Foto: Phocus Brand Contact

Interview Karin Ruppert

„Wir nutzen viele Potenziale nicht“

Organisationsberaterin Karin Ruppert über die Kanzlerkandidatur von Annalena Baerbock, Vielfalt, ein neues Miteinander und mutige Männer, Role Models, Mentoring und den gemeinnützigen Verein She Means Community (in Gründung).

tw tagungswirtschaft: Annalena Baerbock und Robert Habeck, Özlem Türeci und Ugur Sahin, Kamala Harris und Joe Biden… Eine gute Zeit für Gleichberechtigung?

Karin Ruppert: Es ist höchste Zeit für Gleichberechtigung! Diese Role Models erfüllen eine wichtige Aufgabe: Sie zeigen einer breiten Öffentlichkeit, wie ein wertschätzendes, sich gegenseitig ergänzendes Miteinander aussehen kann. Und sie zeigen auch, dass es immer selbstverständlicher wird, als Frau bis an die Spitze der Macht zu kommen. Allerdings zeigt insbesondere die aktuelle Berichterstattung zu Annalena Baerbocks Kandidatur als Bundeskanzlerin auch an vielen Stellen, wie viel noch getan werden muss. Alter, fehlende Regierungserfahrung, Kinder, Geschlecht… ich kann mir nicht vorstellen, dass sich ein männlicher Bewerber ähnlichen Fragen hätte stellen müssen. Leider sind wir als Frauen nach wie vor in vielen Lebensbereichen weit davon entfernt, wirklich gleichberechtigt zu sein. Dabei ist die Spannweite so groß wie die Lebenswirklichkeiten der Menschen und reicht von Gewalt gegen Frauen bis hin zur Ungleichheit in den Top-Positionen in Politik und Wirtschaft.

Foto: Messe Dortmund, Wolfgang Helm

Wer ist Karin Ruppert?

Karin Ruppert ist Organisationsberaterin und Diversity-Trainerin aus Berlin. Sie begleitet Organisationen und Netzwerke in Veränderungsprozessen und ist Impulsgeberin für Gender Equality, New Leadership und Cultural Change. Ihre Karriere startete sie in der Veranstaltungsbranche, die sie bis in die Geschäftsleitung namhafter Agenturen führte. Hier widmete sie sich umfangreichen Change-Prozessen, was Initialzündung für die Ausbildung zur systemischen Organisationsberaterin war und den Schritt in die Selbständigkeit ebnete. Parallel dazu leitete sie für viele Jahre die Verbandskommunikation beim Branchenverband FAMAB. Sie ist Organisationsberaterin und Gründungsmitglied der She Means Community (in Gründung), die mehrere Initiativen zur Förderung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern unter sich vereint.

Was bedeutet das für uns als Gesellschaft?

Das bedeutet, dass wir als Gesellschaft viele Potenziale nicht nutzen, die für die Zukunft unserer Gemeinschaft von elementarer Bedeutung sind. Gerade jetzt, in einer Zeit wo vieles auseinanderdriftet, ist es wichtig zu verbinden, sich von alten Rollenmustern zu verabschieden und sich gegenseitig zu stärken, anstatt sich klein zu halten. Nur so können wir die großen Herausforderungen unserer Zeit meistern. Dieser Change ist eine Aufgabe, der wir uns alle stellen müssen, denn neben wichtigen Veränderungen auf politischer und wirtschaftlicher Ebene, die Diskriminierung im System verhindern, geht es auch darum, ganz undogmatisch und im Real Life ein neues Miteinander einzuspielen. Das erfordert Mut, Offenheit, die Fähigkeit zur Selbstreflektion und das gegenseitige Vertrauen von Frauen und Männern. Dann kann es gelingen. Gemeinsam.

Sechs Schritte eines Diversity Managements mit Karin Ruppert

Im Podcast von Frank Schlieder von der „Fabrik Für Immer“ beschreibt Organisationsberaterin Karin Ruppert sechs Stufen zum Diversity Management: Visionsfindung, Zielsetzung, Analyse der Situation, Strategieausarbeitung, Mitarbeiter ins Boot holen und Maßnahmenplanung

Hat die Coronakrise die Themen Diversity, Gender Equality und Female Empowerment gestärkt oder geschwächt?

