Interview Anke Odouli

„Frauen müssen Frauen auf Bühnen sehen“

Foto: Messe München GmbH

Foto: Messe München GmbH

Im Interview spricht Anke Odouli, Projektleiterin und Global Industry Lead der Laser World of Photonics, der World of Quantum und des World of Photonics Congress sowie stellvertretende Bereichsleiterin im Geschäftsbereich 3 der Messe München, über ihren Weg von der Kommunikation hin zur Physik, über die besondere Kultur einer forschungsgetriebenen Branche und darüber, weshalb Sichtbarkeit und Vorbilder entscheidend sind, um mehr Frauen für Technik- und Zukunftsfelder zu gewinnen – und welche Rolle Messen dabei spielen können.

m+a report: Sie leiten internationale Fachmessen in einer stark technisch geprägten Branche und haben selbst einmal Publizistik studiert. Wie kam es, dass Sie Ihren Weg in die Welt der Photonik und Quanten gefunden haben? Und was hat Sie dazu gebracht, zu bleiben?

Anke Odouli: Ich bin seit 2007 bei der Messe München, davor war ich bereits für unsere Auslandsvertretung in den USA tätig, wo ich amerikanische Firmen für unsere Messen in München gewinnen sollte. Mein Weg in die Technik begann dann hier in München: zuerst bei der Electronica, 2013 durfte ich dort die Projektleitung übernehmen. Das war mein Einstieg in die Elektronik – dort geht es um alles, was man benötigt, um beispielsweise ein Endprodukt wie ein Smartphone herzustellen: Gehäuse, Leiterplatten, Halbleiter, Kabel. Nach der Geburt unseres ersten Sohnes wechselte ich zur Productronica, also zur Messe für Elektronikfertigung – Pick-and-Place-Maschinen, Fertigungslinien, alles, was Bauteile überhaupt erst entstehen lässt. Nach meiner zweiten Elternzeit kam ich Ende 2019 zurück, und die Projektleitung der Laser World of Photonics wurde mir angeboten. Kurz darauf kam Corona, eine herausfordernde Zeit für alle. Trotzdem haben wir in dieser Phase auch die World of Quantum entwickelt und an den Start gebracht. Die Offenheit, die Zukunftsorientierung, dieser unbedingte Wille, Lösungen zu finden und über Grenzen hinweg zu denken, begeistern mich an den Menschen in der Photonik. Die Quantentechnologie ist nochmal eine eigene Welt – voller Aufbruchstimmung, voller Hype, voller neugieriger Köpfe. Diese Mischung aus Verlässlichkeit, Innovationsfreude und echter Leidenschaft für das, was sie tun, hat mich gepackt. Ich fühle mich in dieser Branche unglaublich wohl. Für mich persönlich ist es genau das Richtige.

Die Photonik und Quantentechnologie sind sehr forschungs- und technikgetrieben. Wie erleben Sie die Kultur in diesen Umfeldern?

Die Industrie und auch die Wissenschaft sind ja unsere Kunden und ich muss sagen: Ich habe dort nie ein „old school“-Herangehen erlebt – ganz im Gegenteil. Wenn mir jemand komplexe physikalische Zusammenhänge erklärt und ich zweimal nachfragen muss, nimmt sich jeder die Zeit, egal aus welcher Altersgruppe. Diese Offenheit, die Geduld, dieses „Wir wollen gemeinsam etwas nach vorne bringen“ schätze ich sehr.

Anke Odouli. Foto: BMFTR / Uwe Völkner

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich nicht direkt aus der Branche komme, sondern Messe mache, also einen Marktplatz für diese Branche schaffe. Unsere Hallen sind ja zunächst einmal völlig unspektakulär: 11.000 Quadratmeter, leer, keine Säule, nichts. Aber wenn die Aussteller kommen, wenn die Partner da sind und zeigen, was sie können, wenn die Besucherinnen und Besucher eintreffen – dann entsteht Energie. Und das ist der Moment, der mich jedes Mal begeistert: Wenn trotz aller wirtschaftlichen Unsicherheiten diese positive Spannung entsteht, dieses Knistern in der Luft. So war es auch in diesem Juni wieder. Man spürt richtig, wie viel Leidenschaft die Menschen in dieser Branche mitbringen. Und das empfinde ich als sehr offen, sehr kooperativ.

Laut Institut der deutschen Wirtschaft (IW) liegt der Frauenanteil in MINT-Berufen bei etwa 16 Prozent in Deutschland. In Zukunftsfeldern wie der Quantentechnologie sind es nach europäischen Studien häufig unter 15 Prozent. Warum, glauben Sie, sind Frauen hier nach wie vor so stark unterrepräsentiert?

