Österreich

Verantwortungs­volle Gastgeber

Talk zur Convention4u : v.l.n.r.: Georg Geczek, Leiter des Competence Centers Event Safety Wiener Rotes Kreuz, Journalist & Verlagsleiter Christoph Berndl, ÖW-Geschäftsführerin Petra Stolba, ACB-Präsident Gerhard Stübe, Netzwerk- und Innovationsforscher Lukas Zenk Foto: ÖW, Robinson

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Verantwortungs­volle Gastgeber

Talk zur Convention4u : v.l.n.r.: Georg Geczek, Leiter des Competence Centers Event Safety Wiener Rotes Kreuz, Journalist & Verlagsleiter Christoph Berndl, ÖW-Geschäftsführerin Petra Stolba, ACB-Präsident Gerhard Stübe, Netzwerk- und Innovationsforscher Lukas Zenk Foto: ÖW, Robinson

In Österreich sind seit September wieder Großveranstaltungen in geschlossenen Räumen für bis zu 5.000 Personen erlaubt. Das ist ein gutes Zeichen, doch die Sorge um eine zweite Welle bleibt. Die Österreicher setzen deshalb auf ausgefeilte Sicherheits- und Hygiene-Konzepte, hybride Events und auf den Zusammenhalt. Gemeinsam blicken sie nach vorne.

„Österreich ist von COVID-19 inzwischen insgesamt weniger betroffen, erlebt aber derzeit wieder steigende Infektionszahlen“, informiert das Auswärtige Amt in Deutschland am 8. September 2020 unter „Österreich: Reise- und Sicherheitshinweise“. Die Einreise aus Deutschland ist wieder uneingeschränkt möglich. Ebenso aus den meisten EU-Mitgliedstaaten (mit Ausnahme von Bulgarien, Kroatien, Portugal, Rumänien, Festland-Spanien und Schweden). Das Thema „Veranstaltungen“ behandelt die COVID-19-Lockerungsverordnung des Bundesministers für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz in Paragraph 10, dazu zählen auch Kongresse. „Mit 1. September 2020 sind Veranstaltungen mit zugewiesenen und gekennzeichneten Sitzplätzen in geschlossenen Räumen mit bis zu 5.000 Personen und im Freiluftbereich mit bis zu 10.000 Personen mit Bewilligung der für den Veranstaltungsort örtlich zuständigen Bezirksverwaltungsbehörde zulässig.“

Den Lockerungen auf der einen Seite steht auf der anderen Seite die Sorge vor einer zweiten Welle gegenüber und damit eine große Planungsunsicherheit. Obwohl in Österreich seit September wieder Großveranstaltungen für bis zu 5.000 Personen erlaubt sind, sind im Austria Center Vienna (ACV) mittlerweile auch die beiden für den Herbst verbliebenen Kongresse verschoben worden. Die kurzfristige internationale Entwicklung und die Voraussetzungen für Teilnehmer und Aussteller sind zu unklar gewesen und bleiben es. Die Wiener gehen davon aus, dass internationale Kongresse erst ab nächstem Jahr wieder stattfinden. Im Herbst werden es vor allem lokale und kleinere Veranstaltungen sein. „Das Thema ‚zweite Welle‘ ab Herbst ist natürlich auch in Österreich ein großes Thema“, informiert Pressesprecher David Scheurich. „Wir haben daher ein Hygiene-Konzept für unser Haus erstellt, um unseren Teil zur Vermeidung von möglichen Ansteckungen beizutragen.“

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Seminare und Meetings sind bereits seit Juni möglich und das detaillierte Hygiene-Konzept des ACV von „A“ wie Abstand bis „Z" wie Zufuhr der Frischluft ist einsatzbereit. Eine skalierbare Klassenzimmerbestuhlung sichert den Mindestabstand, ob im Raum mit 50 Personen oder Saal mit 1.000 Personen. Mit 24 Sälen und 180 Tagungsräumen sowie rund 26.000 qm Ausstellungsfläche ist das Austria Center Vienna Österreichs größtes Kongresszentrum. „Die gesamte Branche ist in dieser schweren Zeit besonders gefordert, neue Konzepte und attraktive Angebote zu entwickeln“, weiß Vorständin Dr. Susanne Baumann-Söllner. Neben den Sicherheits- und Hygienemaßnahmen setzt sie auf digitale Angebote. Denn „dem ,hybriden‘ Kongress – also der Teilnahme vor Ort und gleichzeitig virtuell von zu Hause aus – gehört die Zukunft.“ Ein Beispiel ist European Congress of Radiology (ECR). Wegen der Corona-Reisebeschränkungen findet dieser erstmals im Juli online statt und setzt mit 15.265 Teilnehmern aus 130 Ländern als digitaler ECR 2020 einen neuen Standard für medizinische Kongresse.

