Gemeinwohl-Ökonomie

Warum braucht euch die Menschheit?

Das Kongress- und Tagungszentrum Axica hat sich nach der Gemeinwohl-Ökonomie bilanzieren lassen und räumt gemeinnützigen Veranstaltungen besondere Konditionen ein. Foto: Medienpreis der Kindernothilfe, KNH Ralf Krämer

In Krisen stellen sich Menschen die wesentlichen Fragen im Leben. Das Kongress- und Tagungszentrum Axica nutzt die pandemische Zwangspause für eine Bilanzierung nach der Gemeinwohl-Ökonomie. Während das Thema für viele in der Veranstaltungswirtschaft noch neu ist, ist es für Michael Stober vom Landgut Stober der nächste logische Schritt.

„Wir haben die Zeit genutzt und die Axica Gemeinwohl-Ökonomie bilanzieren lassen“, berichtet Cathrin Mühlbauer, Director Key Account Management im Kongress- und Tagungszentrum Axica am Brandenburger Tor in Berlin. Die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) bezeichnet ein Wirtschaftssystem, das auf Gemeinwohl-fördernden Werten aufgebaut ist. Das Wohl von Mensch und Umwelt wird zum obersten Ziel des Wirtschaftens und zum Hebel für Veränderungen auf wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Ebene.

„Die Orientierung am Gemeinwohl ist für mich das wichtigste Fundament der Zukunft und damit auch jeder künftigen Produktivitätssteigerung."

Helmut Lind, Vorstandsvorsitzender, Sparda-Bank München eG und Botschafter für die Gemeinwohl-Ökonomie.

Die zentralen Säulen der Gemeinwohl-Ökonomie sind die Werte Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit sowie Mitbestimmung und Transparenz. Diese Werte sind Mühlbauer ein Anliegen. Das Instrument der Gemeinwohlbilanz ist für sie eine nachvollziehbare Option, Werte in Zahlen zu fassen. „Ziel ist eine genaue und konsistente Beurteilung, wo wir uns als Unternehmen auf dem Weg zum Gemeinwohl befinden“, erklärt Mühlbauer und ergänzt: „Grundlage ist eine Matrix, um das Unternehmen in Bezug auf die ethischen Werte und Bemühungen einzuordnen und zu bemessen.“

Gemeinwohl-Ökonomie kurz erklärt

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Die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) ist ein alternatives Wirtschaftsmodell, das auf Werten wie Nachhaltigkeit, Kooperation und Gerechtigkeit basiert, anstatt auf Profitmaximierung und Wettbewerb. Es geht um die Transformation der Wirtschaft zu einer ethischen Marktwirtschaft, die das Gemeinwohl ins Zentrum wirtschaftlicher Entscheidungen rückt.

Nicht nur Unternehmen, auch Gemeinden und Bildungseinrichtungen können nach der Gemeinwohl-Ökonomie bilanzieren. Hierfür braucht es drei Schritte: einen Gemeinwohl-Bericht erstellen, das Ergebnis extern prüfen lassen und die Gemeinwohl-Bilanz veröffentlichen. Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) empfiehlt das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie für die Etablierung eines ethischen Wirtschaftssystems in Europa. Den Prozess der GWÖ-Bilanzierung durchlaufen Unternehmen und Organisation in den sogenannten Peergroups. Im Fall Axica sind das die be4energy GmbH, das Jacobin Magazine und das Stadtteilzentrum Steglitz. Die Treffen mit ihrer Peergroup und den beiden GWÖ-Auditorinnen erlebt Mühlbauer als „interessant und lehrreich“. Sie zeigen ihr, wie unterschiedlich Organisationen und Unternehmen an das Thema herangehen.

Foto: Axica

„Wir wollen der Ort für nachhaltige Begegnungen sein“

Cathrin Mühlbauer, Director Key Account Management im Kongress- und Tagungszentrum Axica, über die Gemeinwohl-Ökonomie, schmerzhafte Erkenntnisse und besondere Konditionen für gemeinnützige Organisationen.