Corona hat viele Missstände noch stärker sichtbar gemacht und damit auch das Thema Gleichstellung von Mann und Frau. In einigen Bereichen scheint es so, dass wir stärker in alte Geschlechterrollen zurückgefallen sind. Beispielsweise übernehmen in vielen Familien Frauen immer noch einen Großteil der Sorgearbeit. Das ist in Zeiten von Homeoffice, Homeschooling und eingeschränkten sozialen Kontakten für viele Frauen eine riesige Herausforderung. Ganz zu schweigen von der Situation Alleinerziehender, die ohne funktionierendes Betreuungsangebot den Spagat zwischen Arbeit und Kindererziehung nur sehr schwer ausbalancieren können. Dieses Ungleichgewicht ist stärker in das Bewusstsein vieler Menschen gerückt. Jetzt ist es wichtig, über die Learnings zu sprechen und an welchen Stellschrauben wir drehen müssen, um nach der Krise gestärkt einen Neustart zu gestalten, der diese Ungleichheiten auflöst. Die öffentliche Diskussion über Diversity, Gender Equality und Female Empowerment hat in meiner Wahrnehmung innerhalb des letzten Jahres stark zugenommen, wie auch das Bedürfnis vieler Menschen über alternative Zukunftsmodelle nachzudenken. Ein Grund, weshalb soziale Nachhaltigkeit gerade in der Wirtschaft heiß diskutiert wird.

Der Neustart ist für die Veranstaltungswirtschaft das große Thema. Im Juni fällt wegen der Pandemie die BOE – internationale Fachmesse für Erlebnismarketing erneut aus. Du hast mit Sabine Loos, Veranstalterin und Hauptgeschäftsführerin der Messe Dortmund, über den „Neustart der Eventindustrie – Wie Frauen den Wandel gestalten!“ gesprochen. Welche drei Takeaways hast du?

Erstens, es liegt noch ein weiter Weg vor uns, bevor wir vor allem auf der Führungsebene der Eventindustrie wirkliche Gleichberechtigung erlangen. Was es braucht, sind politische Rahmenbedingung und ein Umdenken in den Führungsetagen der Unternehmen. Zweitens, für den Neustart – der im Moment noch nicht terminierbar ist – ist es wichtiger denn je sich in Netzwerken zusammenzutun und gemeinsam für das Thema Gender Equality zu werben. Drittens, wir sollten Role Models auf den Bühnen der Events noch mehr Sichtbarkeit geben. Schön, dass Sabine Loos hier vorangeht, ihre Formate als Plattform anbietet und engagiert daran mitgestaltet, eine Diskussion anzuregen und Veränderungen für die Branche auf den Weg zu bringen.

RoadToBOE Karin Ruppert trifft Sabine Loos #Neustart​ Eventindustrie:

Wie Frauen den Wandel gestalten

Organisationsberaterin Karin Ruppert spricht mit Sabine Loos, Hauptgeschäftsführerin der Westfalenhallen Unternehmensgruppe, über den Neustart in der Eventindustrie und wie insbesondere Frauen den Wandel gestalten!

Am 21. Mai 2021 wollen ein Dutzend Frauen und du den gemeinnützigen Verein She Means Community gründen. Warum?

Mit der She Means Community machen wir uns stark für Vielfalt, die Gleichstellung der Geschlechter und die Förderung von Frauen. Mit unserem unabhängigen Netzwerk wollen wir Frauen stärken und sichtbar machen, verbinden und weiterbilden. Damit wollen wir einen Beitrag leisten zum Erreichen der Sustainable Development Goals der United Nations, dem SDG #5: Gender Equality.

Bitte stelle die She Means Community kurz vor.

Mit der She Means Community suchen wir den interdisziplinären Austausch und richten uns an Menschen aus allen Berufen, Branchen und Bereichen. Frauen wie Männer sind eingeladen, miteinander in Verbindung zu treten und in den Dialog. Unser Netzwerk She Means Community steht für Kollaboration und eint verschiedene Initiativen: Die Initiative She Means Mentoring möchte dazu beitragen, Frauen auf Ihrem Karriereweg zu unterstützen und richtet sich an weibliche Mentees. Dazu werden Frauen und Männer eingeladen als Mentorinnen und Mentoren aktiv zu werden. Wir freuen uns, dass uns drei wunderbare Schirmfrauen unterstützen: Bettina Metz, Geschäftsführerin von UN Women Nationales Komitee Deutschland e.V., Carina Bauer, CEO der IMEX Group, und Sabine Loos. Die Konferenz She Means Business zu Diversity, Gender Equality und Female Empowerment war der Grundimpuls für die Bildung unserer Gruppe. Sie findet zu den Fachmessen IMEX in Frankfurt und IMEX America in Las Vegas statt und dieses Jahr erstmals im Rahmen der Connecting People am 16. Juni 2021. Initiatoren sind die tw tagungswirtschaft und die IMEX Group. Die Weiterbildungs-Initiative She Means Education flankiert diese Themen. Unsere Plattform wird das Herz unserer Community sein mit Meetups, Mentoring-Speed-Datings und Education-Sessions. Selbst wenn aktuell die Vernetzung online stattfindet, sobald es Präsenzveranstaltungen geben wird, bringen wir die Community auf ausgewählten Events zusammen.

