Lobbying

Rettungsdialog

Seit August demonstriert in den Landeshauptstädten wie Hannover das Bündnis #AlarmstufeRot. Foto: Uwe Müller

Lobbying

Rettungsdialog

Seit August demonstriert in den Landeshauptstädten wie Hannover das Bündnis #AlarmstufeRot. Foto: Uwe Müller

Im Parlament hat die erste Sitzungswoche begonnen. In den Straßen Berlins und vor dem Bundestag demonstriert das Bündnis „#AlarmstufeRot“ für die Rettung der Veranstaltungsindustrie. Ihre Lage ist ernst. Die Branche ringt darum gehört zu werden – und endlich mit einer Stimme zu sprechen.

Tom Koperek reist nach Berlin. Im Gepäck hat der Initiator der „Night of Light“ und Mitinitiator des Bündnisses „#AlarmstufeRot“ am 9. September 2020 sechs Kernforderungen und sein letztes Hemd. Beides wollen er und seine Mitstreiter den Politikern in ihrer ersten Sitzungswoche vor dem Reichstag überreichen und dann „die Veranstaltungswirtschaft zu Grabe tragen“. Das klingt dramatisch, und das ist gewollt, denn die Veranstaltungswirtschaft ist durch die Corona-Krise in große Not geraten. Die Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 schränken soziale Kontakte ein, weshalb große Veranstaltungen – mit Ausnahme von Messen – bis Ende Dezember verboten und kleinere nur unter strengen Sicherheits- und Hygieneauflagen erlaubt sind.

Für Koperek, geschäftsführender Gesellschafter der Grand Hall Zollverein und Vorstand der LK-AG Unternehmensgruppe, und seine Kollegen bedeutet das quasi ein Berufsverbot. Seit 10. März haben Messe- und Kongresszentren, Tagungshotels und Locations, aber auch Agenturen, Messebauer, Veranstaltungstechniker und Caterer kaum Aufträge und kaum Umsätze. Sie sind als erste in die Krise geraten und kommen als letzte wieder heraus. Überbrückungshilfen und Kreditprogramme reichen nicht aus. Deshalb protestieren die Betroffenen seit 5. August friedlich mit Maske und Abstand vor den Ministerien der Länder, z.B. in der Landeshauptstadt Düsseldorf während der digitalen Wirtschaftsministerkonferenz der Länder. In der ersten Sitzungswoche des Parlaments gehen sie zeitgleich in den Landeshauptstädten von Berlin bis Wiesbaden auf die Straße. Sie warnen vor einer Insolvenzwelle, sie fürchten um ihre Arbeitsplätze.

Interview

„Reden Sie mit uns!“

Tom Koperek, Geschäftsführer der Grand Hall Zollverein in Essen, Vorstand der LK AG, Initiator der „Night of Light“ und Mitinitiator des Bündnisses „#AlarmstufeRot“, über sein letztes Hemd, den Rettungsdialog mit der Regierung und die Mobilisierung von Menschen.

In der Metastudie „Die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Veranstaltungswirtschaft in Deutschland“ weist das Research Institute for Exhibition and Live-Communication (RIFEL) diese als sechstgrößten Wirtschaftszweig Deutschlands aus mit 130 Mrd. Euro Umsatz und 1,5 Mio. Beschäftigten. Zur Rettung der Veranstaltungswirtschaft haben sich dem Bündnis „#AlarmstufeRot“ zwölf Branchenverbände wie Famab, VPLT und EVVC angeschlossen, aber auch mehrere IHK-Bezirke. Sie handeln im Interesse von über 9.000 Unternehmen mit mehr als 200.000 Beschäftigten und 10.000 Auszubildenden. Initialzündung ist die „Night of Light“: In der Nacht vom 22. auf den 23. Juni tauchen 8.365 Unternehmen und 40.000 Mitwirkende in 1.500 Städten 9.135 Gebäude in rotes Licht. Vom Holstentor in Lübeck bis zum Bayerischen Wirtschaftsministerium in München, vom Kongresszentrum Eurogress Aachen bis zur Messe Berlin. Sie wollen die Öffentlichkeit, Medien und Politik auf die dramatische Lage der Veranstaltungswirtschaft aufmerksam machen und Druck machen. Immerhin berichten Tagesschau und Tagesthemen sowie Tageszeitungen, etwa die FAZ.

