Foto: Mandy Hännes’chen

Interview Mandy Hännes’chen

„Nicht in eine ‚Schockstarre‘ verfallen“

Interview Mandy Hännes’chen

„Nicht in eine ‚Schockstarre‘ verfallen“

Foto: Mandy Hännes’chen

Mandy Hännes’chen, seit September Veranstaltungsmanagerin und Assistentin der Geschäftsleitung beim Wirtschaftsforum der SPD, über ihre ersten 100 Tage, positives Denken, ein großes DANKE, Tanzen auf dem politischen Parkett, Zoom-Fatigue und Finanzminister Olaf Scholz.

tw tagungswirtschaft: Zwölf Jahre lang hast du die Geschäftsstelle des Verbands der Veranstaltungsorganisatoren (VDVO) geleitet, hast den Branchenverband mit aufgebaut, ihm dein Gesicht gegeben. Ende April wurde dir wegen der Coronakrise gekündigt. Wie ging es dir da?

Mandy Hännes’chen: Mir ging es wie vermutlich jedem, der unerwartet die Kündigung erhält: Das war erst einmal ein Schock für mich. Vor allem nach einer so langen Zeit, in der ich für den VDVO tätig sein durfte.

Was hat dir in den ersten Wochen geholfen? Lernen, die Situation so anzunehmen, wie sie ist und die damit verbundenen Emotionen zuzulassen. Reflektieren, dass die Situation nichts mit mir zu tun hat. Das war ein bewegender Prozess, bei dem ich aber auch viel über mich und meine eigenen Kraftreserven gelernt habe und über mich selbst hinausgewachsen bin. Ich stand zudem fast täglich im engen Kontakt mit meinem Netzwerk zur aktuellen Situation in der Branche und den damit verbundenen Veränderungen. Wir haben uns viel darüber ausgetauscht, wie Veranstaltungen jetzt digital durchgeführt werden können, welche Tools im Einsatz sind und was für Erfahrungen gesammelt wurden. Das war sehr inspirierend, da es immer wieder neue Impulse gab und auch neue Ideen gemeinsam kreiert wurden. Die vielen Gespräche haben auch sehr motiviert, wieder nach vorne zu blicken. Denn jede Veränderung bringt auch eine Chance mit sich. Von daher auch noch einmal an dieser Stelle: Ein herzliches DANKE an all meine Wegbegleiter.

Was hast du gemacht, nachdem du die neue Situation angenommen hast? Ich habe losgelassen, durchgeatmet, Kraft getankt und mich auf meine Stärken und Werte fokussiert.

Angesichts der Lage der Veranstaltungswirtschaft ist deine Kündigung kein Einzelschicksal. Was rätst du Betroffenen? Das ist schwer in zwei, drei Sätze zu packen und hängt sicher auch immer viel von der einzelnen Situation ab. Wichtig ist, nicht in eine „Schockstarre“ zu verfallen. Mir hat der Kontakt innerhalb des eigenen Netzwerkes sehr geholfen, denn Netzwerke unterstützen gerade in Krisenzeiten, dass wir uns nicht alleine fühlen, nicht verzweifeln und nicht resignieren. Die gegenseitige Unterstützung und der Austausch schaffen Raum für neue Sichtweisen, neue Inspirationen. Und es gibt im Netzwerk immer jemanden der jemanden kennt…

Was ist das Wirtschaftsforum der SPD?

Das Wirtschaftsforum der SPD e.V. ist der unternehmerische Berufsverband an der Seite der Sozialdemokratie. Es vertritt die Interessen der Wirtschaft gegenüber der Politik und vermittelt politische Vorhaben in die Wirtschaft. Das Wirtschaftsforum der SPD führt in Berlin und in den Wirtschaftszentren Deutschlands Veranstaltungen durch, um Räume und Gelegenheiten für den direkten Austausch zwischen Wirtschaft und Politik zu schaffen.