Die Radiologen hätten eigentlich im März das ACV belegen sollen und mit den anderen Buchungen dieses Jahr zum Rekordjahr werden lassen. „Die mit der Corona-Pandemie verbundenen Kongressverschiebungen und -ausfälle machen stattdessen sehr schmerzhaft deutlich, welch hohe Bedeutung die Kongresswirtschaft für den Tourismusstandort Wien hat“, berichtet Baumann-Söllner. Letztes Jahr zählte sie trotz Umbau 91.501 internationale Teilnehmer. 540 Euro gibt ein Kongressgast aus und damit etwa doppelt so viel wie andere Wien-Besucher. Die Teilnehmerzahl 2019 war trotz Umbau mit dem Veranstaltungsjahr 2016 vergleichbar, und die ökonomischen Impulse entsprachen somit einem BIP-Effekt von über 450 Mio. Euro. Was das Geschäftsjahr 2020 und die Corona-Einbußen betrifft, weiß Baumann-Söllner: „Den Umfang des Gesamtverlustes für den gesamten Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Wien werden wir erst in ein bis zwei Jahren seriös bewerten können.“

Erst recht für das Tagungsland Österreich. Durch das Veranstaltungsverbot wegen COVID-19 fielen allein zwischen März und Mai nahezu alle Live-Veranstaltungen aus. Im Vorjahr waren es in diesem Zeitraum 7.200 Veranstaltungen. Das sind 30 Prozent des Jahresgeschäfts, die verloren sind. Eine vom Austrian Convention Bureau (ACB) initiierte Befragung unter 126 Tagungsbetrieben schätzt die Umsatzverluste im Mai und Juni auf mindestens 100 Mio. Euro. „Ebenso wie die Reisebüros, Messe- und Eventbranche zählt die Tagungsbranche zu jenen, die es derzeit am härtesten trifft, denn sie musste als eine der ersten schließen und wird noch für das verbleibende Jahr in ihrer Handlungsfähigkeit stark eingeschränkt sein“, erklärt Gerhard Stübe. Der Präsident des Austrian Convention Bureaus (ACB) ergänzt: „Für abgesagte Veranstaltungen wurde versucht, Ersatztermine zu finden, jedoch erfolgen aufgrund der unsicheren Lage derzeit kaum neue Buchungen und Planungen werden dadurch nahezu unmöglich.“ Dabei war der österreichische Tagungsmarkt am Wachsen und kam letztes Jahr im Meeting Industry Report Austria (mira) auf 25.000 Seminare, Firmentagungen und Kongresse mit knapp 1,8 Mio. Teilnehmern und 2,3 Mio. Nächtigungen. Laut Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS) erwirtschaftete die Veranstaltungsbranche 2015 eine Wertschöpfung von 8,9 Mrd. Euro. Petra Stolba, Geschäftsführerin der Österreich Werbung (ÖW), sieht in der Kongress- und Tagungsindustrie nicht nur einen wertschöpfungsstarken Teil des Tourismus, sondern „eine Visitenkarte für den Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Österreich sowie einen wichtigen Treiber für Innovation und Forschung“. Das betont sie beim Convention Talk der ersten virtuellen Jahreskonferenz „Convention4u“. Stolba: „Gerade jetzt zeigt sich, wie wichtig der MICE-Bereich ist. Wir müssen an einem Strang ziehen, neue Kooperationen und Formate andenken und den Austausch untereinander verstärken.“ ACB-Präsident Stübe appelliert deshalb an den Zusammenhalt. Dazu gehört für ihn eine vertiefte Kollaboration in Form einer Arbeitsgemeinschaft zwischen der Österreich Werbung, dem Austria Convention Bureau, den Convention Bureaus der neun Bundesländer und den Landestourismusorganisationen. Das Motto der „Convention4u“ lautete folglich: „So gestalten wir unsere Zukunft“. Zur Gestaltung der Zukunft wollen die Österreicher das heimische Netzwerk und den Zusammenhalt stärken, ihr Wissen teilen und mutig in die Zukunft blicken. Gerade auch hinsichtlich der neuen Plattform für Österreichs Tagungsmarkt: die Convention Austria, die im April 2021 in Linz über die Bühne gehen soll.

