Bemessungswerte

Im Nebel der Inzidenz

Dummy "Oleg" sitzt zwischen den Teilnehmern des Modellprojektes SAFE und misst die Aerosole im Raum. Foto: m.con

Modellprojekte in Leipzig oder Mannheim wollen Wege aufzeigen, wie Veranstaltungen trotz der Pandemie durchgeführt werden können. Dass dabei nicht nur wie bisher auf den Wert der 7-Tagesinzidenz geschaut werden müsste, hat das Robert-Koch-Institut bereits im Februar erklärt.

„Ein Jahr nach Beginn der Pandemie fehlen uns in Deutschland immer noch wichtige praxistaugliche Daten: Wer steckt sich wo wie an? Und wie können Konzepte aussehen, mit denen auch unter Pandemie-Bedingungen Menschen Sport- oder Kulturveranstaltungen besuchen können?“, fragt Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung. Das versucht das Modellprojekt „Sportveranstaltungen mit Besuchern in Leipzig“ herauszufinden. „Daher beteiligen wir uns an diesem Modellprojekt, das der Freistaat ins Leben gerufen hat. Wir müssen Antworten auf diese Fragen finden, nur so können wir den Menschen eine Perspektive aus der Pandemie heraus aufzeigen.“

Diese Perspektive fehlt komplett für die Veranstaltungsbranche, die weiter im Lockdown verharrt. Einem Lockdown, der ausschließlich an den Inzidenzwert geknüpft ist. Dass das nicht unbedingt nötig ist, hat das Robert-Koch-Institut (RKI) bereits im Februar in einem Stufenplan für mögliche Öffnungsschritte veröffentlicht. Darin weist das RKI ausdrücklich auf „die Notwendigkeit einer klaren Zielstellung und transparenten Perspektive für die nächsten Monate" hin und schreibt: „Die automatische Kopplung der Intensitätsstufen an einen einzelnen Indikator (wie z. B. Inzidenz) ist nicht ausreichend, um die Komplexität des Infektionsgeschehens sowie die tatsächliche Belastung des Gesundheitssystems und die Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung durch COVID-19 abzubilden.“ Das veröffentlichte „Intensitäts-Stufenkonzept“ legt den Fokus auf folgende Indikatoren, die bei der Diskussion über Verschärfung oder Lockerung der Maßnahmen zu berücksichtigen seien:

  • Die 7-Tagesinzidenz pro 100.000 Einwohner/innen,
  • Anteil intensivmedizinisch behandelter COVID-19-Fälle an der Gesamtzahl der betreibbaren Bettenkapazität auf Intensivstationen
  • Die wöchentliche Inzidenz hospitalisierter Fälle unter den über 60-Jährigen (pro 100.000)
  • Dem Anteil der Kontaktpersonen („KoNa“ in Stufenkonzept), die nachverfolgt werden können
  • Zusätzlich zu den Kernindikatoren sollten weitere Rahmenbedingungen berücksichtigt werden: R-Wert; der Anteil neuer Varianten; der Anteil der Fälle ohne ermittelbare Infektionsquelle; Anzahl, Größe und Setting der Ausbruchsgeschehen.

Stufenplan des RKI

Hier finden Sie den Stufenplan des RKI „ControlCOVID Strategie und Handreichung zur Entwicklung von Stufenkonzepten bis Frühjahr 2021“ zum Download.

„Alleine die Inzidenz reicht in meinen Augen nicht“, sagt auch Dr. Stefan Moritz, Leiter der Infektiologie des Universitätsklinikums Halle (Saale), der das Leipziger Modellprojekt wissenschaftlich begleitet. Dabei sollen sowohl eine Indoor- als auch eine Outdoor-Veranstaltung mit jeweils 1.000 Personen mit Hygienekonzept durchgeführt werden. „Im Prinzip geht es darum, eine fundierte Schnelltestlogistik zu identifizieren und zu prüfen“, beschreibt Dr. Moritz. „Die wissenschaftliche Begleitung konzentriert sich auf die Machbarkeit sowie die Identifizierung von Schwachpunkten.“

