Interview Kristina Vogt

„Es geht um gefährdete Existenzen“

Foto: SWAE, Jonas Ginter

Interview Kristina Vogt

„Es geht um gefährdete Existenzen“

Foto: SWAE, Jonas Ginter

Kristina Vogt, Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa der Freien Hansestadt Bremen und Vorsitzende der Wirtschaftsministerkonferenz 2019/2020, über die Wertschöpfung von Messen und Kongressen, ihr offenes Ohr für Unternehmen, deutschlandweite Lösungen und kontinuierliche Lobbyarbeit.

tw: Wegen der Corona-Pandemie hat die Hyve Group Ende Juli die Logistikmesse „Breakbulk Europe“ in Bremen für 2020 endgültig abgesagt. Zuvor hatten die Briten die weltgrößte Messe für Stück- und Schwergutlogistik von Mai auf September verschoben. Als Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa der Freien Hansestadt Bremen standen Sie im ständigen Austausch mit dem Veranstalter und der Messe Bremen. Wie stehen Sie zu der Absage?

Kristina Vogt: Auch wenn die Breakbulk Europe 2020 aufgrund der notwendigen Einhaltung von Hygienebedingungen und der internationalen Reiseeinschränkungen sicher ein anderes Gesicht gehabt hätte als in den Vorjahren, so ist die Absage dennoch ein großer Verlust für Bremen. Die Messe mit jeweils rund 10.000 Teilnehmern und 600 Ausstellern in den Jahren 2018 und 2019 ist von erheblicher Bedeutung für den Messe- und auch den Hafen- und Logistikstandort Bremen. Die Breakbulk ist eine optimal zur bremischen Wirtschaftsstruktur passende Fachmesse, bei der sich die zahlreichen Bremer Logistiker aus dem Bereich Schwergut quasi im Rahmen eines „Heimspiels“ präsentieren können. Wir werden nun alles daransetzen, die Breakbulk Europe 2021 erfolgreich durchzuführen.

Die Messe Bremen zählte im letzten Jahr 112 Veranstaltungen. Wie wichtig sind internationale Messen und Kongresse für Ihre Hansestadt, ja für Deutschland? Die ökonomischen Aspekte des Messe- und Kongresswesens dürfen nicht unterschätzt werden, denn sie wirken in viele andere Wirtschaftsbereiche hinein. Insofern sind Messen, Kongresse, Tagungen und vergleichbare Veranstaltungen in Bremen, egal welcher Größe, für den hiesigen Wirtschaftsraum von großer Bedeutung. Gemäß einer Studie zur Umwegrentabilität von 2016 erzeugen Messen, Kongresse und Veranstaltungen in den Bremer Messehallen und in der ÖVB-Arena „substantielle regionalwirtschaftliche Effekte“. Sie tragen damit wesentlich zur Attraktivität der Freien Hansestadt Bremen bei. Im Betrachtungszeitraum konnten durch die Aktivitäten der Messe Bremen und der ÖVB-Arena „direkte und indirekte Wertschöpfungseffekte in Höhe von über 85 Millionen Euro generiert werden“. Mit rund 64 Millionen Euro kamen 75 Prozent der regionalwirtschaftlichen Wirkungen direkt der Stadt und dem Land Bremen zu Gute. Ein Euro Umsatz der Messe Bremen und ÖVB-Arena erzeugt eine Wertschöpfung von insgesamt 5,74 Euro, von denen 4,31 Euro direkt auf den Standort Bremen entfallen. Die Zahlen würden nach meiner Einschätzung heute nicht viel anders ausfallen. Diese Bremer Ergebnisse passen auch zur aktuellen Meta-Studie des Kommunikationsverbands Famab hinsichtlich der gesamtwirtschaftlichen Bedeutung der Veranstaltungsbranche. Danach ist diese mit einem bundesweiten Umsatz von knapp 130 Milliarden Euro sehr bedeutend. Mit rund 114 Milliarden Euro Umsatz ist der Teilbereich der Business-Events wichtig für die gesamte deutsche Wirtschaft. Insgesamt sind etwa anderthalb Millionen Menschen im Bereich der Veranstaltungswirtschaft beschäftigt. Die Gastronomie und Hotellerie erzielen wesentliche Umsätze durch die Veranstaltungsbranche. Kommunen, Gemeinden, Städte und Regionen gewinnen nennenswerte Teile ihrer (Steuer-)Einnahmen durch die Veranstaltungsbranche (Messen und Veranstaltungen). Ohne eine funktionierende Veranstaltungsbranche würden sich die Gastronomie, der Tourismus und die Hotellerie nur schwer wirtschaftlich erholen.

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Gemeinsam mit 9.000 anderen Orten und Organisationen haben die Messe Bremen und die ÖVB-Arena die „Night of Light“ am 22. Juni unterstützt, um auf die dramatische Situation der Veranstaltungswirtschaft aufmerksam zu machen. Was halten Sie von dieser Aktion? Ich halte es für sehr wichtig, auf die besondere Situation der Branche aufmerksam zu machen. Die Unternehmen haben seit Monaten keine Umsätze und für viele wird dieser Zustand noch einige Zeit anhalten. Unternehmer und Beschäftigte sind daher auf besondere Hilfen angewiesen, wie zum Beispiel auf verlängerte Überbrückungshilfen, eine Verlängerung des Kurzarbeitergeldes und darüber hinausgehend zusätzliche Unterstützungsangebote. Wieso braucht es diesen „illuminierten Aufschrei“, wenn doch vor Corona landauf und landab in Deutschland täglich Kongresse und Messe stattgefunden haben? Seit März finden keine Messen und Veranstaltungen mehr statt und die Umsätze sind gegen null gesunken. Betroffen sind nicht nur die Messeunternehmen, sondern auch die gesamte Branche, die in großen Teilen mit Messen und Kongressen ihr Geld verdient. Dazu gehören Veranstaltungstechniker, Security-Firmen und Cateringunternehmen, sowie eine Reihe von Soloselbständigen. Ich fand es gut, dass die Branche ihre Kompetenzen genutzt hat, um mit der „Night of Light“ so eindrucksvoll auf sich aufmerksam zu machen.

