Interview

„Sicher durchgeführte Veranstaltungen erzeugen Vertrauen!“

Der BVVS hat gemeinsam mit Partnern grafische Modelle für den Flächenbedarf bei Veranstaltungen unter Einhaltung des Mindestabstands erarbeitet: Laden Sie hier Variante 1 and Variante 2 herunter.

Dennis Eichenbrenner und Sven Hansen, die beiden Vorsitzenden des Bundesverbands Veranstaltungssicherheit (BVVS), über Veranstaltungen in Zeiten von Corona, Vertrauen, Sicherheitskonzepte und den Dialog mit der Politik.

Aus Ihrer Sicht als Vorsitzende des Bundesverband Veranstaltungssicherheit (BVVS): Können Veranstaltungen in Zeiten von Corona überhaupt sicher durchgeführt werden?

Dennis Eichenbrenner: Die Corona-Situation stellt ja insbesondere die Veranstaltungsbranche vor riesige Herausforderungen. Auf der einen Seite im Hinblick auf die finanzielle Situation und auf der anderen Seite natürlich, wie und in welcher Form man künftig überhaupt wieder veranstalten kann. Wir haben in einem Arbeitspapier gemeinsam mit dem VPLT (Verband für Medien- und Veranstaltungstechnik) herausgearbeitet, dass man unter dem Begriff „Veranstaltung“ hunderte denkbare Formate zusammenfassen kann und es nicht die eine Veranstaltung gibt. Das gilt es im Kontext Corona und Veranstaltungen stets zu bedenken. Letztlich aber sind in kleinerem Rahmen Veranstaltungen wieder möglich und uns als BVVS ist es wichtig, dass wir größere Formate ausführlich testen. Doch das gibt leider nicht jede Corona-Verordnung in den einzelnen Bundesländern her.

Sven Hansen: Klar ist ein großes Musik- Festival oder ähnliches in naher Zukunft vermutlich noch schwierig. Wir als Branche sind gut beraten klein anzufangen und diese kleinen Formate gut und sicher durchzuführen. Das erzeugt notwendiges Vertrauen! Wir sollten uns also untereinander austauschen, Erfahrungen teilen mit diesem Rüstzeug in den Dialog und die Abstimmung mit der Politik treten, um profund beraten zu können, wie es letztlich mit Veranstaltungen weiter gehen kann.

Würden Sie zu einer bestimmten Art von Veranstaltungen raten, und von bestimmten Formaten sogar eher abraten? Dennis Eichenbrenner: Das lässt sich so einfach nicht beantworten, da man von Fall zu Fall entscheiden muss. Es geht uns als BVVS insgesamt darum, der Politik mit guten und sicheren Veranstaltungen zu zeigen, dass mit einem professionellen Engagement, mit modernen Lösungen und einem soliden, durchdachten Sicherheits- und Hygiene-Konzept bereits jetzt schon viel mehr möglich ist, als es die einzelnen Corona-Verordnungen größtenteils hergeben. Grundsätzlich wichtig ist aber, dass Veranstaltungen durchgeführt werden, dass Abläufe und Möglichkeiten profunde getestet werden und dass darauf basierend tragfähige Konzepte gestaltet werden können. Sven Hansen: Es gibt in diesem Kontext kein richtiges oder falsches Format, vielmehr müssen Veranstaltungen individuell betrachtet werden. Sicher durchgeführte Veranstaltungen erzeugen letztlich Vertrauen und das ist im Moment sowohl für die Politik als auch für den Besucher enorm wichtig und aber auch für die Veranstalter.

