Foto: Christof Stache

Interview mit Sven Hannawald

„Es ist extrem gefährlich, seine eigene mentale Gesundheit nicht ernst zu nehmen“

Dem Skispringer Sven Hannawald sind in seiner aktiven Zeit sportliche Erfolge gelungen, die vor und nach ihm kein Sportler je erreichte. Doch dafür zahlte er einen hohen Preis. Er gönnte sich jahrelang keine Pausen. Bis er psychisch zusammenbrach, einen Burnout mit tiefer Depression erlitt. Lange Therapien halfen ihm wieder auf die Beine. Heute hilft er Menschen, mental gesund zu bleiben – auch als Keynote-Speaker.

tw tagungswirtschaft: Sie sind in der ehemaligen DDR aufgewachsen. In Ihrer Jugend sagten die Sport-Funktionäre, Sven Hannawald sei ein großartiger Norm-Erfüller. Sportlich immer mehr und mehr zu geben – hat Ihnen das gutgetan?

Sven Hannawald: Wenn ich von einer Sache überzeugt bin, dann gebe ich alles. Und dann bin ich gelaufen und gelaufen wie eine Maschine. Es hätte mir damals gutgetan, regelmäßig einfach ein, zwei Tage lang abzuschalten, um dem Körper etwas zurückzugeben. Und der Psyche natürlich auch. Aber das wusste ich damals nicht.

Schon als Zwölfjähriger hat Sie Ihr Trainer sonntags daheim abgeholt und nach Klingenthal in die Kinder- und Jugendsportschule der DDR gefahren. Erst Freitagabend durften Sie wieder zurück zu Ihren Eltern. Hatten Sie nie Heimweh?

Oh ja. Heimweh auch. In Klingenthal habe ich psychisch viel in mich hineingefressen. Das kam aber erst viel später während meiner Psychotherapie heraus. Ich wusste als Kind schon, dass ich diesen Weg gehen muss, auch wenn die Seele darunter gelitten hat. Deswegen war das für mich stimmig und ich habe mitgemacht. Freitagabends haben mich ja meine Eltern immer wieder abgeholt. Es gab unter meinen Sportkameraden auch einige, die das Heimweh nicht ausgehalten haben und aufhörten.

Sven Hannawald: Ein Superstar und sein Sprung ins Burnout | SWR Sport

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Lassen Sie uns jetzt zur Jahreswende ins Jahr 2002 blicken. Neujahr gewannen Sie als erster Skispringer überhaupt alle vier Springen der Vierschanzentournee. Sie wurden vierfacher Weltmeister, Olympiasieger im Team und Deutschlands Sportler des Jahres. Zuvor schon hatte ihr damaliger Manager Werner Heinz seit Mai 2001 geheime Treffen mit dem Sportpsychologen Professor Dr. Hans Eberspächer für Sie verabredet. Das war sehr ungewöhnlich damals. Sich mit Psychologen zu treffen, galt als Eingeständnis von Schwäche, von Versagen wegen psychischer Krankheit. Mentale Gesundheit war kein Thema.

Sportpsychologie war außerhalb des Motorsports damals bei keinem Leistungssportler ein Thema. Deswegen habe ich darauf bestanden, dass von diesen Sitzungen mit Professor Eberspächer wirklich niemand erfahren durfte. Selbst mein Trainer-Team, ja sogar meine Eltern wussten nichts von diesen Gesprächen beim Sport-Psychologen. Hätten meine Trainer davon gewusst, dann hätten sie sich als Versager gefühlt. Weil die Trainer meinten, auch die Kompetenz zu haben, mich mental zu betreuen.