Den Prozess beschreibt Mühlbauer als „ungeschminkten Blick in den Spiegel“. Dieser Blick reicht über ihre Räume in der preisgekrönten, vom Architekten Frank O. Gehry entworfenen Location für 600 Personen mit Lounge, Foyer, Auditorium, Sky Lobby und digitalem Studio hinaus. Es stellen sich ihr Fragen wie: Was macht ihr? Was tragt ihr zum Erreichen der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen bei? Warum braucht euch die Menschheit?

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Veranstaltungsförderung: Vienna Meeting Fund 2021-2023

Der Vienna Meeting Fund 2021-2023 fördert Kongresse und Firmenveranstaltungen mit einem Gesamtvolumen von 4 Millionen Euro, das durch die Stadt Wien zur Verfügung gestellt wird. Er richtet sich an nationale und internationale Veranstalter, die Meetings in Wien planen und bis Ende 2023 durchführen.

Gleich zu Beginn macht das Team eine schmerzliche Erfahrung, erinnert sich Mühlbauer. „Es ging um den Sinn und die gesellschaftliche Wirkung unserer Produkte und Dienstleistungen. Wir stellten ehrlich fest, dass unser Produkt hauptsächlich entbehrlicher Luxus ist und in erster Linie nicht wirklich gesellschaftsrelevant.“ Die Frage für sie ist folglich: „Was können wir tun, damit wir nicht nur entbehrlicher Luxus sind?“ Bereits vor der Bilanzierung hat sich das Axica-Team mit den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen befasst und seinen Beitrag pro Ziel festgehalten, etwa Ziel 5 Geschlechtergleichheit: Frauen belegen 60 Prozent der Führungspositionen in der Axica; oder Ziel 12 Verantwortungsvolle Konsum- und Produktionsmuster: Am Ende eines Monats gibt es ein Charity-Lunch zur Vermeidung von Speiseresten. 50 Prozent der Einnahmen werden an die Gemüseackerdemie gespendet.

Gemeinwohl-Ökonomie – Wirtschaftsmodell der Zukunft?

Aufzeichnung des Ideenfrühstücks "Gemeinwohl und der Weg dahin" in der Axica am 2. November 2021. Im Talk mit Madlen Sanchino Martinez und Dr. Arndt Pechstein wird die Gemeinwohl-Ökonomie als ethisches Wirtschaftsmodell vorgestellt und gezeigt, wie eine Transformation gelingen kann: vom Denken in Zahlen zu einem Denken in Werten.

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Die zentralen Säulen der Gemeinwohl-Ökonomie, also Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit sowie Mitbestimmung und Transparenz, werden in einer Matrix den Stakeholdern gegenübergestellt: Lieferanten, Kunden, Mitarbeiter, die Gesellschaft und der Eigentümer bzw. Geldgeber wie bei der Axica die DZ Bank. Für die Erstellung der Gemeinwohlbilanz sind diese Werte in Zahlen zu fassen. Zur Beurteilung gibt es pro Matrixfeld Interpretationshilfen sowie Einstiegsfragen zusätzlich zu den Berichtsfragen und verpflichtenden Indikatoren. Die Unternehmen geben ihre Daten, Fakten und Antworten in die Berichtsvorlage ein und bewerten sich auf einer Skala von null bis zehn, von „Basislinie“ bis „vorbildlich“. In den Meetings der Peergruppe werden die Ergebnisse und Bewertungen vorgestellt. Daraufhin bewerten sich die Unternehmen gegenseitig und einigen sich auf eine Bewertung. „Ziel ist eine genaue und konsistente Beurteilung, wo sich das Unternehmen auf dem Weg zum Gemeinwohl befindet“, berichtet Mühlbauer. Im Wert „Ökologische Nachhaltigkeit“ erzielt die Axica die meisten Punkte. Darauf zahlt die Zertifizierung bei Sustainable Meeting Berlin ein und damit Maßnahmen wie die Arbeitsgruppe Nachhaltigkeit. Bei den „Ethischen KundInnenbeziehungen“ erreicht die Axica sechs von zehn Punkten und den „Erfahren“-Status. Das heißt: „Zusätzlich zu Ethikrichtlinien im Verkauf werden sämtliche Kontaktpunkte zu Kund*innen hinsichtlich Erfüllung der Kund*innenbedürfnisse und Gestaltung auf Augenhöhe regelmäßig überprüft und verbessert. Barrierefreiheit ist breit im Unternehmen umgesetzt.“ Beim Beitrag zum Gemeinwesen kommt die Axica nur auf zwei von zehn Punkten und damit in den „Erste Schritte“-Status: „Das Unternehmen ist sich seiner Beiträge zum Gemeinwesen bewusst und legt diese offen. Es erfolgen geringfügige, punktuelle freiwillige Leistungen ohne Wirkungsüberprüfung.“