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Talk zur “Night of Light” am 22. Juni mit Senatorin Kristina Vogt (Minute 56) by VIMEO

Sie sind in den Dialog mit der Veranstaltungsbranche eingestiegen und haben sich deren Fragen im Talk zur “Night of Light” gestellt, wieso? Weil ich immer ein offenes Ohr für die Unternehmen und die Beschäftigten habe. Wir haben hier eine Vielzahl von betroffenen Unternehmen in Bremen mit richtigen Forderungen an den Bund. Deshalb habe ich mich in die Aktionen der „Night of Light“ gerne eingebracht. Hier geht es ja nicht um ein paar Umsatzrückgänge, sondern um gefährdete Existenzen. Was verstehen Sie unter der Veranstaltungsbranche? Messegesellschaften, Messestandbauer, Cateringunternehmen, Veranstaltungstechniker und -dienstleister, Sicherheitsfirmen, und auch Agenturen, die ihren maßgeblichen Umsatz mit Messen, Kongressen, Konzerten und Shows erwirtschaften. Die einen wollen Veranstaltungen in ihrer Vielfalt definieren, also Konzerte und Kulturveranstaltungen, Kongresse und Messen, andere wollen nach ebendiesen Gattungen differenzieren. Welches Vorgehen ist sinnvoll, um sich in Berlin Gehör zu verschaffen? Auch wenn es natürlich Unterschiede und damit spezifische Herausforderungen zwischen den einzelnen Branchen gibt, so haben alle gemeinsam, dass sie ihre Veranstaltungen zurzeit nicht oder nur zu unwirtschaftlichen Bedingungen durchführen können. Damit wir die Veranstaltungsbranche wie auch das Messewesen in Deutschland erhalten, müssen wir die Unternehmen und die Beschäftigten in dieser schwierigen Situation unterstützen. Diese Forderungen müssen kontinuierlich an den Bund adressiert werden. Sie raten der Veranstaltungsbranche sich im politischen Raum mehr bemerkbar machen. Wie sollten ihre Akteure vorgehen? Die jetzige Situation zeigt, wie wichtig Interessenvertretungen sind. Hier hat die Branche in den letzten Monaten aus meiner Sicht viel dazugelernt. Solche Aktionen wie die „Night of Light“ oder auch die Studien des Famab sind von großer Bedeutung, um auf die Probleme aufmerksam zu machen und vor allem der Politik konkrete Lösungsvorschläge zu machen.

Großveranstaltungen ab 1.000 Personen bleiben in Bremen und anderen Bundesländern bis Ende Dezember verboten. Das kommt einem zehnmonatigen Berufsverbot gleich, und die Überbrückungshilfen sind ausgelaufen. Welche Programme sehen Sie und Ihre Kollegen auf Landes- und Bundesebene vor? Wir gehen fest davon aus, dass das BMWI die Überbrückungshilfen für Branchen wie die Veranstaltungswirtschaft weit über den 31. August hinaus verlängert. Wir werden gemeinsam überlegen müssen, ob die jetzigen Förderquoten ausreichen oder ob es gegebenenfalls noch ergänzender Maßnahmen bedarf. Wir sollten aber auch dort, wo es möglich ist, wieder Messen und auch Konzerte zulassen. Natürlich unter Einhaltung entsprechender Hygiene- und Sicherheitskonzepte. Die Lufthansa erhält mit 138.000 Beschäftigen und 36 Mrd. Umsatz in 2019, Finanzhilfen in Höhe von 9 Mrd. Euro. Die Veranstaltungsindustrie schafft ein Vielfaches an Arbeitsplätzen und Umsätzen, bekommt aber weniger Unterstützung. Was kann die Branche daraus lernen? Wie bereits gesagt, ist es wichtig als Branche seine Interessen zu vertreten. Das funktioniert am besten, wenn man sich nicht nur in der Krise zusammenschließt, sondern kontinuierlich Lobbyarbeit betreibt. Ich denke, dass es wichtig ist, die verschiedenen Gewerke in einem zentralen Verband zusammenzuschließen, um mit einer Stimme sprechen zu können. Die Branchen müssen dafür sorgen, dass sie im Bewusstsein der Bürger und der Politik präsent sind und dass gesehen wird, welche Leistungen sie erbringen. Die „Night of Light“ hat gezeigt, welche Potenziale die Branche diesbezüglich hat. Das gilt es nun nachhaltig zu nutzen. Welche Informationen, welchen Input benötigen Sie, um das Thema Messen und Kongresse zur nächsten Wirtschaftsministerkonferenz am 25. November 2020 in Bremen oben auf die Tagesordnung zu setzen? Ich führe seit März regelmäßig Gespräche mit den Akteuren aus der Veranstaltungsbranche. Die Herausforderungen unser Messegesellschaft und der damit verbundenen Unternehmen sind mir als Aufsichtsratsvorsitzenden der Messegesellschaft natürlich sowieso vertraut. Daher weiß ich ebenso wie meine Kollegen in den Ländern, was getan werden muss. Nun geht es darum, dass dies auch im Bund erkannt wird und wir deutschlandweit zu Lösungen kommen.

Kerstin Wünsch

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