Sven Hannawald

Foto: TRAVEL CHARME Gunnar Menzel

Sven Hannawald ist Olympiasieger und Partner von Sport Speaker. 2002 gewinnt er als erster Skispringer alle vier Springen der Vierschanzentournee (Grand Slam). Hannawald war vierfacher Weltmeister, Olympiasieger im Team und Deutschlands Sportler des Jahres. Doch das Ausnahmetalent konnte dem eigenen Erfolgsdruck nicht standhalten. 2005 beendete er seine Karriere, nachdem er an Burnout erkrankte. 2013 schrieb er seine Biografie. 2016 gründete er mit Sven Ehricht eine Unternehmensberatung für betriebliche Gesundheit. In Vorträgen, Talks und Seminaren auf Skisprungschanzen gibt der Corporate-Health-Botschafter Impulse für Stress- und Burnout-Prävention im beruflichen wie privaten Leben. Der ARD-TV-Experte ist Botschafter der Offensive Psychische Gesundheit der Bundesregierung. Seit August ist er zudem Botschafter der AOK Bayern für seelische Gesundheit und macht auf Präventionsangebote aufmerksam, mental gesund zu bleiben. https://sport-speaker.com/

Was war Thema in Ihren Sitzungen mit Psychologe Eberspächer?

Warum bin ich das, was wir damals mit „Trainingsweltmeister“ bezeichneten? Also warum klappen die herausragenden Sprünge im Training, aber nicht während eines Wettkampfes?

Also hundert Prozent der körperlichen Leistung immer dann abrufen zu können, wenn es nötig ist. Ganz gleich, was um Sie herum passierte.

Ja, genau. Ich erhoffte mir, im Kopf stärker zu werden. Mir setzte der Erfolgsdruck fürchterlich zu. Sobald ich gut gelaunte Zuschauer nur von der Ferne hörte, begann ich innerlich zu zittern.

Konnte Ihnen der Sportpsychologe helfen – zu mehr mentalem Wohlbefinden?

Ja. Ich habe gelernt, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das klappt bei mir bis heute noch sehr gut. Das habe ich bei Hans gelernt. Im Nachhinein betrachtet waren diese sportpsychologischen Sitzungen das letzte Puzzle-Teilchen zu meinen großen sportlichen Erfolgen. Ohne mentales Training beim Psychologen hätte ich das nicht geschafft.

Sie sind ja auch ein sehr gefragter Keynote-Speaker bei Kongressen. Bringen Sie dies Ihren Zuhörern bei: seine inneren Pferdestärken auch abrufen zu können, Stärke, Härte und Stress-Resistenz zu beweisen, wenn sie im Beruf gebraucht werden?

Eigentlich nein. Ich habe mich auf Gesundheitsthemen fokussiert. Sportler werden oft als Redner gebucht, die Motivation eines Teams zu erhöhen. Ich sehe mich nicht so. Sich vor seine Zuhörer zu stellen und ein Motivations-Tschakka zu rufen, bringt nur für ein paar Tage etwas. Dieser Eindruck verfliegt.

„Sich vor seine Zuhörer zu stellen und ein Motivations-Tschakka zu rufen, bringt nur für ein paar Tage etwas. Dieser Eindruck verfliegt.“

Sven Hannawald

Also zielen Ihre Trainings auf mentale Gesundheit?

Unbedingt. Die meisten Menschen leben im Druck. Sie erleben eine Bringschuld und wissen morgens beim Wachwerden nicht, wie sie dem Berg an Verpflichtungen Herr werden. Ich bestärke meine Teilnehmer darin, sich zu überlegen, was sie einfach weglassen können und was unbedingt sein muss. Sonst ist irgendwann die psychische Batterie leer und die Leute werden krank.

Foto: AOK Bayern

Psychische Gesundheit: Hannawald neuer Botschafter der AOK Bayern. Die AOK Bayern verstärkt ihr Engagement im Bereich psychische Gesundheit. Gemeinsam mit Sven Hannawald will die Krankenkasse auf das sensible Thema aufmerksam machen und gezielt auf Präventionsangebote hinweisen. Im Bild: Sven Hannawald und Stephan Abele, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der AOK Bayern, bei der Vertragsunterzeichnung im Münchner Olympiapark.

Sie bewahren Ihre Teilnehmer davor, den psychischen Raubbau zu begehen, den Sie als junger Mann sich selbst angetan haben?