Trotz der Krise in der Veranstaltungswirtschaft hast du schnell deinen neuen Job gefunden. Und das beim Wirtschaftsforum der SPD. Wie hast du das geschafft? Mit einer großen Portion Glück bin ich beim Stellenportal Stepstone auf die Stellenanzeige vom Wirtschaftsforum der SPD e.V. gestoßen und fing an, über den Verband zu recherchieren. Das Wirtschaftsforum setzt sich für einen intensiven Austausch von Wirtschaft und Politik ein und organisiert in seinen vielen Veranstaltungen und Fachforen den Dialog zwischen den jeweiligen Vertretern. Also genau das, was zu dieser Zeit von der Veranstaltungswirtschaft intensiv gefordert wurde. Das klang sehr spannend, also schickte ich meine Bewerbung hin und erhielt gleich am nächsten Morgen eine Zusage zum Vorstellungsgespräch. Es folgten drei Gesprächsrunden, die letzte fand digital statt (bei der war ich übrigens am nervösesten) und direkt im Anschluss an das letzte Gespräch kam die Zusage.

Was sind deine Aufgaben als Veranstaltungsmanagerin? Das Wirtschaftsforum der SPD führt viele verschiedene hochkarätige Veranstaltungen durch, die Raum und Gelegenheiten für den direkten Austausch zwischen Wirtschaft und Politik bieten. Dazu zählen öffentliche Veranstaltungen wie zum Beispiel unser Wirtschaftskongress am 19. Mai 2021, wirtschaftspolitische Austauschgespräche, aber auch interne Arbeitskreise unserer Fachforen. Allein in diesem Jahr hat das Wirtschaftsforum rund 100 Veranstaltungen durchgeführt. Meine Aufgabe umfasst die Leitung der Organisation und Koordination aller unterschiedlichen Veranstaltungsformen in enger Zusammenarbeit mit den Referenten.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz auf der Veranstaltung „Im Dialog mit Olaf Scholz. Pandemie, Wirtschaft und Europa – Herausforderungen der Politischen Ökonomie“. Foto: Wirtschaftsforum der SPD, Marco Urban

Wie sieht eure Strategie 2021 aus: So schnell wie möglich zurück zu Live-Events oder aber Konzentration auf hybride und virtuelle Formate? Unsere aktuelle Verbandsumfrage hat gezeigt, dass die Mitglieder physische Formate verstärkt bevorzugen, denn die digitalen Formate können das, was unsere Veranstaltungen ausmacht – das Netzwerken, der persönliche Austausch und das Knüpfen von Kontakten – in der Form nicht zu 100 Prozent ersetzen. Den Mitgliedern, die nicht in Berlin ansässig sind, kommen jedoch unsere digitalen Formate sehr zugute. Von daher werden wir, sobald es wieder möglich ist, sicherlich verstärkt hybride Formate anbieten.

Siehst du eine Gefahr darin, dass sich Menschen an digitale Formate gewöhnen und nach der Pandemie ihr Berufsleben mit weniger Business Events gestalten? Corona hat für einen Digitalisierungsschub gesorgt, der am Anfang sicher faszinierend war. Aber wenn wir ehrlich sind, hat uns alle die „Zoom-Fatigue“ – also die Müdigkeit, die sich nach zahlreichen virtuellen Meetings am Tag und in der Woche einstellt – schon längst übermannt. Wir werden nach der Pandemie sicher gezielter auswählen, an welchen Business Events wir physisch teilnehmen und welche wir digital – vielleicht auch nur auszugsweise – verfolgen werden. Partizipation und Interaktion werden eine größere Rolle spielen als bisher.