Die Branche blickt gespannt auf das Projekt, das ab 1. April im Rahmen eines Fußballspiels (im Freien) des RB Leipzig und eines Handallspiels (in der Halle) des SC DHfK Leipzig hätte starten sollen. Doch leider fehlt aufgrund des derzeitigen Infektionsgeschehens die Genehmigung es umzusetzen. Verständlich? Das will Moritz aber nicht als Entschuldigung gelten lassen. „Unser größtes Problem hinsichtlich der Pandemiebekämpfung in Deutschland ist, dass wir zeitlich permanent hintendran sind. Wir sind zu langsam und laufen der Pandemie immer hinterher. Wir müssen jetzt die Szenarien schaffen, wie wir beim Abflauen der dritten Welle Dinge wieder ermöglichen“, macht er seinen Standpunkt deutlich. „Dazu müssen jetzt Studien gemacht, Untersuchungen und Modellprojekte durchgeführt werden, um später eben verlässliche Daten in der Hand zu haben, wie was bei welchem Infektionsgeschehen durchgeführt werden kann“, spricht Moritz den Playern der Branche aus der Seele.

Advertisement

image

„Wir appellieren an die Bundesländer, schnellstens Rahmenbedingungen zu definieren, unter denen Messen wieder stattfinden können“, zeigt sich etwa Jörn Holtmeier, Geschäftsführer des Auma – Verband der deutschen Messewirtschaft von der am 21. April vollzogenen Änderung des Infektionsschutz- Gesetzes enttäuscht. Es sei nicht nachvollziehbar, dass die Politik nicht in der Lage sei, aus den absehbaren Erfolgen der Impfkampagne, begleitet von einem breitflächigen Testangebot ein Planungsszenario abzuleiten. Anhaltendes Zögern führe unweigerlich zu weiteren Messeabsagen im zweiten Halbjahr, so Holtmeier. Bereits jetzt sind über die Hälfte der 380 geplanten Messen des Jahres 2021 gestrichen. „Die Bundesländer müssen jetzt handeln! Es geht um ein Perspektive-Signal! Mindestens zwei Monate Vorlauf sind aufgrund der langen Planungszeiten für Messen nötig. Auch die Möglichkeit zur Durchführung von Modellprojekten auf regionaler Ebene sollte dabei bedacht werden. Diese Projekte werden zusätzlich wieder Vertrauen in eine sichere Durchführung auch größerer Messen aufbauen“.

Fehlende Veranstaltungen belasten die deutschen Unternehmen. Bereits im November 2020 hat eine Befragung von Mitgliedern der Industrieverbände VDMA, ZVEI und Spectaris ergeben, dass drei Viertel der Unternehmen fehlende Chancen zur Gewinnung neuer Kunden aufgrund von Messe-Absagen beklagen. 60 Prozent sahen Einbußen, weil sie Produkte nicht real präsentieren konnten. Das bestätigt die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK). Wie aus der aktuellen DIHK-Umfrage „Going International 2021“ unter rund 2.400 international aktiven deutschen Betrieben hervorgeht, sehen die befragten Betriebe ihre globalen Geschäftsperspektiven auf einem Tiefpunkt: Mehr als drei Viertel der Unternehmen ist von Reiseeinschränkungen betroffen, 69 Prozent leiden unter abgesagten Messen und Veranstaltungen.

Forschungsprojekt Restart-19

Im vergangenen Sommer untersuchte das Forschungsprojekt Restart-19 der Universitätsmedizin Halle (Saale) unter anderem bei einem Konzert mit Sänger Tim Bendzko, unter welchen Bedingungen Hallenveranstaltungen mit Publikum wieder stattfinden könnten.

Das Modellprojekt „Sportveranstaltungen mit Besuchern in Leipzig“ verspricht also großes Potenzial. Zumal die Studie auf Erkenntnissen aus vorigen Modellprojekten aufsetzt. Dr. Stefan Moritz zum Beispiel hat das Forschungsprojekt Restart-19 geleitet. Bei dem Projekt ging es im vergangenen Jahr darum herauszufinden, unter welchen Bedingungen Hallenveranstaltungen mit Publikum wieder stattfinden können, welche Herausforderungen auf Seiten der Veranstalter bestehen und welche Auflagen alle Beteiligten beim Besuch eines solchen Events erfüllen müssen.

Damals wurden bei einem Konzert mit Sänger Tim Bendzko in der Quarterback Immobilien Arena Leipzig die Teilnehmer mit Kontakt-Tracern zur wissenschaftlichen Datenerhebung ausgestattet. Zusätzlich wurden Luftströmungssimulationen durchgeführt. Dabei kam unter anderem heraus, dass die Gesamtzahl der mehrere Minuten langen und damit kritischen Kontakte bei der Veranstaltung nicht sehr hoch ist und durch entsprechende Hygiene-Konzepte erheblich reduziert werden kann. Insbesondere während des Einlasses und der Pausen finden viele Kontakte statt. Daher muss darauf der Fokus bei der Planung liegen.