„Wir haben am Anfang gehofft, 50 große Player zusammenzubekommen, und dass andere nachziehen würden“, erinnert sich Tom Koperek beim Talk zur „Night of Light“ aus der Grand Hall Zollverein in Essen. 100 Leute werden abtelefoniert, 50 sagen zu. Das spricht sich herum. Nach 48 Stunden sind es über 250 Venues, nach 72 Stunden 450. Über Nacht wird eine Website aufgesetzt, die die Standorte registriert und eine Karte, die sich automatisch aktualisiert. „Wir haben das am Anfang nicht für möglich gehalten“, erzählt Koperek. Aus der „Night of Light“ wird über Nacht eine Facebook-Community mit 25.000 Followern. „Das pusht“, so Koperek. „Doch die gucken auch genau, was wir machen und das bedeutet eine enorme Verantwortung. Längst geht es nicht mehr um den Branchendialog, sondern einen Rettungsdialog.“

Beim Talk zur Night of Light ist deshalb Kristina Vogt, Vorsitzende der Wirtschaftsministerkonferenz, aus Bremen zugeschaltet. Die Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa hat Verständnis für die Situation der Veranstaltungsbranche und rät dieser, sich im politischen Raum mehr bemerkbar zu machen. Mit in der Runde sitzt Jan Kalbfleisch. Der Geschäftsführer des Kommunikationsverband Famab macht sich eine Woche später mit einer kleinen Delegation und der von ihm angestoßenen RIFEL-Metastudie auf in die Hauptstadt. Die Gespräche in den Ministerien für Wirtschaft und Finanzen mit den Parlamentarischen Staatssekretärinnen Elisabeth Winkelmeier-Becker (BmWi) und Sarah Ryglewski (BMF) sowie Astrid Grotelüschen (MdB) erlebt Kalbfleisch als sehr konstruktiv.

Gespräche im Bundesfinanzministerium (BMF), v.l.n.r.: Christian Seidenstücker, CEO Joke Event AG, Sarah Ryglewski, Parlamentarische Staatssekretärin im BMF, Jan Kalbfleisch, Famab-Geschäftsführer, Jörn Huber, Famab-Präsident, und Reinhard Pommerel, Geschäftsführer Eventagentur Pommerel. Foto: Famab

Es geht um die aktuelle Situation und die Notwendigkeit von Hilfsprogrammen und folglich Forderungen wie die Verlängerung der Kurzarbeit und die Verbesserung der Kreditprogramme. „Wir haben natürlich keine Taschen mit Geld mit nach Hause zurückgebracht“, berichtet Kalbfleisch, „aber dafür eine ganze Reihe von Empfehlungen für die weitere politische Arbeit“. Ein weiterer intensiver persönlicher Dialog wird vereinbart und es soll geschaut werden, was bei der Ausgestaltung der vom Parlament zu verabschiedenden Programme gegebenenfalls angepasst werden kann. Kalbfleisch: „Wir müssen wohl alle noch eine ganze Weile mit dieser großen Ungewissheit leben und weiter alles tun, um immer wieder gesehen, gehört und verstanden zu werden.“

Advertorial

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Am selben Tag reisen auch einige Mitglieder des German Convention Bureaus (GCB) und des Europäischen Verbands der Veranstaltungs-Centren (EVVC) nach Berlin zu ihren Jahresversammlungen. Von dort klingt beim EVVC durch, dass Lobbying ein verstärkt zu bearbeitendes Feld der Zukunft sein soll. Präsidentin Ilona Jarabek räumt ein, dass die Versuche, verschiedene Verbandsvertreter an einen Tisch zu bringen, um Forderungen an die Politik zu formulieren, bisher nicht erfolgreich waren. „Es ist höchste Zeit, mit dem Kirchturmdenken aufzuhören“, mahnt sie und meint: „Wir haben jetzt die Chance, im Schulterschluss mit allen an der Veranstaltungswirtschaft Beteiligten die Vielfalt und die Bedeutung der Branche zu zeigen und mit der Politik Lösungen für die angeschlagene Branche zu erarbeiten.“ Das Bedürfnis von Unternehmen nach mehr Aufmerksamkeit für die Branche sei unbestreitbar, weshalb Initiativen wie die Night of Light und #AlarmstufeRot so großen Zuspruch fänden. Selbst kommunal betriebene Veranstaltungshäuser, deren Betrieb bislang vermeintlich krisensicher schien, blickten sorgenvoll in die Zukunft, denn die Kassen der Städte und Gemeinden gerieten zunehmend unter Druck. Jarabek: „Aktuell steht die Veranstaltungswirtschaft 1,50 m vor dem Abgrund und ist massiv von Insolvenzen bedroht.“

Lobbying – was unternehmen die Fachverbände?