Dies auf alle Fälle. Ich kann aber auch meinen Zuhörern durch meine Person innere Stärke verleihen, die wahren Probleme anzugehen. Weiter mitzuschwimmen im Alltagstrott macht viele krank. Sie müssen zum Chef gehen und Dinge grundlegend ändern, wenn sie Probleme im Berufsalltag haben.

Sie warnen also vorm Mitschwimmen?

Mitschwimmen kann auch okay sein, wenn man sich dabei wohlfühlt. Bei vielen ist das aber nicht so. Jeder muss seinen eigenen Weg aus dem psychischen Druck am Arbeitsplatz finden. Wer seinen eigenen Weg gefunden hat, der ist mental stark und dem macht auch der Beruf wieder Spaß. Wer von morgens bis abends in einer Bringschuld ist, der wird irgendwann krank. Das ist ein Teil meiner Arbeit, dass meine Teilnehmer zurück zu mentaler Stärke finden. Ich arbeite aber auch mit den Chefs. Dass deren Mitarbeiter nach Feierabend die Möglichkeiten finden, ihre Akkus wieder aufzuladen. Wer ständig auch zu Hause und womöglich noch am Wochenende oder im Urlaub elektronisch erreichbar ist, der kann sich unmöglich erholen. Das bringe ich den Managern bei. Ich habe früher den Fehler gemacht, mir keine Zeit mehr zur Erholung zu geben.

„Wer ständig auch zu Hause und womöglich noch am Wochenende oder im Urlaub elektronisch erreichbar ist, der kann sich unmöglich erholen. Das bringe ich den Managern bei. Ich habe früher den Fehler gemacht, mir keine Zeit mehr zur Erholung zu geben.“

Sven Hannawald

Sie ermutigen, Pausen zu machen, weil Sie das früher nicht zugelassen haben?

Ich hatte mir als Leistungssportler eingeschärft: Theoretisch könntest Du Dir eine kurze Ruhezeit gönnen. Aber vom Pausemachen wirst Du kein Weltmeister. Wer ein solches schlechtes Gewissen in sich hat, bekommt es so einfach nicht mehr los. Wer von acht Uhr bis mittags vorm Computer saß, hat natürlich eine Pause verdient. Das heißt nicht, bei Kaffee und Zigarette Social Media zu checken. Das Handy sollte in der Tasche bleiben. Lieber mit den Kollegen unterhalten oder eine Runde spazierengehen. Wer ein wichtiges Projekt fertigbekommen muss, der kann auch nach Feierabend noch mal eine Runde an den Computer. Da bin ich Realist genug. Das muss aber eine sehr seltene Ausnahme bleiben, sonst stimmt etwas nicht.

Warum konnte Sie Sportpsychologe Professor Eberspächer nicht vor dem drohenden Burnout bewahren, hat er das nicht gesehen?

Doch. Im Nachhinein gesehen hatte er mich gewarnt. Ich war aber so tief in einer Hamsterrolle der Dauerleistung gefangen, dass ich seine Warnungen in den Wind geschlagen habe. Ich war innerlich so unruhig, dass ich nicht sehen konnte und wollte, dass ich in diesem Hamsterrad sehr ernsthaft krank werden würde. Mich zu ändern – das konnten nach meinem psychischen Zusammenbruch nur die Therapeuten in der Klinik leisten.

Erst 2004 haben Sie einem Arzt für Psychosomatik gegenüber offenbart, wie schlecht es Ihnen geht – obwohl sie schon seit ungefähr eineinhalb Jahren oft eine bleierne Müdigkeit verspürten. In Ihrem Buch widmen Sie ein großes Kapitel dem psychischen Absturz. Sie fühlten sich schlapp, eine Schwere bemächtigte sich Ihres Körpers, der Antrieb fehlte. Dazu kam noch diese nicht endende Unruhe in Ihnen. Warum haben Sie so lange gewartet, bis Sie sich offenbarten, psychisch krank zu sein?