Wenn ich auf mich selbst schaue: Eigentlich hätte ich ein Role Model gehabt. Mein Bruder hat Physik studiert und ist sechseinhalb Jahre älter als ich – theoretisch hätte ich diesem Weg folgen können. Ich war den Naturwissenschaften nie ängstlich oder ablehnend gegenüber. Und hätte man mir früher gesagt: „Vielleicht fehlt dir einfach ein Role Model“, hätte ich das wahrscheinlich als Quatsch abgetan. Aber rückblickend – auch mit der Erfahrung, die ich heute habe – merke ich dann doch, wie sehr diese Vorbilder gefehlt haben. Interessanterweise erzählen mir heute Physikerinnen genau das Gleiche: Als junge Frau denkt man oft „Wir brauchen das nicht, wir schaffen das alles.“ Aber später erkennt man, dass es einen Unterschied macht, ob man nur glaubt, alles machen zu können – oder ob man es tatsächlich sieht.

„Diese Mischung aus Verlässlichkeit, Innovationsfreude und echter Leidenschaft hat mich gepackt.“

Anke Odouli

Was ich allerdings wahrnehme: In der Quantentechnologie sind mehr Frauen unterwegs als in der klassischen Photonik. Vielleicht, weil es ein neueres Feld ist und viel Aufbruchsstimmung herrscht. Und es gibt ein paar prägende Persönlichkeiten – zum Beispiel Heike Riehl von IBM, die im Quantencomputing ganz vorne ist und uns erfreulicherweise auch für die World of Quantum berät. Solche Frauen begeistern mich sehr. Aber es sind eben noch zu wenige. Wo man ansetzen müsste? Wahrscheinlich wirklich früh. Aber ehrlicherweise: Ich finde es selbst schwierig. Der Bedarf an Vorbildern ist klar – aber wie man die systematisch schafft, ist eine große Herausforderung.

Laut der Initiative Women for Quantum sinkt der Anteil von Frauen in den Quantenwissenschaften mit jeder Karrierestufe, insbesondere in Leitungsfunktionen. Welche Beobachtungen haben Sie gemacht: Wird es schwieriger, je höher man aufsteigt? Und was müsste sich aus Ihrer Sicht ändern, damit mehr Frauen in Führungsrollen bleiben?

Ob es schwieriger wird, je höher man aufsteigt, hängt aus meiner Sicht sehr stark vom Arbeitgeber und den Rahmenbedingungen ab. Viele Frauen scheitern nicht an fehlendem Können oder fehlendem Ehrgeiz, sondern daran, dass Strukturen nicht flexibel genug sind oder Modelle fehlen, die unterschiedliche Lebenssituationen ermöglichen. Ich persönlich habe das große Glück, bei der Messe München zu arbeiten. Als Mutter von zwei Kindern war es für mich entscheidend, dass ich meine Aufgaben zeitweise auch in Teilzeitmodellen abbilden konnte. Ohne diese Flexibilität hätte ich meine Führungsverantwortung nicht so fortführen können. Das zeigt, wie wichtig es ist, dass Arbeitgeber bereit sind, individuelle Lösungen zu ermöglichen – von Arbeitszeitmodellen bis zu einer Kultur, die Vertrauen schenkt und Vereinbarkeit nicht als Hindernis sieht. Dass Frauen auf den höheren Ebenen weniger präsent sind, liegt aus meiner Sicht deshalb weniger am fehlenden Potenzial, sondern oft an der Frage: Wie kann ich meine private Situation mit einer Führungsrolle vereinbaren? Damit mehr Frauen in Führungspositionen bleiben, braucht es vor allem: Flexibilität, Vertrauen und Arbeitgeber, die Frauen nicht das Gefühl geben, sich zwischen Familie und Karriere entscheiden zu müssen.

Technologie zum Anfassen: Teilnehmerinnen der Frauen-Verbinden-Tour erkunden auf der Laser World of Photonics neue Anwendungen aus Robotik, Photonik und Automatisierung. Foto: Benetikt Roth Photography

Studien betonen die Bedeutung von Mentoring, Vorbildern, Sichtbarkeit in Konferenzen und Netzwerken, um Frauen zu binden und zu fördern. Viele Business Events, gerade in technischen Branchen, sind nach wie vor sehr männlich geprägt – in ihrer Sprache, Atmosphäre oder auch im Rahmenprogramm. Welche Rolle spielen Messen dabei, können sie Veränderung beschleunigen?

