Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft

„Never, never, never give up!“

Übergabe der politischen Forderungen an Finanzstaatssekretärin Bettina Hagedorn, um den Fokus der nächsten Regierung stärker auf die Notlage der Veranstaltungswirtschaft zu richten. Links Christian Eichenberger von der Party Rent Group AG, rechts Moderator Georg Ehrmann. Foto: Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft, Alexander Franz

25 Verbände und Initiativen haben sich zur Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft zusammengetan. Sie haben sich in Berlin getroffen, über gemeinsame Forderungen an die neue Regierung abgestimmt und ihre Vertretung gewählt. Allerdings bleibt die Teilnehmerzahl hinter den Erwartungen zurück, und die Vertreter der wirtschaftsbezogenen Veranstaltungen bleiben fern.

„Never, never, never give up!“, zitiert Christian Eichenberger Winston Churchill. An das Diktum muss der Vorstandsvorsitzende der Party Rent Group AG oft denken, kämpfen die Menschen in der Veranstaltungswirtschaft doch seit März 2020 an vielen Fronten. „Wir müssen unsere Betriebe durch die Krise steuern. Wir müssen unsere Mitarbeiter unterstützen, die durch Kurzarbeit natürlich wirtschaftliche Probleme haben. Wir müssen Verluste kompensieren. Wir müssen die Interessenvertretung unserer Branche organisieren. Und wir müssen in den Dialog mit der Politik treten. Das war und ist unmittelbarer Existenzkampf“, schildert Eichenberger die Situation. „Man muss sich in langen Tagen und Nächten Mut machen und braucht eine Denkweise, um nicht aufzugeben.“

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Eichenberger bewirbt sich in der Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft am 28. Oktober 2021 als einer ihrer Vertreter. Als er die Bühne in der Station Berlin betritt, sind 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Präsenz dabei, 200 im Live-Stream. Die Bundeskonferenz setzt sich für das Überleben und das Wiedererstarken der Veranstaltungswirtschaft ein. Dazu will sie die Akteure der Veranstaltungsbranche verbinden, ihre Interessen bündeln und gemeinsame politische Forderungen formulieren. Eichenberger: „Die Menschen in der Veranstaltungswirtschaft haben akzeptiert, dass sie als Erste in den Lockdown geschickt wurden. Sie werden aber auch als Letzte wieder rauskommen. First in, last out. Dies zum Wohle der Allgemeinbevölkerung, da zu Pandemiebeginn unklar war, welches Ansteckungsrisiko von Veranstaltungen ausgeht.“ Für ihn bedeutet das quasi ein Berufsverbot und die Regierung dürfe jetzt nicht die Veranstaltungsbranche und deren Sonderopfer vergessen. Die Branche brauche Solidarität und besondere wirtschaftliche Förderung, wenn sie weiter existieren soll. Eichenberger ist Mitinitiator der Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft, die sich aus Verbänden und Initiativen speist, die der Pandemie entsprungen sind, etwa die Night of Light, zu der Tausende Locations in Rot erleuchten, die Initiative #AlarmstufeRot zur Rettung der Veranstaltungswirtschaft und ihrer Demonstrationen. Er engagiert sich vom ersten Tag an, denn seine Party Rent Group ist stark betroffen. „Der Umsatzeinbruch betrug zeitweilig über 88 Prozent“, erinnert sich Eichenberger. Aktuell liege der Umsatzverlust in der Branche bei 60 Prozent, doch komme es wegen der vierten Welle gerade zu vielen Stornierungen, was einen weiteren massiven Rückgang erwarten ließe.

Wer gehört zur Veranstaltungswirtschaft?

Technikdienstleistende + Cateringunternehmen + Messeagenturen + Locations (Hallen + Stadien + Conventioncenter + Messen + Clubs + Theater + Spielhäuser + Freiflächen + Hotels + Festivals) + Veranstalter*innen + Personaldienstleistende + Materialdienstleistende + Crew + Rigger*innen + Bühnen-/Tribünenbauende + Künstler*innen (Schauspieler*innen + Orchester + Musiker*innen + Moderator*innen + DJ*anes + Tänzer*innen + Komiker*innen) + Messebauende + Sicherheitsdienstleistende + Full-Service-Agenturen für Incentives + Marketingkampagnen + Präsentationen + Sportveranstalter*innen + Dekorateur*innen + Wäschereien + Florist*innen + Fotograf*innen + Filmer*innen + Booking + Ticketing + Reinigungsdienstleistende + Busunternehmen + Fahrer*innen + Schaustellende + u.v.m.