Foto: Kerstin Wünsch

Die Gründungsmitglieder des gemeinnützigen Vereins She Means Community (in Gründung)

Doreen Biskup, Stellvertretende Vorstandsvorsitzende VDVO e.V., Lisa Jeller, Head of Events & Sponsorship EventMobi, Tanja Knecht, Markenbotschafterin IMEX Group, Jeannine Koch, Geschäftsführende Vorstandsvorsitzende media:net berlinbrandenburg e.V. und Co-Geschäftsführerin MediaTech Hub Potsdam, Heike Mahmoud, COO, CCH Congress Center Hamburg, Regina Mehler, Gründerin von 1st Row und der Women Speaker Foundation, Karin Ruppert, Organisationsberaterin, Tanja Schramm, Geschäftsführerin Meet Germany, Gabriela Schweinberger, International Coach, Trainer and Mentoring Expert, Ulrike Tondorf, Head of Brand Activation & Engagement bei Bayer, Vera Viehöfer, Director Live-Marketing Ereignishaus, Kerstin Wünsch, Chefredakteurin tw tagungswirtschaft, Simone Zimmermann, Rechtsanwältin lawfluent & Textcoach textfluent

Braucht es noch einen Verein?

Unser Netzwerk ist in den letzten Jahren sehr organisch gewachsen, weshalb wir diesem jetzt eine offizielle Form geben möchten, denn die Ideen, die aus dem Gründungskreis entstanden sind und sich immer noch weiterentwickeln, ziehen immer größere Kreise. Zwischendrin haben wir durchaus gehadert und überlegt, ob wir den Schritt wirklich gehen sollen, aber das Engagement der Gruppe hat nicht nachgelassen. Im Gegenteil: uns wurde irgendwann klar, dass es für uns der nächste logische Schritt ist, zu gründen. Unsere Angebote richten sich an alle, die sich aktiv zu den Themen Diversity, Gender Equality und Female Empowerment einbringen möchten. Die Weiterentwicklung unserer Initiativen ist sehr stark davon abhängig, wie viele Menschen mitmachen werden. Wir werden jetzt den Grundstein legen und sind gespannt, wie viele Menschen wir begeistern können.

Wie kann ich mitmachen?

Interessierte Frauen und Männer können unserer Community beitreten und sich engagieren, z. B. als Mentorinnen und Mentoren. Das sind erfahrene Persönlichkeiten, die ihr berufliches und persönliches Wissen mit einer Person teilen, die sich weiterentwickeln möchte. Eines der Ziele ist es, weibliche Mentees bei der Entwicklung ihrer beruflichen Identität zu unterstützen und sie beim Reflektieren ihrer aktuellen beruflichen Situation zu begleiten. Darüber hinaus kann eine Mentorin oder ein Mentor einem Mentee Zugang zum eigenen Netzwerk geben und sie mit den Regeln der jeweiligen Industrie vertraut machen. Und natürlich kann man als Mentee Teil der Community werden. Mentees sind Frauen, die von einer erfahrenen Persönlichkeit im Rahmen ihrer beruflichen Weiterentwicklung lernen möchten. Durch das Mentorship erhalten Mentees Rat und Unterstützung auf ihrem Karriereweg. Themen können sein: Karriereplanung und Entwicklung von persönlichen Fähigkeiten, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Umgang mit Krisen und Work-Life-Balance. Außerdem sind wir auf der Suche nach Unternehmen oder Organisationen, die unser Engagement als Förderinnen unterstützen und damit ein Zeichen setzen für Vielfalt in der Arbeitswelt. Wer sich hier angesprochen fühlt und Fragen hat, kann sich gerne persönlich mit mir in Verbindung setzen. Den offiziellen Launch planen wir für Juni.

Bei der Konferenz She Means Business sprichst du in der Session „Damenwahl: Frauen suchen das Gespräch mit den Männern“. Was möchtest du, dass die Männer mitnehmen?

Ich möchte in der Session dafür werben, den Wandel hin zu mehr Gleichstellung gemeinsam zu gestalten. Es geht darum, unser Zusammenspiel neu auszurichten. Dafür braucht es mutige Männer, die über ihre Erfahrungen berichten und die selbst zu Impulsgebern für Gender Equality werden. Denn die Geschlechterrollen verändern sich ja auf beiden Seiten, und wir können viel mit- und voneinander lernen.

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