„Im besten Fall braucht uns die Menschheit als ein Ort der Begegnung an einem Platz, der von Geschichte und Kultur geprägt ist und von dem Zukunft ausgeht.“

Cathrin Mühlbauer, Axica

„Den größten Entwicklungsbedarf sehen wir bei den Werten Solidarität und Gerechtigkeit sowie Transparenz und Mitentscheidung“, resümiert Mühlbauer. „Am wichtigsten ist, dass wir gemeinnützigen Organisationen unser Haus zu anderen Konditionen anbieten, somit bieten wir diesen Organisationen mehr ‚Nähe‘ zur Politik und für uns bildet sich inhaltlich ‚mehr Wert‘ im Haus ab – eine Win-win-Situation!“ Für Mühlbauer wäre es „fantastisch“, jede zweite Veranstaltung mit einem sinn- und wertorientierten Inhalt, aber einer geringen wirtschaftlichen Ausstattung in ihrer Location zu wissen. Dafür bietet die Axica gemeinnützigen Organisationen besondere Konditionen an.

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Foto: Landesmesse Stuttgart GmbH

Messen und Kongresse mitten im Markt

Inmitten einer der wirtschaftsstärksten Regionen Europas, direkt am Flughafen Stuttgart und der Autobahn A8 gelegen, der erste klimaneutrale Messestandort Deutschlands: Das ist die Messe Stuttgart. Ein international bedeutender Treffpunkt wichtiger Branchen und Märkte. Wer einmal hier war ist begeistert von der Atmosphäre der tageslichtgefluteten Hallen und Kongressräume, der Architektur und modernen Veranstaltungstechnik. Ob in Präsenz, hybrid oder online - maßgeschneiderte Formate sind unsere Stärke. Die Messe Stuttgart und das ICS Internationales Congresscenter Stuttgart erwarten Sie!

Der Prozess dauert von November 2020 bis Juni 2021 und die Erstellung des 80-seitigen Berichts rund 200 Stunden (hier die Kurzversion). „Dieser Bericht ist so zu schreiben, dass ihn jeder versteht, denn es soll ihn jeder lesen“, betont Mühlbauer. Kontrolliert wird die Gemeinwohlbilanz ähnlich wie die Finanzbilanz. Nur werden nicht Wirtschaftsprüfer eingesetzt, sondern Gemeinwohlauditoren, die die vom Unternehmen erstellte Bilanz überprüfen und ein für zwei Jahre gültiges Gemeinwohl-Testat erstellen. Dieses Testat hat die Axica im September erhalten. Die Freude von Cathrin Mühlbauer ist groß, doch sie weiß: „Wenn das Leben normal weitergegangen wäre, hätte ich mich diesem Thema nicht so widmen können.“

Der Gemeinwohl-Atlas

André Kaldenhoff gratuliert der Axica zum Gemeinwohl-Testat. Der Executive Director des Congress Centers Leipzig (CCL) ist in der Pandemie auch auf das Thema Gemeinwohl-Ökonomie gestoßen. Schließlich beschäftigt sich an der Handelshochschule Leipzig (HHL) Prof. Dr. Timo Meinhardt intensiv mit dem Thema. Sein Team des Dr. Arend Oetker Lehrstuhls für Wirtschaftspsychologie hat unter Führung seiner Hochschule in Kooperation mit dem Center for Leadership and Values in Society der Universität St. Gallen den Gemeinwohl-Atlas für Deutschland herausgebracht und 2020 für die Stadt Leipzig.