Quelle: Studie „Zähl dazu“

Umsatzverluste

Eichenberger ist kein Einzelschicksal: 52,9 Prozent der Unternehmen der Veranstaltungswirtschaft haben einen Umsatzverlust von mehr als 80 Prozent erlitten und 88,1 Prozent mindestens 50 Prozent. Zwei Drittel (61,6 Prozent) haben keinen finanziellen Ausgleich bekommen, ein Drittel (32,5 Prozent) einen Teilausgleich, 5,9 Prozent einen vollen Ausgleich. Das sind die Ergebnisse der Studie „Zähl dazu“ ergebnisse. Durchgeführt hat sie das R.I.F.E.L Institut (Research Institute for Exhibition and Live-Communication) in Zusammenarbeit mit der TU Chemnitz und dafür 2.500 Unternehmen in den Monaten April und Mai 2021 befragt. Der Studie zufolge ist die Veranstaltungswirtschaft 2019 auf mehr als 240.000 Unternehmen gekommen, 1,13 Mio. Beschäftigte, darunter jeder zweite ein geringfügig Erwerbstätiger, und einen Jahresumsatz von rund 81 Mrd. Euro.

Die Veranstaltungswirtschaft kommt in der Hochrechnung der Studie „Zähl dazu“ 2019, im Jahr vor Corona, auf 1,13 Mio. Beschäftigte und einen Jahresumsatz von rund 81 Mrd. Euro.

Initiator ist die Interessengemeinschaft Veranstaltungswirtschaft (IGVW). Unter den ordentlichen Mitgliedern sind u.a. der EVVC – Europäischer Verband der Veranstaltungs-Centren, die fwd: Bundesvereinigung Veranstaltungswirtschaft und der VPLT – Der Verband für Medien- und Veranstaltungstechnik, unter den Fördermitgliedern u.a. der AUMA – Ausstellungs- und Messe-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft und der Bundesverband Veranstaltungssicherheit (bvvs). Finanziert haben die Studie 609 Unterstützerinnen und Unterstützer in einer umfangreichen Crowdfunding-Kampagne und erzielen 50.200 Euro. Die Ergebnisse sollen als Grundlage für weitere politische Verhandlungen dienen und zur Entwicklung künftiger Strategien des Wirtschaftszweiges.

Zähl dazu – die größte Marktstudie der deutschen Veranstaltungswirtschaft

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150 Berufsgruppen geeint

Die Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft und ihre Akteure aus 25 Verbänden und Initiativen stehen nach eigenen Angaben für 18.000 Mitglieder, 100.000 Follower und 150.000 Unterstützer. Mit dem Ziel, den 150 Berufsgruppen mit ihren gemeinsamen Interessen und politischen Forderungen eine starke Stimme zu verleihen, will sie eine branchenumfassende Plattform für den Austausch bieten. Alle Forderungen sind im Internet veröffentlicht, damit sich jede und jeder Interessierte informieren und am Prozess partizipieren kann.

Die 25 Verbände und Initiativen in der Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft

1. Aktion – Rettet die Clubs 2. #AlarmstufeRot gem. e.V. 3. Berlin Convention Partner e.V. 4. BDSW – Bundesverband der Sicherheitswirtschaft e.V. 5. BDT – Bundesverband deutscher Discotheken und Tanzbetriebe e.V. 6. BSM – Bundesverband Deutscher Schausteller und Marktkaufleute e.V. 7. Bundesverband Taxi und Mietwagen e.V. 8. Bund deutscher Hochzeitsplaner e.V. 9. Bundesverband für Pyrotechnik & Kunstfeuerwerk e. V. 10. Booking United 11. Club Kommission Cottbus e.V. 12. Deutscher Eventverband e.V. 13. DSB – Deutsche Schausteller Bund e.V. 14. fwd: Bundesvereinigung Veranstaltungswirtschaft e.V. 15. IHK – Gießen-Friedberg 16. IGM – Interessengemeinschaft Messewesen e.V. 17. ITRS – Industrieverband Technische Textilien – Rollladen – Sonnenschutz e.V. 18. Kinosommer Deutschland – Bundesverband der Open Air Kinos e.V. 19. Künstlerhilfe Foundation e.V. 20. Meet Germany 21. MVW-BW – Messe- und Veranstaltungswirtschaft Baden-Württemberg e.V. 22. Party Service Bund Deutschland e.V. 23. Pro Musik – Verband freier Musikschaffender e.V. 24. VDK – Verband der Konferenzdolmetscher im BDÜ e.V. 25. VSD – Verband für Sportökonomie und Sportmanagement in Deutschland e.V.