Die Corona-Pandemie mit ihren sozialen Kontaktbeschränkungen trifft die Veranstaltungsindustrie schwer. Fachverbände wie der EVVC (Europäischer Verband der Veranstaltungs-Centren), AUMA (Verband der deutschen Messewirtschaft) und das GCB (German Convention Bureau) vertreten die Interessen ihrer Mitglieder gegenüber der Politik. Wie verstehen sie Veranstaltungswirtschaft und was unternehmen sie, damit die Stimmen der Branche gehört werden?

„Anderthalb Meter bis zum Abgrund” heißt entsprechend dem Abstandsgebot der Thüringer Aufruf zur Rettung der Veranstaltungsbranche. Carsten Müller, stellvertretender Werkleiter von JenaKultur, und Ulrike Köppel, Geschäftsführerin der Congress Centrum Weimarhalle, initiieren ein Positionspapier an die Landesregierung und eine Online-Petition. Beides sorgt dafür, dass die Branche von politischen Entscheidern wahrgenommen wird. Aktiv werden Müller und Köppel, als sie feststellen, dass Gastronomie und Tourismus im Fokus stehen, aber nicht die Veranstaltungsbranche und erst recht nicht die Tagungswirtschaft. „In dieser Situation haben wir schmerzlich erfahren müssen, dass sich unsere Branche nicht gut für die politische Lobbyarbeit aufgestellt hat“, befindet Müller. „Die vielen Einzelverbände der Veranstaltungswirtschaft haben es bis heute nicht geschafft, mit einer Stimme gegenüber der Politik aufzutreten.“ Es herrsche eine „Kakophonie der Einzelinteressen“ - trotz zahlreicher Versuche das zu ändern. Köppel und er bringen deshalb alle Kollegen aus der gesamten Veranstaltungsbranche als Unterzeichner auf ihr Papier. „Einen ähnlichen Spirit wünsche ich mir auch von allen Branchenverbänden und ihren Vorständen“, sagt Müller und nimmt die Mitglieder der Verbände in die Pflicht, einen solchen Schritt einzufordern. Gerade in der Zeit nach Corona brauche es ein deutliches Mehr an Miteinander als parallele Einzelaktionen.

Karina Grützner ist so ein Mitglied. Als Director Convention Marketing im Stuttgart Convention Bureau ist sie Mitglied im GCB und engagiert sich im Central European Chapter der ICCA (International Congress & Convention Association). Die aktuelle Situation zeigt ihr, dass die Branche nicht das Standing hat, das ihrer Bedeutung für Wirtschaft und Gesellschaft gerecht wird. Hier sieht sie alle Fachverbände gefordert, im Idealfall gemeinsam die Interessen in Berlin für das gesamte Land und ihre Mitglieder zu vertreten. Grützner appelliert: „Wir müssen aufhören die unsichtbaren Dienstleister zu sein, selbstbewusst auftreten und die Bedeutung von Business Events für die Wirtschaft und kultureller Events für die Gesellschaft noch stärker hervorheben.“

Dialog mit der Politik, aber wie?

Der Verband der Veranstaltungsorganisatoren (VDVO) organisiert gemeinsam mit Politica Reisen eine Veranstaltungsreihe in Berlin. Auf der Tagesordnung stehen am 16. und 17. September 2020 ein Treffen mit Michael Grosse-Brömer, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, und ein Workshop von Alexandra Gruber, Referentin im Bundestag. Der Hintergrund für die neue Veranstaltungsreihe sind Anfragen beim VDVO, warum es so schwierig ist, die Veranstaltungswirtschaft unter einen Hut zu bringen.