HHL Expert Talk: Das Leipziger Führungsmodell -– Neue Fragen in der Krise

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In seinem Expert Talk widmet sich Prof. Dr. Timo Meinhardt der Frage, ob das Leipziger Führungsmodell in Krisenzeiten bestehen bleibt, und wie sich die Definition von Gemeinwohl in Zuge von Covid-19 ändern muss.

Im Gemeinwohl-Atlas Leipzig steht, welchen Beitrag die führenden privaten und staatlichen Organisationen zum Wohl aller in der Stadt leisten. Dazu hat die Handelshochschule Leipzig in einer repräsentativen Studie die Leipziger Bevölkerung befragt. Leipzig ist die erste deutsche Stadt, für die ein Gemeinwohl-Atlas erstellt wurde. Auf Platz eins bis zehn stehen: die Feuerwehr Leipzig, der Zoo Leipzig, das Gewandhaus Leipzig, die Stadtreinigung Leipzig, das Universitätsklinikum Leipzig, die Universität Leipzig, der Verein Volkssolidarität Leipzig, das Klinikum St. Georg, der Handballverein SC DHfK Leipzig und die Leipziger Messe. Was Kaldenhoff „total überrascht“ hat, ist, welche Rolle die Leipziger Bevölkerung seinem Unternehmen, der Leipziger Messe, hier gibt, und wie positiv die Sicht auf deren Arbeit ist. „Mit Platz zehn kommt die Leipziger Messe noch vor der Polizei, den Leipziger Wissenschaftseinrichtungen, den Verkehrsbetrieben oder der Stadtverwaltung und weit vor Porsche und BMW“, bemerkt er. Wer sich ernsthaft mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt, stößt zwangsläufig auf die Gemeinwohl-Ökonomie, meint Kaldenhoff. Nach seiner Ansicht wird Nachhaltigkeit immer noch zu häufig auf ökologische Ansätze reduziert und verläuft sich oft in Aktionismus. „Im Grunde genommen müssen wir aber eine Wertediskussion führen“, findet er. Das hat für ihn viel mit Wandel und Veränderung zu tun und vielleicht auch mit der ostdeutschen Biografie. Kaldenhoff: „Mit ein bisschen Beobachtungsgabe und kritischem Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen müssen wir uns die Frage nach der Richtung unserer Lebens- und Arbeitswelt stellen.“

Leipziger Messe

Die Leipziger Messe und das Congress Center Leipzig (CCL) kommen im Gemeinwohl-Atlas der Stadt Leipzig auf Platz zehn. Foto: Leipziger Messe

Eine Bilanzierung nach der Gemeinwohl-Ökonomie steht für den Chef des Congress Centers Leipzig nicht an erster Stelle. Erst müsse analysiert werden, warum die Bevölkerung seinem Unternehmen diese Rolle zugesprochen hat. Damit verbindet sich für ihn auch eine Verantwortung, der man gerecht werden muss. „Offensichtlich haben wir viel richtig gemacht. Die Frage nach dem Warum und Wie steht aber noch im Raum“, sagt Kaldenhoff. Das Ranking im Gemeinwohl-Atlas ist für ihn dem Publikumspreis bei einer Award-Gala ähnlich. „Es geht nicht darum, wie wir uns sehen, sondern welchen Wert wir durch unsere Arbeit für andere haben.“ Beim Thema Gemeinwohl-Ökonomie in der Veranstaltungswirtschaft sieht der Direktor des Congress Centers Leipzig zwei Richtungen: „Machen wir die Dinge wegen des Zertifikats oder weil wir etwas verändern, etwas besser machen wollen?“ Er bringt ein Beispiel: „Wenn ein Humanmediziner nach einem Weltkongress sagt, dass die Patientenversorgung wahrscheinlich nach dem Kongress besser ist als vorher, dann hat das eine höhere Relevanz, als wenn sich das Congress Center Leipzig im Ranking der International Congress and Convention Association (ICCA) von Position 99 auf Position 83 verbessert hat.“ Eine GWÖ-Zertifizierung hält Kaldenhoff nicht für nötig. „Ich bin der Meinung, dass man diesen ökonomisch-gesellschaftlichen Ansatz nicht mit einem Titel besiegeln kann. Wir sollten erst mal eine Stufe zurücktreten und uns nicht nur mit uns selbst beschäftigen, sondern uns noch mehr in die Denkweise unserer Kunden und Partner versetzen.“