Dass hier die großen Verbände für wirtschaftsbezogene Veranstaltungen wie Kongresse und Messen fehlen wie der EVVC – Europäische Verband der Veranstaltungs-Centren, der AUMA – Ausstellungs- und Messe-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft und auch das GCB – German Convention Bureau, ist insofern relevant, als die Meta-Studie zur gesamtwirtschaftlichen Bedeutung der Veranstaltungsbranche 2020 ergeben hat: Die Veranstaltungswirtschaft ist mit 130 Mrd. Euro Umsatz sechstgrößter Wirtschaftszweig Deutschlands, und 88 Prozent sind wirtschaftsbezogene Veranstaltungen. EVVC und AUMA sind in der Interessengemeinschaft Veranstaltungswirtschaft (IGVW) vertreten. Der EVVC ist zudem im Forum Veranstaltungswirtschaft aktiv, eine Allianz von sechs Verbänden: EVVC, BDKV (Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft e.V.), FAMA (Fachverband Messen und Ausstellungen e.V.), ISDV (Interessengemeinschaft der selbstständigen Dienstleisterinnen und Dienstleister in der Veranstaltungswirtschaft), Livekomm (Verband der Musikspielstätten in Deutschland e.V.) und VPLT (Der Verband für Medien- und Veranstaltungstechnik e.V.). Ihr Ziel gleicht jenem der Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft: Netzwerke, Kompetenzen und Ressourcen zu bündeln, um durch einen gemeinsamen Auftritt bei der politischen Lobbyarbeit noch schlagkräftiger zu sein.

Foto: fwd

„Unsere Türen sind immer offen“

Jan Kalbfleisch, Geschäftsführer der fwd: Bundesvereinigung Veranstaltungswirtschaft, über die Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft, den Prozess der Gestaltung und die neue Vollzeitstelle Politische Kommunikation.

Konkreter Forderungskatalog

Auf der Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft am 28. Oktober 2021 wird der Forderungskatalog vorgestellt, den verschiedene Arbeitsgruppen erarbeitet haben. Er besteht aus vier Kapiteln: Überleben jetzt sichern (Überbrückungsprogramm III anpassen und verlängern; Perspektiven für Einzelunternehmer, Soloselbstständige und Solokünstler), Perspektiven für Mitarbeiter in der Kurzarbeit, Neustart ermöglichen und unterstützen und die Branche langfristig zukunftsfest und wettbewerbsfähig machen. Insgesamt sind es 33 Forderungen im „Forderungsmemorandum Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft“. Bei den Forderungen geht es in erster Linie um die finanzielle Unterstützung, aber nicht nur. Die „Perspektiven für Mitarbeiter in Kurzarbeit“ etwa stellt Alexander Ostermaier vor. Der Geschäftsführer von Neumann & Müller Veranstaltungstechnik erzählt von Mitarbeitern, die ein Jahr lang nicht gearbeitet haben, was neben den wirtschaftlichen auch seelische Folgen habe. „Es geht nicht nur ums Geld. Es geht um Perspektive“, bekräftigt Marcel Frey, Vorstandsmitglied der TSE AG für Veranstaltungstechnik. Er fragt: „Was sollen wir unseren Mitarbeitern sagen?“ und fordert von der Politik eine Perspektive und damit Planbarkeit. Nach der Vorstellung und Erläuterung der Forderungen stimmen die Delegierten vor Ort und online über die Forderungen ab. Sie wollen, dass das Überbrückungsprogramm angepasst und die Neustarthilfe verlängert wird und beides auf über sechs Monate nach Ende der Corona-Einschränkungen. Schließlich haben Veranstaltungen einen monatelangen Planungsvorlauf. Gleiches gilt für die Verlängerung der Kurzarbeit über den 31. Dezember 2021 hinaus. Außerdem votieren sie für einen Regierungsbeauftragten für die Branche nach dem Vorbild des Beauftragten für Tourismus und Mittelstand.