Auch nicht ein Format mit mehr als 1.000 Teilnehmern wie ursprünglich am 4. September mit dem Konzert „Give Live a Chance“ in Düsseldorf geplant? Dennis Eichenbrenner: Ein gutes Beispiel, denn ohne ein tragfähiges solides Konzept hätten die Veranstalter keine Zulassung vom Gesundheitsamt bekommen. Ich denke schon, dass Veranstaltungen unter freiem Himmel mit ausreichend Platz, bei denen die Besucher Abstände einhalten können, mit Service am Platz, mit smarter Wegeführung und einem guten Ein- und Auslasskonzept durchaus möglich sind. In diesem bestimmten Fall, den Sie ansprechen, ist vermutlich eher die Frage, ob ein solches Format derzeit bei steigenden Fallzahlen politisch tragbar ist. Von sachlicher Sicht ist dies sicher möglich, zumal die Entscheidung über die Durchführung ja erst einige Tage vor der eigentlichen Veranstaltung getroffen wird - auch abhängig von dem dann aktuellen Infektionsgeschehen. Ich bin überzeugt, dass die Veranstalter ein sehr sicheres Hygienekonzept auf die Beine gestellt haben.

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Viele Veranstaltungsplaner sind unsicher, wie sie eine Veranstaltung organisieren können und dabei sämtliche Hygiene- und Schutzmaßnahmen beachten. Gibt es eine Art Leitfaden, an dem man sich organisieren kann? Dennis Eichenbrenner: Es gibt leider nicht den einen Leitfaden, an dem man sich orientieren kann, allerdings haben verschiedene Verbände und einzelne Arbeitsgruppen Arbeitspapiere erarbeitet, zum Beispiel den Rahmenplan, den der EVVC erstellt hat, das Arbeitspapier von RIFEL, oder die Event-Hygiene-Checkliste, an der ich selbst mitgewirkt habe. Letztlich haben sämtliche Papiere ihre Stärken und Schwächen und im Endeffekt wird kein Veranstaltungsplaner darum herum kommen, sich mit all diesen Papieren und Checklisten auseinanderzusetzen und für die eigene Veranstaltung ein individuelles Konzept zu erarbeiten. Sven Hansen: Zudem gibt es noch Vorgaben der WHO oder des RKI. Was aber nicht außer Acht gelassen werden darf ist, dass es ja auch unabhängig von Corona ein normales Sicherheitskonzept gibt, das mit den neuen Hygienevorgaben abgestimmt werden muss. Das ist eine riesige Herausforderung, denn oftmals stehen sich unterschiedliche Schutzziele gegenüber. Das muss gegeneinander abgewogen werden. Eventuell hat der Hygienebeauftragte ein anderes Ziel als derjenige, der das Sicherheitskonzept geschrieben hat. Planer müssen sämtliche Maßnahmen nun verzahnen.

Was wäre denn aus Ihrer Sicht die beste Herangehensweise, um eine sichere Veranstaltung während der Pandemie zu gewährleisten? Sven Hansen: Im Endeffekt sollte man sich zuerst ausreichende Kenntnisse über die Begebenheiten der jeweiligen Veranstaltung erarbeiten, die Gefahren und Möglichkeiten kennen, eine ehrliche Risikoanalyse erstellen und das Projekt danach realistisch einordnen. Wichtig ist zudem, dass diese Analyse frühzeitig getroffen wird und nicht erst dann, wenn das Veranstaltungskonzept bereits geschrieben ist. Dennis Eichenbrenner: Je nach Größe und Art der Veranstaltung kann man sich auch Hilfe durch externe Berater holen, die dem Veranstalter bei der Gefahrenanalyse und letztlich bei der Abstimmung mit Behörden zur Seite stehen.

Könnten Sie Planer dabei unterstützen? Dennis Eichenbrenner: Ja, Planer können sich an den BVVS wenden und wir vermitteln dann Kontakte zu Experten, die in diesem Kontext unterstützen können.