Der Vorreiter

Für Michael Stober ist das kein Widerspruch. Stober führt die Geschäfte im Landgut Stober am Groß Behnitzer See im Havelland, 30 Minuten von Berlin entfernt. 2000 erwirbt er das ehemalige Landgut der Familie Borsig aus dem 19. Jahrhundert und revitalisiert es als Bio-Hotel mit 30 Salons für Konferenzen und Events. Der Geist der Borsigs leitet ihn. „August Borsig stellte als einer der ersten Großindustriellen die Weichen für den heutigen Sozialstaat, indem er für seine Arbeiter eine Sozialinfrastruktur aufbaute“, erzählt Stober. 2012 wird das Landgut als Deutschlands nachhaltigstes Tagungshotel ausgezeichnet, 2017 und 2021 als grünstes Hotel Europas. Nach Stobers Kenntnis legt sein Landgut als erstes deutsches Tagungshotel einen Gemeinwohlbericht ab. Das war 2018. Der Beitritt zur Gemeinwohl-Ökonomie ist für ihn ein logischer Schritt im Streben nach Nachhaltigkeit und Transparenz.

Landgut Stober

Das Landgut Stober hat 2018 seinen ersten Gemeinwohl-Bericht veröffentlicht. Gerade läuft die Rezertifizierung. Foto: Landgut Stober

Damals durchleuchtete das Team seine Lieferketten und Produktionsprozesse und machte diese transparent. „Wir haben unsere Lieferanten selber gecheckt, haben uns die Betriebe angesehen und die Menschen, die dahinterstehen, und haben festgestellt, dass es richtig Spaß macht, mit Produzenten und Lieferanten zusammenzuarbeiten, die ihre Produkte, Tiere oder Lebensmittel genauso lieben wie wir“, erzählt er. In diesem Prozess kommt die Frage auf: Was passiert mit unseren Gewinnen? Was tun wir für die Region, für unsere Mitmenschen und für die uns umgebende Natur? Das Landgut Stober beginnt, seine Gewinne zu veröffentlichen.

„Ich habe eine Vision: Wenn alle Unternehmer und Unternehmen nur 10 Prozent ihrer Gewinne nach Steuern geben würden für gemeinnützige Zwecke, dann hätten wir eine vollkommen veränderte Gesellschaft.“

