Kolumne

Andreas Gebhard

Foto: re:publica, Dominik Butzmann

Andreas Gebhard ist Mitgründer und Geschäftsführer der re:publica, Deutschlands größter Konferenz für die digitale Gesellschaft. In seiner Kolumne in der tw tagungswirtschaft berichtet er aus seiner Sicht als Veranstalter.

Happy 2022

Wie wir aus der Rolle der Gejagten ausbrechen

WTF! Erinnern wir uns zurück: Vor 12 Monaten hatten wir die meisten Deals für das folgende Jahr eingetütet. Noch wenige Wochen bis zu den Weihnachtsferien und dann mit voller Kraft in ein vielversprechendes Jahr 2020. Wie wir wissen, kam es anders... Ob jetzt schon die Zeit für einen Rückblick ist?

Im Februar schrieb ich an dieser Stelle: „Was wird aus uns Menschen, wenn wir nicht mehr nachdenken, sondern nur noch reagieren? Wie wirkt sich das auf unser Leben aus? Wie auf unsere Beziehungen? Wie wollen wir damit umgehen? Und wollen wir das alles überhaupt?“ Der damalige Zusammenhang war das Motto der re:publica 2020 ASAP – As Soon As Possible”. Beschrieben hatte ich eine Beobachtung der Beschleunigung in der Digitalisierung. Wie vorausschauend diese Worte waren, konnte ich – wie fast alle von uns – wenige Wochen nach der Veröffentlichung dieser Zeilen am eigenen Leib erfahren.

Getrieben sein, nur noch reagieren – The new normal! Erst haben wir verschoben und hastig neue Formate ausgerufen. Später abgesagt und neuerlich Hybrides konzipiert. Alles unter den Überschriften „Prototypen“ oder „Ausprobieren“, um nicht zu verschwinden. Rückblickend lesen sich alle Kolumnen, die ich Ihnen hier 2020 bieten durfte, dürftig. Zuweilen mit Anleihen von Durchhalteparolen oder wie Protokolle einer Flucht.

Neben der revolutionären Veränderung des öffentlichen Lebens durch die Pandemie spielte die ambivalente Positionierung der Politik eine zentrale Rolle in der immer stärker werdenden Erschöpfung von mir und uns. Einerseits fuhren die politisch Verantwortlichen auf Sicht (in einer nie zuvor dagewesenen Situation verständlich) und änderten Regeln und Bestimmungen, die sie erst kürzlich zuvor selber aufgestellt hatten. Andererseits wurde in Deutschland in kürzester Zeit ein einzigartiges System an Rettungshilfen aufgestellt, ohne diese wir als re:publica vielleicht nicht mehr existieren würden. Wir haben uns massiv verschulden müssen/können mit Darlehen, die wir unter Nicht-Pandemiezeiten niemals bekommen hätten! Crazy.

Nicht nur für das Team und alle Beteiligten war die Absage der re:publica wenige Wochen vor dem Event-Termin eine traumatisierende Erfahrung, die wir nie wieder machen wollen. Uns stellen die finanziellen Verluste vor existenzbedrohende Herausforderungen! Wenn wir keine kurzfristigen Liquiditätshilfen bekommen hätten, wären wir pleite. An dieser Stelle möchte ich mich für die geleistete Unterstützung also von Herzen bedanken!

Ein großes Missverständnis möchte ich in diesem Zusammenhang ausräumen. Wir werden immer wieder damit konfrontiert, dass Menschen denken, die re:publica sei eine institutionalisiert geförderte Einrichtung der öffentlichen Hand – was auch immer das bedeuten würde. Fakt ist: Die re:publica hat nie regelmäßige öffentliche Mittel erhalten. Wir haben in den letzten fast 15 Jahren mit den unterschiedlichsten Partnern zusammengearbeitet und streben das auch in der Zukunft an. Wir mussten und müssen uns jedes Jahr unser Gesamtbudget erarbeiten.