Ich dachte, dass mein schlechter Zustand körperliche Gründe hat. Die Diagnose Burnout gab es damals noch nicht. Mir wurde hundertmal Blut abgezapft, weil die Ärzte dachten, ich litte am Pfeifferschen Drüsenfieber. Erst bei meiner Diagnose Burnout konnte ich eins und eins zusammenzählen. Ich habe mich dann an den Fall Sebastian Deißler erinnert und konnte nun nachvollziehen, wie es ihm damals ging. Erst dann konnte ich vor mir zulassen, mental krank zu sein. (Der Fußballer Sebastian Deisler – FC Bayern München, Nationalmannschaft – hatte im September 2003 den Mut, in die Fernsehkameras zu sagen: „Ja, ich bin krank, ich leide an Depressionen.“ Anmerkung der Redaktion.)

Der niedergelassene Psychiater schickte Sie am 27. April 2004 für acht Wochen in die Klinik für Psychosomatische Medizin nach Bad Grönenbach. Es war ein großes Glück, dass Sie dort die Ärztin und Therapeutin Nora Maasberg kennenlernten. Sie therapierte Sie zunächst in der Klinik und später auch 80 Stunden lang ambulant tiefenpsychologisch fundiert. Zunächst bekamen Sie in der Klinik auch ein Medikament.

Ja, vorübergehend. Das ging nicht anders. Damit konnte ich endlich wieder schlafen. Mein Körper konnte sich regenerieren. Wenn das Medikament morgens schwächer wurde, dann wurde ich wieder enorm unruhig. Generell bin ich aber auch heute der Meinung, möglichst ohne Medikamente auszukommen. Lieber den Lebensstil ändern.

Ohne dieses Medikament wären Sie aber in der Klinik nicht therapiefähig gewesen, oder?

Eher schwerer. Die Kraft hatte ich bei Aufnahme in der Klinik natürlich nicht. So war es für mich okay. Ab dem Zeitpunkt, wo es mir dann besser ging, haben wir die Tabletten wieder schrittweise weggelassen.

Heute sind Sie froh, mit der Klinikeinweisung noch gerade rechtzeitig die Notbremse gezogen zu haben.

Ja. Es ist extrem gefährlich, seine eigene mentale Gesundheit nicht ernst zu nehmen. Genauso wie man jede psychische Erkrankung sehr ernst nehmen muss. Es gibt ja auch das traurige Beispiel von Robert Enke. (Er war Torwart der Bundesligamannschaft von Hannover 96 und achtmaliger Torhüter der Nationalmannschaft des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), der sich im November 2009 wegen seiner Depression das Leben nahm. Anmerkung der Redaktion.)

„Es ist extrem gefährlich, seine eigene mentale Gesundheit nicht ernst zu nehmen. Genauso wie man jede psychische Erkrankung sehr ernst nehmen muss.“

Sven Hannawald

Wann reifte bei Ihnen die Entscheidung, mit dem Skispringen aufzuhören?

Nach der Zeit in der Klinik wohnte ich für einige Monate bei meinen Eltern. Ich war immer wieder sehr unruhig. Das war das Signal meines Körpers, der darauf eingestellt war: ‚Das Skispringen geht wieder los‘. Ich hörte dann aber auf mein Innerstes. Und meinen Verstand. Die sagten mir, ich müsse von nun an bewusster und vernünftiger mit meinem Leben umgehen. Es war eine schwierige Entscheidung, loszulassen.

Wie geht es Ihnen heute?

Gut! Den Abstand zum aktiven Skispringen habe ich. Bin aber auch froh, dass ich heute die Live-Übertragungen der Skispringer in der ARD kommentieren kann.

Womit verdienen Sie außerdem Ihren Lebensunterhalt?

Ich versuche, das Jahr zu halbieren. Im Winter gibt es nur meine Arbeit als Experte und Kommentator. Und im Sommer arbeite ich als Keynote-Speaker und als Berater für Unternehmen. Ich vermische das nicht. Das gehört auch zu meiner neuen mentalen Gesundheit.

Thomas Grether

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