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Editorial

Kerstin Wünsch

Chefredakteurin tw tagungswirtschaft kerstin.wuensch@dfv.de

Sind Sie schon geimpft?

Jetzt kann es schnell gehen: Bis zu einer Million Menschen werden in Deutschland pro Tag geimpft. Mittlerweile vollständig geimpft sind 7.813.381 Personen (9,4 % der Bevölkerung), 27.286.227 Personen (32,8 %) haben mindestens eine Impfdosis erhalten. Wer gegen das Coronavirus geimpft oder von der Erkrankung genesen ist, genießt Erleichterungen. Geimpfte und Genesene können sich mit anderen treffen und werden bei diesen Treffen nicht mitgezählt. Das beschlossen Bundestag und Bundesrat in der „Verordnung zur Regelung von Erleichterungen und Ausnahmen von Schutzmaßnahmen zur Verhinderung der Verbreitung von COVID-19 (COVID-19-Schutzmaßnahmen-Ausnahmenverordnung – SchAusnahmV)“. Nomen est omen: Es ist kompliziert.

Gilt es doch die Interessen von 83 Millionen Menschen abzuwägen: die Grundrechte des Einzelnen gegen die Gesundheit aller. Weil vielen von uns das zu komplex ist, reduzieren wir diese Komplexität und argumentieren mit anekdotischer Evidenz. Etwa: Meine Schwester hat einen Kollegen, dessen Mutter hatte Corona, aber keine Symptome… Anders der, dessen Mutter an Corona gestorben ist. Je nach Situation und Betroffenheit zieht jeder seine Schlüsse. Zermürbt von der Dynamik der Ereignisse entzweien wir uns oder entziehen uns. Durch den Lockdown sind wir in uns „gefangen“ und beschäftigen uns mit uns selbst. Uns fehlt das Miteinander und es wird höchste Zeit, dass wir uns wieder treffen können und austauschen – vor allem mit Menschen außerhalb unserer (Filter-)Blase.

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Und da bin ich wieder bei der Frage des Monats: Privilegien für Geimpfte und Genesene – ja oder nein? Wenn ja, welche und ab wann? Was denken Sie darüber? In der repräsentativen Umfrage von infratest dimap für den ARD-Deutschlandtrend finden 55 Prozent der Befragten, dass solche Lockerungen für Geimpfte und Genesene in die richtige Richtung gehen, sind aber geteilter Meinung, was den richtigen Zeitpunkt angeht. Ich meine: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt! Jeder, der geimpft ist, sollte raus gehen können ins Leben; in die Innenstädte und Geschäfte, in die Hotels und hoffentlich bald wieder in die Kongresshallen.

Die Zeichen für die Veranstaltungswirtschaft stehen gut: Die Zahl der Impfungen steigt, die der Infektionen sinkt und mit ihr die Inzidenz. Brüssel erwägt für Reisende, die geimpft oder genesen sind, das Green Certificate, Berlin erlässt Erleichterungen, die Bundesländer Lockerungen. Wir haben gelernt, wie wir Abstand halten und eine Mund-Nase-Bedeckung tragen. Selbst wenn mich das Pandemiejahr vorsichtigen Optimismus gelehrt hat: Das sind gute Nachrichten!

Jetzt geht es darum, das Vertrauen der Teilnehmer in Veranstaltungen zurückzugewinnen. Nur fehlen uns noch immer praxistaugliche Daten zu den Orten der Ansteckung und eine Perspektive. Mögliche Öffnungsschritte hat das Robert-Koch-Institut bereits im Februar in seinem Stufenplan beschrieben. Dort steht, dass die automatische Kopplung der Intensitätsstufen an einen einzelnen Indikator nicht ausreichend ist. „Alleine die Inzidenz reicht in meinen Augen nicht“, bekräftigt Dr. Stefan Moritz im Interview. Der Leiter der Infektiologie des Universitätsklinikums Halle (Saale) bemängelt: „Unser größtes Problem hinsichtlich der Pandemiebekämpfung in Deutschland ist, dass wir zeitlich permanent hintendran sind. Wir sind zu langsam und laufen der Pandemie immer hinterher. Wir müssen jetzt die Szenarien schaffen, wie wir beim Abflauen der dritten Welle Dinge wieder ermöglichen.“ Dazu sind jetzt Studien und Untersuchungen und Modellprojekte nötig. Modellprojekte in Halle, Leipzig oder Mannheim wollen Wege aufzeigen, wie Events trotz der Pandemie durchführt werden können.

Wenn das geschafft ist, sollten wir einen erneuten weiteren Nachweis führen: Was tragen Kongresse und Messen zu Wirtschaft und Wissenschaft und Wohlstand bei? Ich denke nicht (nur) an die Frage nach dem ROI (Return on Investment), sondern Fragestellungen wie: Wie wirken wissenschaftliche Konferenzen bei der Forschung und Entwicklung von Impfstoffen mit? Beim COVID-19 mRNA-Impfstoff gibt es eine enge Verbindung. Das zeigt die Geschichte von Biontech, der Association for Cancer Immunotherapy (CIMT), ihren Annual Meetings, Mainz und mainzplus Citymarketing. Gerade findet in der Universitätsstadt das 18th CIMT Annual Meeting statt. Die Pandemie ist Programm, nicht weil sie die Präsenz der Forscher und Wissenschaftler verhindert, sondern weil Ugur Sahin die Keynote hält: „Scientific journey of developing an mRNA coronavirus vaccine“.

Ja, genau, Prof. Ugur Sahin. Der CEO von Biontech und seine Frau, Dr. Özlem Türeci, Chief Medical bei Officer Biontech, sind mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet worden. In ihrer Dankesrede sagt Özlem Türeci: „Im Wettlauf Welt gegen Virus war für uns die Maxime, einen Impfstoff zu entwickeln, der wirksam und auch verträglich ist ohne Abkürzung und indem wir den höchsten ethischen und wissenschaftlichen Standards folgen.“ Es galt, das scheinbar Unmögliche möglich zu machen. Die Medizinerin beschreibt die internationale Kraftanstrengung und ihre gelernten Prinzipien, die es nun zu beherzigen gelte: „Was wir durch diese Krise bereits gelernt haben, ist, dass ein Unterschied gemacht werden kann, nämlich durch Mut gepaart mit Demut, durch Professionalität gepaart mit Pragmatismus und durch ein Miteinander gepaart mit radikaler Verantwortungsübernahme eines jeden Einzelnen.“

Özlem Türecis Worte begleiten mich seither, erst recht, wenn ich mich am 31. Mai 2021 auf den Weg zur Messe Berlin mache und mich mit dem Impfstoff von Biontech impfen lasse.

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