Sie stehen basierend auf dem vom BVVS erarbeiteten Konzeptpapier „Veranstaltungen und Messen in Baden-Württemberg in Zeiten mit erhöhter Infektionsgefahr“ bereits im Dialog mit der Staatssekretärin im Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württembergs, Katrin Schütz. Gibt es konkrete Ergebnisse? Dennis Eichenbrenner: Der Dialog war sehr offen und geprägt von einem vertraulichen Umgang, weswegen ich leider keine konkreten Ergebnisse verraten darf, die im direkten Zusammenhang mit den Gesprächen zwischen der Staatsekretärin Frau Schütz und dem BVVS stehen. Was ich aber verraten kann, ist dass unsere Punkte sehr ernst genommen wurden. Grundlage war das Konzeptpapier „Veranstaltungen und Messen in Baden-Württemberg in Zeiten mit erhöhter Infektionsgefahr“. Im Gespräch wurde seitens der Staatssekretärin sehr viel Verständnis für die aktuelle Situation im Veranstaltungsbereich aufgebracht. Der Austausch war sehr sachlich und wir konnten konkrete Handlungsempfehlungen anbringen. Im Detail ging es um die Öffnungsstrategien für betroffene Bereiche, aber auch um Finanzhilfen für Solo-Selbstständige und Unternehmen in der Veranstaltungswirtschaft. Sven Hansen: Bei einer möglichen Wiederaufnahme von Veranstaltungen war es besonders wichtig, die Unterschiede etwa zwischen Indoor- und Outdoor-Events herauszustellen. Wir konnten die verschiedenen Möglichkeiten unserer Branche, auf Problemstellungen mit individuellen und innovativen Ideen zu reagieren, erläutern und diese Sachverhalte anhand des Konzeptpapiers auch anschaulich vermitteln. Dabei ist es uns gelungen die Notwendigkeit, flexiblere Regelungen in der aktuellen Corona-Verordnung in Baden-Württemberg anzuregen. Dennis Eichenbrenner: Und in Bezug auf die finanzielle Unterstützung der Veranstaltungswirtschaft hat uns Frau Schütz versichert, intensiv an haltbaren Lösungen zu arbeiten. Mit dem Hilfsprogramm ‚Tilgungszuschuss Corona‘ hat die Landesregierung Baden-Württemberg bereits ein Förderprogramm am 28. Juli 2020 für Unternehmen der Veranstaltungs- und Eventbranche, beschlossen.

Gibt es auch Bestrebungen, den Dialog auf Bundesebene zu forcieren? Sven Hansen: Auf jeden Fall. Das bereits mehrfach angesprochene gemeinsam mit dem VPLT erstellte Konzept dient als Grundlage für ein Arbeitspapier für die Bundesebene. Wir wollen ähnlich wie bei Staatssekretärin Frau Schütz der Bundespolitik vermitteln, vor welchen Herausforderungen die Veranstaltungswirtschaft steht und wo Handlungsbedarf besteht. Mit dem Konzeptpapier wollen wir aber auch konkrete Lösungen anbieten, wie sichere Veranstaltungen in Zeiten von Corona aussehen können und somit Perspektiven für eine realistische Zukunft von Veranstaltungen aufzeigen.

Wie könnten Unternehmen der Veranstaltungswirtschaft den BVVS bei diesem Vorhaben unterstützen? Dennis Eichenbrenner: Gerade jetzt ist es wichtiger denn je, die Verbände zu unterstützen, die sich aktiv bei den Landesregierungen und der Politik für die Bedürfnisse der Branche einsetzen. Je mehr Unternehmen sich bei uns und weiteren Verbänden organisieren, desto mehr sprechen wir mit einer Stimme und können uns so Gehör verschaffen. Sven Hansen: Und was uns auch allen helfen kann, sind sichere Veranstaltungen mit fundierten Hygienekonzepten, damit das Vertrauen von Publikum und Politik nicht enttäuscht wird.

Zum Abschluss: Was ist Ihre wichtigste Forderung an die Politik? Dennis Eichenbrenner: In einem Satz: Tretet in den Dialog mit der Veranstaltungsbranche und erarbeitet einen Plan gemeinsam mit uns. Wenn wir nicht bis Jahresende eine klare Öffnungsstrategie haben und einen konkreten Plan für 2021 gehen sicherlich 50 Prozent der gesamten Branche in die Insolvenz und erleben das nächste Jahr nicht. Die Zeit drängt.

Christian Funk

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