Interview Dr. Stefan Moritz

„Es herrscht eine zu große Mutlosigkeit“

Dr. Stefan Moritz ist Leiter der Abteilung Klinische Infektiologie am Universitätsklinikum Halle (Saale). Der Mediziner hat bereits im vergangenen Jahr die Studie Restart-19 geleitet und ist nun im Projekt „Sportveranstaltungen mit Besuchern in Leipzig involviert. Foto: Dr. Stefan Moritz

Dr. Stefan Moritz, Leiter der Infektiologie des Universitätsklinikums Halle (Saale), über Modellprojekte mit Besuchern, Hygienekonzepte, fehlenden Mut auf der einen, mangelnde Kompromissbereitschaft auf der anderen Seite und die Notwendigkeit jetzt Szenarien zu testen, um nicht wieder „der Pandemie hinterher zu laufen“.

tw tagungswirtschaft: Eventprofessionals blicken gebannt auf Modellprojekte, wie zum Beispiel auf „Sportveranstaltungen mit Besuchern in Leipzig“. Was genau passiert bei diesem Projekt?

Dr. Stefan Moritz: Im Prinzip geht es darum, eine fundierte Schnelltestlogistik zu identifizieren und zu prüfen. In unserem Modellprojekt gibt es zwei Sparten: Einmal Outdoor-Veranstaltungen – hier testen wir bei einem Fußballspiel des Bundesligisten RB Leipzig – und einmal Indoor-Veranstaltungen – dabei testen wir bei einem Handballspiel des SC DHfK Leipzig. Beide Veranstaltungen sind mit jeweils 1.000 Teilnehmern geplant. Die logistische Herausforderung dabei ist es, das Konzept so umzusetzen, dass wir möglichst zeitnah Schnelltestergebnisse haben. Zu beachten ist aber, dass bei den von uns genutzten medizinischen Tests sehr, sehr hohe Sicherheitsstandards gesetzt sind. Würde zum Beispiel nur einmal ein medizinischer Test vertauscht – positiv gegen negativ – könnten die Konsequenzen im schlimmsten Falle verheerend sein. Deswegen sind die Fehlerquoten, die wir erreichen wollen, wesentlich niedriger angesetzt als bei vergleichbaren Projekten.

Welches Ziel verfolgen Sie mit dem Projekt?

Im Grunde ist das Ziel, innerhalb der geringstmöglichen Zeit eine höchstmögliche Anzahl an Personen abstreichen und testen zu können, die Ergebnisse so sauber zu übertragen, dass bei der Übermittlung keine Fehler entstehen und dass es logistisch so geregelt ist, dass diese 1.000 Personen beim Warten auf das Ergebnis – und somit auf den Einlass – nicht in großen Gruppen zusammenstehen und sich gegebenenfalls ausgerechnet dabei anstecken. Allein das ist eine große Herausforderung. Zudem müssen wir den Einlass dann so gestalten, dass wir die Testdaten schnell miteinander verknüpfen, um im Nachhinein in der Lage zu sein, alle Vorgänge plausibel nachvollziehen zu können. Etwa wie es sein kann, dass sich eine Person auf der Veranstaltung infiziert, obwohl alle Sitznachbarn ein negatives Testergebnis hatten.

Und welche Werte werden untersucht?

Letztlich wollen wir sehen, wie sich das Testprozedere auf den Veranstaltungsbetrieb auswirkt: Wie lange dauert der Einlass? Ist es logistisch zu stemmen? Wieviel Personal wird benötigt? Zudem wollen wir mehr über die Akzeptanz der Besucher erfahren. Sind die Menschen bereit, gewisse Einschränkungen für einen Besuch in Kauf zu nehmen und eventuell einen höheren Preis für einen PCR-Test zu bezahlen? Die wissenschaftliche Begleitung konzentriert sich auf die Machbarkeit sowie die Identifizierung von Schwachpunkten. Darüber hinaus soll geprüft werden, ob die Daten zusätzliche Informationen über das Infektionsgeschehen liefern, wie die Testqualität im Kontext eines Veranstaltungsbesuches ist und wie die Digitalisierung und Automatisierung in den Prozessen der Massentestung und Datenübermittlung funktionieren.

„Wir müssen jetzt die Szenarien schaffen, wie wir beim Abflauen der dritten Welle Dinge wieder ermöglichen.“

Gibt es bereits aussagekräftige Ergebnisse?

Leider nicht, denn obwohl die Projekte für den 1. April geplant waren, durften wir sie bislang nicht durchführen. Die Genehmigung der Stadt Leipzig wird derzeit stets verschoben. Wir bekommen keine Zusage dafür, wann wir starten können.