Die vier Gründer*innen, (Tanja und Johnny Haeusler, Markus Beckedahl und ich) haben die Veranstaltung immer auf eigenes Risiko durchgeführt und werden dies auch weiterhin tun – wenn auch zukünftig unter vollkommen anderen Voraussetzungen. Wir haben uns dafür entschieden, die re:publica weiterzuentwickeln. Beeindruckt durch die Entwicklungen des abgelaufenen Jahres stellen wir heute einen Punkt ins Zentrum unserer weiteren Arbeit: Wir wollen nicht getrieben werden durch aktuelle Entwicklungen oder Entscheidungen, auf die wir keinen Einfluss haben!

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Unsere Antworten auf die Herausforderungen 2020 waren inhaltlich ausgereift und wirkmächtig. Die Prototypen, die wir umgesetzt haben, lieferten einzigartige Erkenntnisse. Obwohl in der Defensive, haben wir offensiv an neuen Formaten wie re:publicaTV und re:publica campus gearbeitet. Auf die Ergebnisse dieser Arbeit bin ich uneingeschränkt stolz. Aber ich möchte das so nicht, ich möchte nicht reagieren, sondern agieren! Aus diesem Grund haben wir die nächste re:publica, wie wir sie kennen und lieben, für Mai 2022 angekündigt. Wir verweigern uns dem Druck, ein Format für Mai 2021 anzugehen, von dem wir – zumindest unterbewusst – heute schon wissen, dass es den Bedürfnissen unserer Community nicht gerecht werden kann. Trotz alledem planen wir für Mai 2021 eine möglichst hybride, digitale Ausgabe der re:publica, die in skalierenden Räumen stattfinden wird. Denn sollte sich doch die Möglichkeit ergeben, viele Menschen physisch an einen Ort zu bringen, wollen wir das natürlich tun. Flexibilität an allen Ecken also. „Die nächste re:publica – in echt, vor Ort, mit allen und so groß wie möglich – wird daher erst im Jahr 2022 stattfinden.“ So haben wir es in unserer Ankündigung formuliert. Die Vorbereitungen für die re:publica 2022 sind gestartet. Wir können es kaum erwarten, alle Menschen aus den diversen Communities wieder bei uns begrüßen zu dürfen. Wir legen also die Getriebenheit der letzten Monate ab und schauen langfristig in die Zukunft. “Wir haben nichts zu verlieren außer unsere Angst” sang 1972 Rio Reiser im Song “Der Traum ist aus!”. Ich wünsche ein gutes Morgen!

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Andreas Gebhard

Foto: re:publica, Dominik Butzmann

Happy 2022

Wie wir aus der Rolle der Gejagten ausbrechen

WTF! Erinnern wir uns zurück: Vor 12 Monaten hatten wir die meisten Deals für das folgende Jahr eingetütet. Noch wenige Wochen bis zu den Weihnachtsferien und dann mit voller Kraft in ein vielversprechendes Jahr 2020. Wie wir wissen kam es anders... Ob jetzt schon die Zeit für einen Rückblick ist?

Im Februar schrieb ich an dieser Stelle: „Was wird aus uns Menschen, wenn wir nicht mehr nachdenken, sondern nur noch reagieren? Wie wirkt sich das auf unser Leben aus? Wie auf unsere Beziehungen? Wie wollen wir damit umgehen? Und wollen wir das alles überhaupt?“ Der damalige Zusammenhang war das Motto der re:publica 2020 ASAP – As Soon As Possible”. Beschrieben hatte ich eine Beobachtung der Beschleunigung in der Digitalisierung. Wie vorausschauend diese Worte waren, konnte ich – wie fast alle von uns –wenige Wochen nach der Veröffentlichung dieser Zeilen am eigenen Leib erfahren.

Getrieben sein, nur noch reagieren – The new normal! Erst haben wir verschoben und hastig neue Formate ausgerufen. Später abgesagt und neuerlich Hybrides konzipiert. Alles unter den Überschriften „Prototypen“ oder „Ausprobieren“, um nicht zu verschwinden. Rückblickend lesen sich alle Kolumnen, die ich ihnen hier 2020 bieten durfte, dürftig. Zuweilen mit Anleihen von Durchhalteparolen oder wie Protokolle einer Flucht.