Mandy Hännes’chen arbeitet seit September als Veranstaltungsmanagerin und Assistentin der Geschäftsleitung beim Wirtschaftsforum der SPD e.V. Foto: Mandy Hännes’chen

„Veranstaltungen schaffen nicht nur den perfekten Raum für einen Dialog, sie schaffen auch Gemeinschaften aus denen Ideen und Lösungen entstehen können.“

Mandy Hännes’chen, Veranstaltungsmanagerin und Assistentin der Geschäftsleitung beim Wirtschaftsforum der SPD e.V.

„Veranstaltungen schaffen nicht nur den perfekten Raum für einen Dialog, sie schaffen auch Gemeinschaften aus denen Ideen und Lösungen entstehen können.“

Mandy Hännes’chen, Veranstaltungsmanagerin und Assistentin der Geschäftsleitung beim Wirtschaftsforum der SPD e.V.

Mandy Hännes’chen arbeitet seit September als Veranstaltungsmanagerin und Assistentin der Geschäftsleitung beim Wirtschaftsforum der SPD e.V. Foto: Mandy Hännes’chen

Nun sind deine ersten 100 Tage vorbei. In einem Satz: Wie fällt dein erstes Fazit aus? Das Tanzen auf dem politischen Parkett will gelernt sein.

Am 12. Oktober 2020 hattest du deine erste Veranstaltung: „Im Dialog mit Olaf Scholz. Pandemie, Wirtschaft und Europa – Herausforderungen der Politischen Ökonomie“. Es war ein Hybrid-Format mit 80 Gästen im Allianz Forum am Pariser Platz in Berlin und 300 Gästen im Livestream. Wie lief es? Für mich war es die erste Veranstaltung, die ich für das Wirtschaftsforum ausrichten durfte und meine erste hybride Veranstaltung unter Corona-Bedingungen. Von daher war der Stresspegel etwas höher als sonst, aber alles lief bestens, auch dank der guten Zusammenarbeit aller involvierten Gewerke.

Just am selben Vormittag war eine Delegation der Initiative #AlarmstufeRot zur Rettung der Veranstaltungswirtschaft im Finanzministerium zu Gast. War das ein Thema? Ja, Olaf Scholz kam tatsächlich kurz auf die Veranstaltungswirtschaft zu sprechen, als es um den Anpassungsbedarf der bisher durchgeführten Maßnahmen wie Überbrückungshilfen ging.

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Olaf Scholz zur Veranstaltungswirtschaft

Auf der Veranstaltung „Im Dialog mit Olaf Scholz. Pandemie, Wirtschaft und Europa – Herausforderungen der Politischen Ökonomie“ am 12. Oktober 2020 im Allianz Forum in Berlin spricht der Vizekanzler und Bundesfinanzminister zu Konjunkturpolitik, Industrie, Transformation, EU-Ratspräsidentschaft und streift die Veranstaltungswirtschaft.

Hat Finanzminister Scholz dich schon zur Veranstaltungswirtschaft befragt? Nein. Aber die Initiative für die Veranstaltungswirtschaft und die #AlarmstufeRot haben in den letzten Monaten eine erstaunliche Lobbyarbeit für die gesamte Veranstaltungsbranche geleistet und in der Politik – auch bei Herrn Scholz – die Lage der Veranstaltungswirtschaft in vielen Gesprächen mehr als deutlich dargelegt. Jetzt muss die Politik dringend handeln und vor allem ihre Versprechen – auch in Hinblick auf die Novemberhilfe – einhalten.

Und wenn Olaf Scholz fragte, ob Kongresse und Messen systemrelevant sind. Was würdest du ihm sagen? Kongresse und Messen sind bedeutende Wirtschaftsfaktoren und Marktplätze für die Wirtschaft. Sie sind wichtige Plattformen der Kommunikation, des Netzwerkens, des Lernens und der Transformation. Plattformen, auf denen wir unsere Gesellschaft nachhaltig verändern und zukunftsfähiger machen. Der Wirtschaftsstandort Deutschland würde ohne Messen und Kongresse so nicht funktionieren.

Kerstin Wünsch

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