„Wir werden uns mit Sicherheit wieder treffen“, blicken auch die Linzer nach vorne. Das Team im Design Center Linz hat ein Covid-19-Präventionskonzept ausgearbeitet, das seit dem 1.September für Veranstaltungen mit mehr als 200 Teilnehmern gilt und den Maßnahmen des Bundesministeriums für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz genügt. Im Kongresszentrum mit Ausstellungshalle auf 4.300 qm, Veranstaltungshalle mit 1.170 qm, Empore mit 1.300 qm, zwei Foyers und den Räumen mit bis zu 230 qm gelten Hygiene- wie Abstandsregeln im gesamten Veranstaltungsbereich inklusive Pausengestaltung und gastronomischer Verpflegung. Für den geschäftsführenden Direktor Thomas Ziegler (rechts im Bild) ist sein Haus das internationale Aushängeschild der Landeshauptstadt im Veranstaltungsbereich und das verpflichtet. „Aus diesem Grund ist es für uns eine Selbstverständlichkeit, unsere Kunden mit diesem COVID-19-Präventionskonzept zu unterstützen und somit die Planung der Veranstaltungen in dieser außergewöhnlichen Zeit zu erleichtern.“

Wien präsentiert zwei Qualitätssiegel für sicheres Reisen trotz Corona

Die Wirtschaftskammer Wien und WienTourismus unterstützen Beherbergungsbetriebe mit dem speziell für Wien entwickelten Sicherheitssiegel „Safe Stay“. Mit der Teilnahme an der weltweit ersten globalen Sicherheitsmarke „Safe Travels" für den gesamten Tourismussektor zeigt die österreichische Hauptstadt, dass sie für höchste Standards steht.

Dass durch Corona die Sicherheit neben der Digitalisierung das große Thema geworden ist, ist allen klar. „Neben Österreichs innovativem und zukunftsorientiertem Angebot, der professionellen Servicequalität und der Gastfreundschaft ist selbstverständlich auch das Vertrauen in die Sicherheitsvorkehrungen von erheblichem Interesse“, bekräftigt ÖW-Chefin Stolba. Die Bundesregierung arbeitet deshalb gemeinsam mit Branchenvertretern an der Umsetzung und Weiterentwicklung zielgerichteter Regelungen und Maßnahmen und die Branche selbst an Präventionskonzepte für sichere Live-Veranstaltungen. Ihr Ziel: Das persönliche Fortbilden, Netzwerken und Austauschen so sicher und vertrauensvoll wie möglich zu machen. „Die Maßnahmen müssen von allen beteiligten Stakeholdern – also von Veranstaltern über die Mitarbeiter in den Betrieben bis hin zu den Teilnehmern – ernst genommen und verantwortungsvoll umgesetzt werden. Denn nur so können wir das Vertrauen in Kongresse und Tagungen stärken und die Chance auf Live-Veranstaltungen aufrecht halten“, betont ACB-Präsident Stübe. Stolba und Stübe sind sich einig und setzen alles daran, Österreich im In- und Ausland als verantwortungsvolles, innovatives Gastgeberland zu positionieren, um als Tagungsstandort im weltweiten Vergleich attraktiv zu bleiben. „Österreich soll, in Abhängigkeit von den weltweiten Entwicklungen rund um COVID-19, seine Stellung als gefragte Destination in der Meetingindustrie wieder einnehmen“, so Stübe. Er weiß aber auch: „Um die Branche handlungsfähig zu machen und Österreich als erfolgreichen Standort für Kongresse und Tagungen zu erhalten, muss die Regierung über langfristige Konjunktur- und Hilfspakete, eine Ausfallshaftung für den Fall eines erneuten Veranstaltungsverbots sowie die Verlängerung der Kurzarbeit bis Ende des Jahres 2021 nachdenken.“

Kerstin Wünsch

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