Nun, bei der derzeitigen dynamischen Lage und leider wieder steigenden Inzidenzen (Anm. d. Red.: das Interview fand am 21. April statt) ist es ja nachvollziehbar…

Nein, diese Entschuldigung lasse ich nicht so gelten. Unser größtes Problem hinsichtlich der Pandemiebekämpfung in Deutschland ist, dass wir zeitlich permanent hintendran sind. Wir sind zu langsam und laufen der Pandemie immer hinterher. Wir müssen jetzt die Szenarien schaffen, wie wir beim Abflauen der dritten Welle Dinge wieder ermöglichen. Dazu müssen jetzt Studien gemacht, Untersuchungen und Modellprojekte durchgeführt werden, um später eben verlässliche Daten zu haben, wie was bei welchem Infektionsgeschehen durchgeführt werden kann. Wenn wir jetzt wieder so zögerlich agieren, haben wir erst dann Ergebnisse, wenn die Welle ohnehin abgeflacht ist und im schlimmsten Fall Ergebnisse mit wenig Aussagekraft, weil man nicht den Mut gehabt hat, das Projekt zur richtigen Zeit durchzuführen. Das Prozedere dauert einfach zu lang.

Vermutlich möchte niemand die Verantwortung übernehmen.

Aber genau das ist das Problem. Es herrscht einfach eine zu große Mutlosigkeit. Als wir die Studie Restart-19 durchgeführt haben, haben wir ja ein Zeichen gesetzt, indem wir früh Tests durchgeführt, Konzepte geprüft und Ergebnisse evaluiert haben, die nachgewiesen haben, dass mit einem entsprechenden Hygienekonzept auch bei einer hohen Inzidenz gewisse Dinge möglich sind. Diese Konzepte würden wir ja jetzt beim Modellprojekt anwenden. Es ist ja nicht so, dass wir bei null anfangen. Dazu kommt ja auch noch der Schnelltest. Wir haben summa summarum ein deutlich ausgefeilteres Konzept als bei durchgeführten Veranstaltungen im vergangenen Jahr. Die Angst, Fehler zu machen, hat zur Konsequenz, dass wir wieder keine Konzepte haben für den Zeitpunkt, an dem wir sie brauchen. Wir sind wieder einmal zu langsam.

Forschungsprojekt Restart-19

Im vergangenen Sommer untersuchte das Forschungsprojekt Restart-19 der Universitätsmedizin Halle (Saale) unter anderem bei einem Konzert mit Sänger Tim Bendzko, unter welchen Bedingungen Hallenveranstaltungen mit Publikum wieder stattfinden könnten. Die Ergebnisse der damaligen Studie sind an dieser Stelle noch einmal zusammengefasst.

Wo sehen Sie grundsätzliche Schwachpunkte bei Hygiene- und Schutzkonzepten?

Erst einmal der Kontext, in dem ein Konzept angewandt wurde. Was ja oftmals von der Veranstaltungsbranche als Argument für eine Öffnung angeführt wird, sind Events, bei denen gewisse Konzepte eingesetzt wurden, bei denen die Umsetzung reibungslos funktioniert habe und es letztlich keine Ansteckungen gegeben habe. Diese Beispiele sollen dann als Beweis gelten, dass Veranstaltungen auch in einer Pandemie sicher durchzuführen seien. Und das kann ich so nicht unterschreiben. Was nämlich gerne vergessen wird, ist die Tatsache, dass eine Vielzahl dieser Veranstaltungen im vergangenen Sommer stattgefunden hat, als wir eine Inzidenz irgendwo zwischen 5 und 15 hatten. Die Wahrscheinlichkeit, sich in so einer Situation bei einem Event zu infizieren, ist ja verschwindend gering. Insofern hat die Anwendung eines Konzeptes in einem risikoarmen Umfeld eigentlich keine Aussagekraft.

Also?

Also müssen wir erstmal davon ausgehen, dass ein Konzept einer gewissen Belastungsprobe ausgesetzt sein muss, um überhaupt Schwachstellen offenbaren zu können. Wenn dies der Fall ist, dann ist die dezidierte Betrachtung von Kontakten ein möglicher Schwachpunkt. Das Augenmerk liegt ja darauf, welche Ansteckungsgefahr bei einem Langzeitkontakt herrscht. Hier konzentriert man sich natürlich etwa auf Sitznachbarn. Was bei Konzepten daher unbedingt beachtet werden muss, sind Bereiche wie der Einlass oder das Catering. Falls ich – aus nachvollziehbaren Gründen – lange Wartezeiten habe, muss gewährleistet sein, dass dabei keine Langzeitkontakte entstehen, die ich gar nicht auf dem Schirm habe. Ein weiterer Schwachpunkt ist die stringente Umsetzung. Man muss nämlich unbedingt darauf achten, dass die Maßnahmen, beispielsweise Speisen und Getränke auf dem eigenen Sitzplatz zu konsumieren, auch eingehalten werden. Dazu braucht es viel Personal, das die Umsetzung überwacht und gewährleistet. Bei den Veranstaltungen, bei denen ich involviert war, haben wir sogenannte Hygiene-Stewards eingesetzt.

Was denken Sie als Mediziner, wenn Sie Forderungen aus Kreisen der Messe- und Kongressbranche, Hotellerie und Gastronomie nach Öffnungsperspektiven hören?