This video has been disabled until you accept marketing cookies.Manage your preferences here or directly accept targeting cookies

Projektleiter Dr. Stefan Moritz erklärt die Ergebnisse aus dem Modellprojekt "Restart-19".

„Die wichtigste Erkenntnis war für uns, wie groß die Auswirkungen einer guten Belüftungstechnik sind. Diese ist für das Ansteckungsrisiko eine entscheidende Schlüsselkomponente“, so Moritz von der Universitätsmedizin Halle (Saale). Diese Erkenntnisse sind der Strömungssimulation zu verdanken, die gemeinsam mit einem Ingenieurbüro entstanden sind. „Wir haben zusammen mit einem Ingenieurbüro die gesamte Quarterback Immobilien Arena als Computermodell nachgebaut und in kleine Würfel geteilt. Danach haben wir simuliert, wie sich verschiedene Lüftungsvarianten auf die Aerosolversteilung ausgewirkt haben“, erklärt er.

Projektbeschreibung „SAFE – Simulation für die Eventbranche“

Während man nun in Leipzig weiter auf die Freigabe für das Modellprojekt wartet, gibt es in Mannheim in Kürze Ergebnisse aus dem Modellprojekt „SAFE – Simulation für die Eventbranche“ zu erwarten. Die Veranstaltung fand ebenfalls in Anlehnung an die Restart-19-Studie aus Halle statt. Dabei besuchten knapp 300 Gäste am 8. März ein Konzert im Mannheimer Rosengarten unter strengen Sicherheitsmaßnahmen. In Vorbereitung auf die eigentliche Messung der Aerosol- und CO2-Verbreitung im Mozartsaal mussten alle Studienteilnehmer drei verschiedene Coronatests – ein neuartiger Kautest, ein Antigen-Schnelltest sowie ein Riechtest – absolvieren. Für die Teilnehmerregistrierung kam die Luca-App zum Einsatz. Zusätzlich galt eine FFP2-Maskenpflicht und es fand zwölfmal pro Stunde ein kompletter Lufttausch mit 100% Frischluft statt.

„Um die Auswirkungen der Übertragung auf die Ausbreitung der Epidemie in der Bevölkerung insgesamt zu untersuchen, haben wir ein detailliertes epidemiologisches Simulationsmodel entwickelt“, fügt Prof. Dr. Rafael Mikolajczyk vom Institut für Medizinische Epidemiologie, Biometrie und Informatik der Medizinischen Fakultät der Universität Halle. „Wir griffen dabei auf existierende Modelle zur pandemischen Planung zurück und haben es entsprechend angepasst.“ Das Ergebnis: Bei Einhaltung von Hygiene-Konzepten sind die zusätzlichen Auswirkungen auf die Pandemie insgesamt gering bis sehr gering.

„Wir arbeiten von Beginn der Pandemie an eng mit dem Mannheimer Gesundheitsamt zusammen. Tatsächlich wurden wir von diesem sogar zur Durchführung einer Veranstaltungs­simulation motiviert.“

Bastian Fiedler, Geschäftsführer m:con, im Gespräch über das Projekt SAFE und die aktuelle Situation im Mannheimer Rosengarten.

Foto: m:con

Zwischen den im Schachbrettmuster sitzenden Teilnehmern saß Dummy „Oleg“, der die Verbreitung von Aerosolen und CO2 im Saal erfasst hat. Dieser wurde vom Studienpartner Fraunhofer Institut Goslar bereitgestellt. „Wir wollen zeigen, auf welche Art und Weise eine Rückkehr zu Events möglich ist“, sagte Bürgermeister Michael Grötsch. Auch Bastian Fiedler, Geschäftsführer der m:con, ist sich sicher, mit der Modellveranstaltung einen wichtigen Schritt in Richtung Wiedereröffnung von Veranstaltungsstätten getan zu haben: „Wir müssen weg davon, Öffnungsszenarien nur von Inzidenzen und Fallzahlen abhängig zu machen und mehr Wert auf das 3-Säulen-Modell legen: Kontaktnachverfolgung, Teststrategie und Infrastruktur vor Ort.“ Da ist sich Fiedler mit dem Robert-Koch-Institut und Medizinern wie Dr. Stefan Moritz einig.

Share this article