Deutlich sichtbar geworden ist die Interessengemeinschaft Sächsischer Hoteliers, Gastronomen und Veranstalter: Am 24. April rücken sie hunderte leere Stühle und Tische vor die Frauenkirche in Dresden und überreichen einen Brief zur Rettung ihrer Unternehmen an Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, den Staatsminister für Wirtschaft und Arbeit Martin Dulig und die Staatsministerin für Kultur und Tourismus Barbara Klepsch. Unter den 580 unterzeichnenden Unternehmen sind etwa Jacqueline Wägner vom Hotel Elbflorenz Dresden, Thomas Röpke vom Parkhotel Dresden und Franziska Luthardt vom Dehoga Sachsen. Kollegen in nahezu 100 deutschen Städten nehmen sich ein Beispiel und stellen in Leipzig, Berlin oder Frankfurt/Main mehr als 80.000 Stühle, Betten und Podien auf. Die bundesweite Aktion Leere Stühle ruft nicht nur NDR und RBB, ARD und ZDF auf den Plan, sondern die Politik.

„Wir haben in den letzten Wochen zahlreiche Gespräche mit Veranstaltern aus ganz Sachsen geführt, zum Beispiel auch im Rahmen der Aktion ,Leere Stühle‘ auf dem Dresdner Altmarkt“, informiert Manja Kelch, stellvertretende Pressesprecherin im Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus. Dort ist immer wieder zu hören, dass die bestehenden Unterstützungsangebote nicht ausreichen. Kelch ist bewusst, dass die Veranstaltungswirtschaft stärker betroffen ist als andere Wirtschaftszweige. Gleichzeitig wollen die Staatsregierung und vor allem die Bürger, dass wieder Veranstaltungen angeboten werden. Hier setzt der Freistaat Sachsen an und stellt nach den Soforthilfen und Zuschussprogrammen 1,5 Mio. Euro für den Wettbewerb „Denkzeit Event“ bereit.

Die Initiatoren des Wettbewerbs Denkzeit Event, v.l.n.r.: Manfred Böhme, Direktor des Landestourismusverbandes Sachsen, Barbara Klepsch, Sächsische Staatsministerin für Kultur und Tourismus, Christian Rost, Leiter des Projektes Kreatives Sachsen. Foto: LTV SACHSEN, C. I. Mokry

Der Wettbewerb, durchgeführt wird er vom Landestourismusverband Sachsen in Kooperation mit dem Projekt Kreatives Sachsen, fördert innovative Projekte oder Konzepte für Event-Formate unter Corona-Bedingungen. „Denkzeit Event“ richtet sich an die sächsische Veranstaltungswirtschaft in ihrer Vielfalt, darunter Event- und Kommunikationsagenturen, Messe- und Kongressveranstalter oder Betreiber von Veranstaltungsorten. „Mit dem Wettbewerb ,Denkzeit Event‘ gehen wir einen bundesweit einmaligen Weg, denn wir unterstützen so die Veranstaltungswirtschaft in mehrfacher Hinsicht“, betont Kultur- und Tourismusministerin Barbara Klepsch. „Zum einem können wir den prämierten Betrieben schnelle und unbürokratische Hilfen leisten. Gleichzeitig unterstützen wir die Branche nachhaltig, indem wir neue Ideen prämieren, wie Veranstaltungen auch unter Corona-Bedingungen stattfinden können.“

Initiativen wie Leere Stühle oder #AlarmstufeRot hält man im Sächsischen Staatsministerium für „absolut sinnvoll“, damit die Veranstaltungsbranche auf ihre speziellen Problemlagen aufmerksam machen kann und diese in Richtung der Politik und Öffentlichkeit deutlich werden. „Besonders gut und wichtig ist, dass sich die Branche dabei auch aktiv einbringt und das tut sie auch“, erklärt die stellvertretende Pressesprecherin Kelch. Als Beispiel bringt sie die Vertreter der Aktion Leere Stühle, die an der interministeriellen Arbeitsgruppe teilnehmen, als es um die Gestaltung der Lockerungen geht. Kelch: „Uns ist wichtig, dass wir uns so oft es geht mit allen Akteuren abstimmen und auch weiter im Gespräch bleiben.“ Das hören Tom Koperek und seine Mitstreiter sicher gerne.

Kerstin Wünsch

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