Neben der revolutionären Veränderung des öffentlichen Lebens durch die Pandemie spielte die ambivalente Positionierung der Politik eine zentrale Rolle in der immer stärker werdenden Erschöpfung von mir und uns. Einerseits fuhren die politisch Verantwortlichen auf Sicht (in einer nie zuvor dagewesenen Situation verständlich) und änderten Regeln und Bestimmungen, die sie erst kürzlich zuvor selber aufgestellt hatten. Andererseits wurde in Deutschland in kürzester Zeit ein einzigartiges System an Rettungshilfen aufgestellt ohne diese wir als re:publica vielleicht nicht mehr existieren würden. Wir haben uns massiv verschulden müssen/können mit Darlehen, die wir unter Nicht-Pandemiezeiten niemals bekommen hätten! Crazy.

Nicht nur für das Team und alle Beteiligten war die Absage der re:publica wenige Wochen vor dem Event-Termin eine traumatisierende Erfahrung, die wir nie wieder machen wollen. Uns stellen die finanziellen Verluste vor existenzbedrohende Herausforderungen! Wenn wir keine kurzfristigen Liquiditätshilfen bekommen hätten, wären wir pleite. An dieser Stelle möchte ich mich für die geleistete Unterstützung also von Herzen bedanken!

Ein großes Missverständnis möchte ich in diesem Zusammenhang ausräumen. Wir werden immer wieder damit konfrontiert, dass Menschen denken, die re:publica sei eine institutionalisiert geförderte Einrichtung der öffentlichen Hand – was auch immer das bedeuten würde. Fakt ist: Die re:publica hat nie regelmäßige öffentliche Mittel erhalten. Wir haben in den letzten fast 15 Jahren mit den unterschiedlichsten Partnern zusammengearbeitet und streben das auch in der Zukunft an. Wir mussten und müssen uns jedes Jahr unser Gesamtbudget erarbeiten.

Die vier Gründer*innen, (Tanja und Johnny Haeusler, Markus Beckedahl und ich) haben die Veranstaltung immer auf eigenes Risiko durchgeführt und werden dies auch weiterhin tun – wenn auch zukünftig unter vollkommen anderen Voraussetzungen. Wir haben uns dafür entschieden, die re:publica weiterzuentwickeln. Beeindruckt durch die Entwicklungen des abgelaufenen Jahres stellen wir heute einen Punkt ins Zentrum unserer weiteren Arbeit: Wir wollen nicht getrieben werden durch aktuelle Entwicklungen oder Entscheidungen, auf die wir keinen Einfluss haben!

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Unsere Antworten auf die Herausforderungen 2020 waren inhaltlich ausgereift und wirkmächtig. Die Prototypen, die wir umgesetzt haben, lieferten einzigartige Erkenntnisse. Obwohl in der Defensive, haben wir offensiv an neuen Formaten wie re:publicaTV und re:publica campus gearbeitet. Auf die Ergebnisse dieser Arbeit bin ich uneingeschränkt stolz. Aber ich möchte das so nicht, ich möchte nicht reagieren, sondern agieren! Aus diesem Grund haben wir die nächste re:publica, wie wir sie kennen und lieben, für Mai 2022 angekündigt. Wir verweigern uns dem Druck, ein Format für Mai 2021 anzugehen, von dem wir – zumindest unterbewusst – heute schon wissen, dass es den Bedürfnissen unserer Community uns nicht gerecht werden kann. Trotz alledem planen wir für Mai 2021 eine möglichst hybride, digitale Ausgabe der re:publica, die in skalierenden Räumen stattfinden wird. Denn sollte sich doch die Möglichkeit ergeben, viele Menschen physisch an einen Ort zu bringen, wollen wir das natürlich tun. Flexibilität an allen Ecken also. „Die nächste re:publica – in echt, vor Ort, mit allen und so groß wie möglich – wird daher erst im Jahr 2022 stattfinden.“ So haben wir es in unserer Ankündigung formuliert. Die Vorbereitungen für die re:publica 2022 sind gestartet. Wir können es kaum erwarten, alle Menschen aus den diversen Communities wieder bei uns begrüßen zu dürfen. Wir legen also die Getriebenheit der letzten Monate ab und schauen langfristig in die Zukunft. “Wir haben nichts zu verlieren außer unsere Angst” sang 1972 Rio Reiser im Song “Der Traum ist aus!”. Ich wünsche ein gutes Morgen!

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