Interview Vaya Wieser-Weber
„Nur so bleibt die Branche langfristig leistungsfähig“
Foto: www.vaya.live
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Vaya Wieser-Weber, Unternehmerin, Autorin und Speakerin für Growth Mindset, emotionale Intelligenz, Change und Transformation hält beim People & Culture Wednesday der IMEX Frankfurt 2026 am 20. Mai (10 bis 11 Uhr) die Keynote zum Thema „Growth Mindset: Die Zukunftskompetenz der Business-Events-Branche“. Im Interview mit Organisatorin Tanja Knecht erklärt sie, warum Lernfragen wichtiger sind als perfekte Antworten – und warum manchmal genau der Mut zählt, Dinge neu zu denken.
Tanja Knecht: Was bedeutet Growth Mindset konkret für die Business-Events-Branche – und warum ist es gerade jetzt so entscheidend?
Vaya Wieser-Weber: Für die Business-Events-Branche bedeutet ein Growth Mindset vor allem eines: nicht auf Stabilität zu hoffen, sondern mit Bewegung rechnen zu können. Events waren schon immer komplex – heute kommen Zeitdruck, neue Technologien, veränderte Kundenerwartungen und wirtschaftliche Unsicherheiten gleichzeitig dazu.
Ein Growth Mindset hilft, Veränderung nicht als Störung zu erleben, sondern als Teil des Geschäftsmodells. Wer davon ausgeht, dass man Dinge lernen, Formate weiterentwickeln und Fehler korrigieren darf, bleibt handlungsfähig. Gerade jetzt ist das entscheidend, weil Planbarkeit abnimmt – Haltung aber bleibt.
Welche konkreten Herausforderungen siehst du aktuell für Teams und Unternehmen in der Eventbranche, und wie kann ein Growth Mindset helfen, diese zu meistern?
Ich sehe drei große Herausforderungen: permanente Veränderung, hoher Erwartungsdruck und emotionale Erschöpfung. Events müssen schneller konzipiert werden, oft mit neuen Tools, hybriden Formaten oder unklaren Rahmenbedingungen. Gleichzeitig soll alles perfekt funktionieren. Ein Growth Mindset entlastet, weil es den Anspruch verschiebt: weg von „es muss sofort sitzen“ hin zu „wir entwickeln das gemeinsam weiter“. Teams, die so denken, trauen sich eher zu experimentieren, sprechen offener über Probleme – und bleiben auch unter Druck kreativ.
Du sprichst über Fehler als Lernchancen – kannst du ein Beispiel aus deiner eigenen Unternehmerpraxis oder aus der Eventbranche teilen, bei dem genau das den Unterschied gemacht hat?
Sehr gerne. Vier Tage nach dem ersten Corona-Lockdown hätten wir als Impulspiloten unser eigenes Live-Event mit 200 Teilnehmenden und sieben Speaker:innen durchgeführt. Alles war organisiert – und plötzlich nicht mehr möglich. Wir haben uns gefragt: Geben wir auf oder übernehmen wir Verantwortung? Diese Entscheidung haben wir damals gemeinsam in der Geschäftsführung getroffen – mit dem klaren Anspruch, handlungsfähig zu bleiben und Verantwortung zu übernehmen. Die Wahl war klar: absagen und Tickets rückabwickeln – oder neu denken. Wir haben uns für Letzteres entschieden und das komplette Event digitalisiert. Innerhalb kürzester Zeit haben wir ein Studio gebaut, das Programm neu gedacht und uns eine zentrale Frage gestellt: Wie entsteht Nähe, wenn Menschen nicht mehr im selben Raum sind?

„Das braucht Mut – auf Kundenseite genauso wie auf Veranstalterseite.“
Vaya Wieser-Weber, Unternehmerin, Autorin und Speakerin
Also haben wir Interaktion neu erfunden. Pausen wurden zu Erlebnisräumen. Unsere Künstler:innen wurden Teil der Formate. Spiele, Quizzes, Showelemente – alles, was Energie schafft. Ideen holten wir uns bewusst auch aus dem TV. Was als Notlösung begann, wurde zu einer echten Lernreise. Das Ergebnis: Wir mussten keine Tickets zurückgeben, hatten eine enorme Lernkurve und gleichzeitig unseren ersten belastbaren Marketing-Case für digitale Events – und damit plötzlich eine neue Perspektive. Kurz danach hatte ich die Idee, die Domains digitale-events.de und hybride-events.de zu sichern – die wir übrigens bis heute haben. Parallel haben wir sehr konsequent auf SEO gesetzt. In den folgenden zwei Jahren haben wir ausschließlich digitale und hybride Events umgesetzt – interaktiv, kreativ und in unserer unkonventionellen Impulspiloten-Art. Wir haben Künstler:innen integriert, Quiz- und Spielformate entwickelt und ganztägige digitale B2B-Events realisiert. Ein Unternehmen, dessen wichtigster Vertriebskanal Messen waren, haben wir beispielsweise mit einem Showformat aus der eigenen Werkshalle weltweit zu seinen Kund:innen gebracht – per Livestream. Unsere Umsätze sind in dieser Zeit deutlich gestiegen. So sind wir Schritt für Schritt zu einer Fullservice-Agentur für hochinteraktive digitale Events geworden. Und dann kam das Ende von Corona – und mit ihm relativ schnell auch das Ende dieses Geschäftsmodells. Aber nicht das Ende unseres Lernens. Für mich ist genau das Growth Mindset: mutig umsetzen, konsequent lernen – und loslassen können, wenn die Zeit vorbei ist. Es ist keine Methode, sondern eine Haltung. Vor allem dann, wenn es hart auf hart kommt.