Themenschwerpunkt Kultur. Die Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft hatte verschiedene Themenschwerpunkte: Kultur, Bemessung der Branche und Politik. Foto: Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft, Alexander Franz

Vertretung gewählt

Auf der Bundeskonferenz stellen sich elf Vertreterinnen und Vertreter zur Wahl, um die Veranstaltungswirtschaft gegenüber der Regierung zu repräsentieren. Unter den Bewerbern ist Bernhard von Bauer. Der Projektleiter bei Atmosphere in Wiesbaden warnt: „Vorsicht, jetzt kommen die ersten Hilfen, das Geschäft kommt zurück, jetzt nicht nachlassen. Wir dürfen als Branche nicht wieder den Fehler machen, nicht sichtbar zu sein!“ Selbstkritik ist an verschiedenen Stellen zu hören, dem Sinne nach: Wir hatten keinen Bedarf mit der Politik zu sprechen. Es lief ja! Wir haben brav unsere Steuern bezahlt. Dann kam Corona und wir brauchten Hilfe. Christian Eichenberger erinnert sich gut an das erste Treffen im Juni 2020 mit einer Staatssekretärin im Bundesministerium für Wirtschaft. Zwei ihrer Fragen sind ihm schmerzhaft in Erinnerung geblieben: Für wen sprecht Ihr überhaupt? Und: An wen wenden wir uns bei Euch? Der Vorstandsvorsitzende der Party Rent leitet die Gruppe Politik und weiß, dass die Forderungen der 150 Berufsgruppen anschlussfähig und nachvollziehbar für die Regierenden sein müssen. Als aus den elf Bewerberinnen und Bewerbern sieben gewählt werden sollen, lässt die Technik nur die Wahl einer Person zu. Die Veranstalter entscheiden spontan: Alle sind gewählt.

Die Vertreterinnen und Vertreter der Bundeskonferenz der Veranstaltungswirtschaft

Foto: Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft, Alexander Franz

  • Jörg Steffen Balzert, Veranstaltungstechniker
  • Sandra Beckmann, Selbstständige bei Event Kombinat Castrop-Rauxel
  • Christian Eichenberger, Vorstandsvorsitzender der Party Rent Group AG
  • David Eickelberg, Inhaber der Touchdown! Event Solutions,
  • Marcel Fery, Vorstandsmitglied der TSE AG für Veranstaltungstechnik
  • Alexander Franz, Kreistagsfraktionsassistent bei den Grünen
  • Mike P. Heisel, Musik- und Medienmanager
  • Kerstin Meisner, Herausgeberin beim memo-media Verlag
  • Jennifer Mulinde-Schmid, Inhaberin Schwarze Heidi
  • Alexander Ostermaier, Geschäftsführer von Neumann & Müller Veranstaltungstechnik und Mit-Initiator von #AlarmstufeRot
  • Bernard vom Bauer, Projektleiter bei Atmosphere Wiesbaden

Im November stimmen sich die Vertreterinnen und Vertreter ab. Sie sollen nach außen und innen wirken: Entlang der verabschiedeten Forderungen vertreten sie die Interessen auf verschiedenen politischen Ebenen. Entlang der Bedürfnisse der Branche fungieren sie als deren Ansprechpartner, bauen Vertrauen auf und gewinnen weitere Unterstützerinnen und Unterstützer für die Bundeskonferenz Veranstaltungswirtschaft. „Das große Ziel ist, ein Signal an die Politik zu senden: Die facettenreiche Branche mit ihren über 150 Verbänden und Initiativen kann relevante Themen und wirksame Lösungsvorschläge benennen, die politische Entscheider brauchen, um ihren Gestaltungsauftrag zu erfüllen“, informiert Jan Kalbfleisch, Geschäftsführer der fwd: Bundesvereinigung Veranstaltungswirtschaft. Da die Branche in manchen Teilen schon verbandlich organisiert sei, wolle die Bundeskonferenz für alle Beteiligten ein offenes Format sein, um einem gemeinsamen Ziel zu dienen: Der sechsgrößte Wirtschaftszweig solle in der Politik und Öffentlichkeit angemessen wahrgenommen und nicht mehr vergessen werden. Kalbfleisch: „Das Zeitfenster ist gut, wird doch gerade das Regierungsprogramm der nächsten Jahre definiert.“

Kerstin Wünsch

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