Ich glaube, dass mehr möglich ist, als letztlich durchgeführt wird. Aber nicht alle Veranstalter sind kompromissbereit genug, um Konzepte zu erstellen, die auch in einer Pandemie tragfähig sind. Es gibt einige, die am liebsten alles machen würden wie vor der Pandemie. Doch klar ist: Ohne Einschränkungen funktionieren keine Veranstaltungen. Wir müssen dafür gewisse Veränderungen, auch unangenehme, in Kauf nehmen. Manchmal sind Argumente sogar ärgerlich für uns Mediziner. Wenn im vergangenen Jahr etwa von den „Ärzten“ in den Tagesthemen oder von Herbert Grönemeyer bei „Aspekte“ gesagt wird, dass sich Konzerte mit Abstand und Maske nicht richtig anfühlen, dann muss ich erwidern, dass sich noch ganz viele andere Sachen seit einem Jahr nicht richtig anfühlen. Konzerte, wie man sie kennt, sind derzeit schlicht und ergreifend sehr, sehr riskant für viele Menschen. Insofern noch einmal: In gewissen Fällen fehlt die nötige Kompromissbereitschaft.

„Unser größtes Problem hinsichtlich der Pandemiebekämpfung in Deutschland ist, dass wir zeitlich permanent hintendran sind.“

Jetzt haben wir häufig über die sogenannte Inzidenz gesprochen. Was sind denn aus medizinischer Sicht weitere wichtige Bemessungs-Kennzahlen, die die sichere Durchführung einer Veranstaltung gewährleisten?

Das Robert-Koch-Institut hat bereits im Februar entsprechende Vorschläge gemacht für alternative Zahlen. Da geht es um die Belegung der intensivmedizinischen Einrichtungen, Neuaufnahmen auf Intensivstationen, die Anzahl beatmeter Patienten, die Krankenhausauslastung oder die Anzahl der Erkrankten über 60 Jahre. Das sind Parameter, die man heranziehen könnte und dann mit der Inzidenz kombinieren könnte. Alleine die Inzidenz reicht in meinen Augen nicht!

Nähme man den Nachweis einer Impfung oder überstandenen COVID-19-Erkrankung bei Besuchern sowie eine klare Test-Strategie bei den anderen Teilnehmern und ein genehmigtes Hygiene-Konzept als Grundlage für eine Veranstaltung – könnte man diese dann unabhängig von Inzidenzwert, Reproduktions-Zahl und Krankenhausauslastung durchführen?

Schwierig. Das muss erst einmal zur gesamtpolitischen Lage passen. Wenn ein Lockdown herrscht, in dem Kontakte reduziert werden sollen, dann ist eine Veranstaltung nicht mit den allgemein geltenden Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung vereinbar. Und dann gilt es zu beachten, dass das jeweilige Hygienekonzept, das ich habe, auch zur gegenwärtigen Infektionslage passt, sprich, dass beispielsweise die Auslastung meiner Location mal bei 50 und mal bei 25 Prozent liegen kann. Ganz so einfach ist es also nicht und komplett unabhängig von den von Ihnen genannten Parametern lässt sich eine Veranstaltung nicht durchführen. Wenn aber das Hygienekonzept mit dem Infektionsgeschehen vereinbar ist, dann lassen sich Veranstaltungen relativ sicher durchführen, ohne dass es signifikante Auswirkungen auf die Pandemie hätte.

Worauf sollte man derzeit achten, wenn man ein Veranstaltungskonzept erstellt?

Im Moment ist es aus meiner Sicht utopisch, mit einer 100-prozentigen Auslastung der Kapazitäten zu planen. Grundsätzlich müssen die Konzepte, was Restriktionen wie Maskenpflicht und Abstand sowie die Auslastung angeht, an das jeweils vorherrschende Infektionsgeschehen angepasst sein. Das lässt sich natürlich nicht im Vorfeld planen, weswegen man mehrgleisig planen muss. Die größte Herausforderung wird es sein, den Ort der Veranstaltung festzulegen, wenn ich kurzfristig viel mehr oder viel weniger Besucher zulassen darf oder muss.

Mit der gegenwärtigen Dynamik werden wir noch eine Weile leben müssen, oder?

Ja, aber dennoch wird uns die Impfstrategie sehr dabei helfen, dass die Dynamik nicht mehr so hoch ist. Und das in nicht allzu ferner Zukunft. Da bin ich optimistisch gestimmt.

Glauben Sie, dass sich durch die Pandemie das Verhalten von Menschen auf Veranstaltungen ändern wird?

Vielleicht kurzfristig. Es mag sein, dass einige Menschen gestiegene Ansprüche hinsichtlich der Platzverhältnisse oder einer Belüftung haben werden. Aber im Grunde genommen ist der Mensch ein soziales Wesen, das gerne Kontakte hat, weswegen wir relativ schnell eine gewisse Unbeschwertheit sehr genießen werden und sich so viel am Verhalten nicht ändern wird.

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