Wie lassen sich neue Formate, Technologien oder Geschäftsmodelle im oft zeitkritischen Eventumfeld erfolgreich ausprobieren, ohne dass das Tagesgeschäft darunter leidet?
Indem man bewusst mit Pilotformaten arbeitet, klare Lernfragen formuliert und sich im Anschluss Zeit für eine saubere Reflexion nimmt: Was hat funktioniert? Was nicht? Und warum? Nicht alles muss sofort skalieren. Ein Growth Mindset im Eventkontext bedeutet, Lernen gezielt zu ermöglichen – statt alles gleichzeitig neu zu machen. Ein gutes Beispiel dafür sind unsere Mindset Events. Sie sind aus der Beobachtung entstanden, dass viele Veranstaltungen noch immer stark von One-to-many-Kommunikation geprägt sind: eine Anmoderation, dann die Reden der Geschäftsführung, anschließend eine eingekaufte Keynote – und dazwischen parallel laufende Workshops, die oft kaum Interaktion ermöglichen. Wir haben dieses Prinzip bewusst auf den Kopf gestellt. Gerade im Kontext von Organisationsentwicklungsprozessen geht es nicht darum, Menschen zu informieren, sondern sie in Bewegung zu bringen – in Bezug auf Haltung, Zusammenarbeit und Veränderungsfähigkeit. Mindset Events setzen deshalb Partizipation und Interaktion ins Zentrum. Wir kombinieren die Tiefe von Seminararbeit mit der Größe und Energie von Events – also mit 120, 1.200 oder noch mehr Menschen. Innerhalb dieses Rahmens entwickeln wir immer wieder Formate, die echte Beteiligung ermöglichen, statt bloßer Beschallung.

In ihrer Keynote auf der IMEX 2026 spricht Vaya Wieser-Weber zum Thema „Growth Mindset: Die Zukunftskompetenz der Business-Events-Branche“. Start ist um 10 Uhr in der Impact Zone. Foto: www.vaya.live
Das braucht Mut – auf Kundenseite genauso wie auf Veranstalterseite. Ein konkreter Tipp: Beziehen Sie HR, insbesondere Learning & Development, früh mit ein. Dort liegt enormes Know-how darüber, wie Lernen und Interaktion in Gruppen funktionieren. Wenn man dieses Wissen von Seminaren mit zwölf Teilnehmenden auf Eventformate mit hunderten oder tausenden Menschen überträgt, entsteht echte Wirkung. So lassen sich neue Formate entwickeln, ohne das Tagesgeschäft zu gefährden: Lernen wird bewusst organisiert, Verantwortung geteilt – und Innovation findet integriert statt, nicht zusätzlich.
Was sind die ersten Schritte, die Unternehmen in der Eventbranche gehen sollten, um eine resiliente, wachstumsorientierte Denkweise zu fördern?
Der erste Schritt ist Aufmerksamkeit für Denk- und Handlungsgewohnheiten. Wie sprechen wir über Probleme? Über Kund:innen? Über uns selbst? Welche Haltungen prägen unseren Alltag – gerade unter Druck? Der zweite Schritt ist, bewusst Lernräume zu schaffen: in Meetings, in Retrospektiven, im Projektalltag. Nicht nur, um Fehler zu analysieren, sondern um gemeinsam besser zu werden. Und dann gibt es einen Punkt, der mich an der Eventbranche immer wieder fasziniert – und der gleichzeitig große Verantwortung mit sich bringt: Kaum eine andere Branche führt Projekte so konsequent zu Ende. Wenn ein Event am 20. Mai stattfindet, dann findet es am 20. Mai statt. Punkt. Diese Projektstärke ist enorm. Gleichzeitig birgt sie die Gefahr, dass Menschen dauerhaft über ihre Grenzen gehen. Gerade deshalb ist es so wichtig, auf Teams zu achten – und nicht davon auszugehen, dass Engagement automatisch Resilienz bedeutet. Und ja – das beginnt auch schon bei „scheinbaren“ Kleinigkeiten wie bei der Qualität des Team Caterings! Resilienz bedeutet hier auch: Arbeitszeiten ernst nehmen, Wechsel- und Zweitteams einplanen, Pausen ermöglichen und Verantwortung teilen. Und Kund:innen klar zu machen, dass gute Arbeit nur unter fairen Bedingungen entsteht. Ein Growth Mindset in der Eventbranche heißt deshalb nicht, noch mehr zu leisten, sondern bewusster zu führen. Verantwortung zu übernehmen – für Ergebnisse genauso wie für Menschen. Nur so bleibt die Branche langfristig leistungsfähig. Und es ist an uns, Kund:innen zu sensibilisieren, Erwartungen zu klären und Verantwortung zu übernehmen – damit wir als Branche geschlossen für gute Arbeitsbedingungen einstehen.