ist, keiner bekommt etwas, ist das völlig in Ordnung. Ich glaube übrigens, dass das auch für Gehälter gilt. Es ist weniger relevant, wie hoch das Gehalt absolut ist, wenn es im Gesamtkonstrukt fair ist, dann ist es akzeptabel. Und wenn Männer in dieser Hinsicht tendenziell selbstbewusst auftreten, sollten Frauen das auch tun.

Keynote She Means Business: „(Female) Leadership in der Pandemie – Mit Wertschätzung durch die Krise“

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She Means Business ist eine Konferenz rund um Themen wie Diversity, Gender Equality und Female Empowerment der tw tagungswirtschaft und der IMEX Group. Dieses Jahr setzte die Konferenz den Schwerpunkt „Gemeinsam durch die Krise – warum es Vielfalt und Frauen braucht" und fand am 16. Juni 2021 im Rahmen der digitalen Connecting People statt.

Eine Frage aus dem Chat bezieht sich auf Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter: Haben diese die Möglichkeit, künftig auch aus dem Home-Office zu arbeiten? Viele Hoteliers glauben ja nicht, dass das möglich ist.

Gestern wurde bei uns eine Führungskräfte-Entwicklungsmaßnahme abgeschlossen. Dabei wurde auch das Thema Home-Office angesprochen und es war wichtig, dass ich nochmals deutlich machen konnte, dass dort, wo Home-Office sinnvoll, gewünscht und möglich ist, wir das dann auch unterstützen! In diesen Situationen ist es wichtig, dass Sie die Vertrauenskultur nochmals konkretisieren und bestärken. Unsere Personalleiterin kann z.B. einen Teil ihrer Arbeit von zu Hause aus erledigen. Dort ist sie viel effizienter, denn im Büro wird sie ständig unterbrochen. Es war ein Leichtes, ihr einen Laptop zu organisieren und den externen Zugang zu unserem Netzwerk zu ermöglichen und somit nicht nur die Mitarbeiterzufriedenheit, sondern auch die Arbeitseffizienz zu erhöhen. Natürlich gibt es bei uns Bereiche, da ist es schwierig, Home-Office umzusetzen, z. B. in der Küche oder im Service, aber da, wo wir es können, da wollen wir diese Form ermöglichen. Wobei ich sagen muss, dass das tägliche Miteinander und der Teamspirit bei uns ganz viel zur Zufriedenheit am Arbeitsplatz beitragen. Das habe ich nach Ende der Lockdowns gemerkt, als sich viele Kolleginnen und Kollegen mit Tränen in den Augen wieder im Betrieb zur Arbeit trafen. Forschungen zeigen übrigens, dass Mitarbeiter gar nicht in hohem Maße von zu Hause arbeiten wollen, sondern viele gute Gründe haben, ins Unternehmen zu kommen.

Dr. Caroline von Kretschmann

Dr. Caroline von Kretschmann ist geschäftsführende Gesellschafterin des Europäischen Hofs in Heidelberg. Sie führt das 5-Sterne-Hotel seit 2013 in vierter Generation. Nach einer Banklehre bei der Deutschen Bank in Frankfurt studierte sie Betriebswirtschaft an der Hochschule St. Gallen, wo sie promovierte. Sie arbeitete 15 Jahre als Strategie- und Organisationsberaterin und tritt 2010 tritt in das Familienunternehmen ein. Caroline von Kretschmann ist Mitgründerin der Due Consultants und Vizepräsidentin des Verbands Die Familienunternehmer. Foto: Europäischer Hof Hotel Europa Heidelberg GmbH

Eine weitere Frage aus dem Chat: Wann und wie ist Ihnen klar geworden, dass sinnstiftendes Tun und gemeinschaftliches Handeln Ihre Passion ist?

Das ist eine sehr spannende Frage, die ich mir auch schon einmal gestellt habe. Wir haben im Unternehmen seit jeher eine sehr wertschätzende und emphatische Kultur und haben uns auf Führungsebene gefragt: Was ist unsere Vision und wie wollen wir diese realisieren? Da ist mir bewusst geworden, was uns ausmacht: Wir wollen nicht das rentabelste Luxus-Stadthotel mit dem höchsten Umsatz werden, sondern das herzlichste. Und zwar nicht nur gegenüber den Gästen, sondern insbesondere gegenüber den Kolleginnen und Kollegen, wie ich unsere Mitarbeitenden lieber nenne. Unsere Führungsphilosophie spiegelt das wider. Als systemische Beraterin und Coach konnte ich während meiner Ausbildung Einblicke z.B. in die Aufstellungsarbeit, in NLP, in Aspekte der positiven Psychologie etc. gewinnen und ich hatte schon immer eine hohe Affinität zur Spiritualität. Ich bin in meinem Leben immer an den Punkt gekommen, dass Kooperation besser ist als Konkurrenz, dass Vertrauen besser ist als Kontrolle und Geben besser als Nehmen.

„Wir wollen nicht das rentabelste Luxus-Stadthotel mit dem höchsten Umsatz werden, sondern das herzlichste. Die Führungsphilosophie spiegelt das wider.“

Dr. Caroline von Kretschmann

Im Handelsblatt haben Sie gesagt: „Ich spüre eine tiefe Sehnsucht nach Sinn, Gemeinschaft, Verbindung und nach gelebten Werten.“ Stichwort Connecting People: Was können wir gemeinsam tun? Wie können wir uns verbinden, uns neu verbinden?

Wir leben in einer Zeit mit sehr großen Herausforderungen. Da sind die Megatrends wie Digitalisierung, Globalisierung und Nachhaltigkeit. Das erhöht die Komplexität und die Dynamik unseres Arbeitens unglaublich, und es braucht aus meiner Sicht ein gewisses Gegengewicht. Das eine ist, dass wir überdenken, wie wir führen. Früher war es eher eine hierarchische Führung mit Macht und Kontrolle, in Zukunft werden wir andere Eigenschaften brauchen, etwa die Sinnstiftung. Ich muss als Führungskraft immer stärker das Warum beantworten können. Ich muss Coach sein und mich vernetzen. Diese Philosophie des Teilens, der Weitergebens, der Kooperation bezieht sich auch auf die Felder um uns herum. Wir sagen in unserer Philosophie in einem Punkt: Wir behandeln alle gleich – egal, welche Nationalität, sexuelle Orientierung oder sozialen Status eine Person hat. Ob Postbote oder Dienstleister, der das Haus betritt, er wird genauso behandelt wie ein König oder VIP. Diese Grundhaltung ist extrem wichtig. Ich habe gespürt, dass unsere Kolleginnen und Kollegen, unsere Gäste und die, die davon erfahren, wie wir miteinander umgehen und was wir leben, dass das die Menschen berührt. Der Ansatz ist, dass wir im Kleinen das leben müssen, was wir im Großen haben wollen. Menschen Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken, das ist das, was wir als Luxus interpretieren. Der wahre Luxus ist nicht die Infrastruktur in unserem Hotel, es sind die 150 tollen Kolleginnen und Kollegen, die für unsere Gäste da sind. Empathie wird entscheidend werden in vielen Bereichen unseres Lebens – auch als Gegengewicht zu einer zunehmenden Digitalisierung und Entfremdung.

Kerstin Wünsch

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Dr. Caroline von Kretschmann führt die Geschäfte des Europäischen Hofs Heidelberg. Zur She Means Business Konferenz am 16. Juni 2021 im Rahmen der Connecting People sprach sie über (Female) Leadership in der Pandemie – Mit Wertschätzung durch die Krise führen. Foto: Europäischer Hof Hotel Europa Heidelberg GmbH