Michael Stober, Geschäftsführer Landgut Stober

Gerade läuft die Rezertifizierung, denn spätestens alle drei Jahre erfolgt eine Evaluation. Stober ist darauf gespannt, zu sehen, wo sein Unternehmen in Sinne des Gemeinwohls jetzt steht. Sein Landgut ist familiengeführt. Strukturen oder Verhaltensweisen mit menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen werden nicht unterstützt. Da die meisten Produkte von regionalen oder zertifizierten Anbietern kommen, ist die Einhaltung der Menschenwürde in der Zuliefererkette sicher. Das ökologische Verhalten der Belegschaft fördern der Kräuter- und Gemüsegarten und Schulungen zum Nachhaltigkeitsmanagement. Die Photovoltaik-Anlage produziert mehr Strom, als das Hotel verbraucht. Geheizt wird mit zwei Hackschnitzel-Heizungsanlagen; die Hälfte der Biomasse, die zum Heizen über den Winter benötigt wird, wächst im 12,5 Hektar großen eigenen Wald, das Regenwasser wird in Zisternen gesammelt. Alle 400 Toilettenanlagen laufen über ein Sekundärwassersystem. In den Zimmern werden Bio-Bettwäsche, Bio-Kosmetik sowie Bio-Frotteeware verwendet. „Den Teppich, den wir im Hotelflur verlegt haben, können wir nach sieben Jahren, wenn er abgelaufen ist, in den Schafstall zum Verfüttern bringen, weil er zu fast 100 Prozent aus Mais besteht“, so Stober. Die CO2-Bilanzen werden wie Zertifizierungen oder Berichte von Dritten, beispielsweise Bioland, Visit Berlin, ÖkoP-Zertifizierungsstelle oder Co2OL, veröffentlicht. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die aus dem Ort kommen, kommen zu Fuß oder mit dem Fahrrad, andere bilden teilweise Fahrgemeinschaften. Michael Stober und Tanja Getto-Stober verzichten in der Geschäftsführung auf ihr Gehalt. Stober kümmert sich um das strategische Geschäft, seine Frau um das operative. Abteilungsleiter unterstützen sie. Mittwochs werden die übergeordneten Themen besprochen und Entscheidungen gemeinsam getroffen. „Die Zertifizierung hat uns einige Defizite im Unternehmen aufgezeigt“, sagt Stober, „aber auch Defizite in der Matrix der Gemeinwohl- Ökonomie“. Dort wird gerade ein zentraler Punkt bearbeitet, nämlich die Mitarbeiterbeteiligung. Denn wenn in einem Unternehmen wie dem Landgut eine große Investition anstünde, würde die Mehrheit der Belegschaft eher kein finanzielles Risiko eingehen, obwohl die Maßnahme langfristig zwingend erforderlich wäre.

Michael Stober über die Gemeinwohl-Ökonomie oder: Was tue ich für meine Region?

Das Wichtigste an der Gemeinwohl-Ökonomie ist, dass man sich als Unternehmen als Teil seines Bezirks, seiner Stadt, seiner Kommune, seiner Region oder von Deutschland begreift und sich fragt: Was tue ich für diese Region? Oder verdiene ich da nur mein Geld – und der Rest ist mir egal? So funktioniert das in Zukunft nicht mehr! Immer mehr Menschen haben es satt, dass sich andere auf ihre Kosten die Taschen füllen. Und diese Bewegung ist nicht mehr zu stoppen. Folglich ist es besser, sich zu entscheiden, auf welcher Seite man als Unternehmen stehen möchte. Wir haben uns entschieden, uns als Bestandteil unserer Region zu begreifen und der Region und ihren Menschen etwas zurückzugeben. So spenden wir 20 Prozent unserer Gewinne für gemeinnützige, soziale oder humanistische Zwecke; vom Kinderhospiz bis zum Buschkrankenhaus. Mittlerweile können unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Vorschläge machen, wo wir was spenden. Gerade implementieren wir ein Instrument, damit auch unsere Gäste Vorschläge machen können. Das gibt ihnen das Gefühl, ein Teil der Landgut-Gemeinschaft zu sein. 20 Prozent unserer Gewinne gehen an die Belegschaft in Form von höheren Löhnen oder Sozialleistungen. Seit 1. September 2021 haben wir 12 Euro Mindestlohn. 40 Prozent unseres Gewinns werden reinvestiert, verbleiben somit im Unternehmen.

Foto: Landgut Stober

Dass die Gemeinwohl-Ökonomie in der Veranstaltungswirtschaft noch eher unbekannt ist, begründet Stober damit, dass viele die Nachhaltigkeit noch als lästiges Handicap betrachten – trotz der Sustainable Development Goals der UN und dem European Green Deal. „Wer die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat, wird nicht überleben“, ist er sich sicher. Schon heute kommen über 50 Prozent seiner Kunden wegen der Nachhaltigkeit; und auf die Nachhaltigkeit und Transparenz folgt für ihn die Gemeinwohl-Ökonomie. Das dauere bei vielen noch. Aber das kennt Michael Stober ja. Als das Landgut Stober 2013 klimaneutral wird, wird er belächelt. Seit 2018 ist das Landgut klimapositiv, und jetzt sind da etliche unterwegs.

Kerstin Wünsch

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