Sichtbarkeit ist aus meiner Sicht einer der wichtigsten Hebel. Frauen müssen Frauen auf Bühnen sehen, um zu spüren: Diese Rollen sind erreichbar. Für uns als Veranstalter heißt das, Panels bewusst diverser zu besetzen – nicht, weil jemand eine Frau ist, sondern weil es genügend kompetente Frauen gibt, die diese Bühne verdient haben. In einigen Bereichen stoßen wir allerdings auf ein strukturelles Problem: Auf Top-Level-Positionen gibt es schlicht noch nicht genug Frauen. Wenn vier CEOs Männer sind, können wir nicht einfach eine Frau „dazusetzen“, die nicht dieselbe Funktion hat. Die Frauen, die es gibt, heben wir aber sehr bewusst hervor. Dazu kommt: Viele Frauen mit der nötigen Expertise möchten gar nicht unbedingt auf einer großen Bühne stehen. Da versuchen wir, zu ermutigen und erste Schritte zu erleichtern, etwa über unser Netzwerk Frauen-Verbinden, das genau dort ansetzt. Frauen-Verbinden hat mit Partnern zum Beispiel die Initiative „The Stage is Yours“ ins Leben gerufen, um Frauen gezielt sichtbarer zu machen. Manchmal ist es hilfreich, erst einmal in kleinerem Rahmen Erfahrungen zu sammeln. Und auch Social Media ist für viele ein guter Einstieg. Da muss man nicht gleich vor hunderten Menschen sprechen, kann aber dennoch zeigen, wer man ist und was man kann. Für manche ist das der erste Schritt – und hoffentlich führt er dann bald auch auf die großen Bühnen unserer Messen.

Wo sehen Sie konkret Verantwortung bei Veranstaltern, mehr Inklusion und Sichtbarkeit zu schaffen?

Veranstalter tragen aus meiner Sicht eine ganz konkrete Verantwortung und die beginnt schon beim ersten Eindruck. Wenn jemand auf eine Messe-Website geht, sollte er dort nicht nur eine homogene Gruppe von Menschen sehen, sondern die Vielfalt, die unsere Branchen tatsächlich prägt. Deshalb briefen wir unsere Fotograf:innen bewusst so, dass sie divers fotografieren, damit wir später auch ein entsprechendes Bild nach außen zeigen können. Genauso wichtig ist die Programmgestaltung. Wir versuchen – soweit es fachlich und mit Blick auf die Rollen möglich ist – Podien so zu besetzen, dass unterschiedliche Stimmen vorkommen: Frauen, Nachwuchs, verschiedene Bereiche und Perspektiven. Das kann man nicht von heute auf morgen verdoppeln, aber wir arbeiten sehr bewusst daran, Schritt für Schritt mehr Vielfalt und Sichtbarkeit abzubilden.

Gemeinsam über die Messe: Die Frauen-Verbinden-Tour bringt Teilnehmerinnen zusammen und schafft Raum für Vernetzung und neue Kontakte in der Hightech-Community. Foto: Benetikt Roth Photography

Wie balancieren Sie bei der Programmgestaltung den Anspruch auf Diversität mit dem Anspruch auf fachliche Tiefe?

Für uns steht immer die inhaltliche Qualität im Vordergrund. Das Rahmenprogramm ist ein Kernbestandteil der Messe, und die Besucherinnen und Besucher erwarten dort die neuesten, fachlich relevanten Informationen. Wenn wir die Wahl haben, versuchen wir ganz bewusst, Panels diverser zu besetzen und weniger vertretenen Gruppen mehr Sichtbarkeit zu geben – ob Frauen, Nachwuchs oder Menschen aus anderen Bereichen. Deshalb sind für uns diejenigen Stellschrauben besonders wirksam, die strukturell greifen, ohne das Programm zu verwässern: Diversität in der Kommunikation, also in Bildern, Social Media, Moderationen – das können wir direkt beeinflussen. Gezielte Ansprachen, wenn wir potenzielle Speakerinnen haben, die fachlich passen, sich aber vielleicht nicht sofort auf die Bühne trauen. Kurz gesagt: Wir fördern Diversität überall dort, wo wir es verantwortungsvoll können und sorgen gleichzeitig dafür, dass das Programm fachlich so stark bleibt wie die Branche selbst.

Wenn Sie an Ihre Formate denken – Laser World of Photonics, World of Quantum, World of Photonics Congress – wie gelingt es dort, diese Themen bewusst einzubringen? Gibt es Formate oder Maßnahmen, mit denen Sie gezielt mehr Diversität auf der Bühne und im Publikum fördern?

Ja, absolut. Bei der diesjährigen Ausgabe hatten wir im Bereich Quantentechnologien beispielsweise einen kompletten „Women in Quantum-Tag“. Das war eine gemeinsame Initiative mit dem Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF) – inzwischen BMFTR – und unserem Netzwerk Frauen-Verbinden. Es gab Rundgänge, Austauschformate, ein Abend-Networking, und das Interesse war wirklich groß. Eine der Keynote-Speakerinnen war Heike Riehl, die jungen Kolleginnen immer wieder zeigt, wie viele Wege in diese Branche führen können.

„Als junge Frau denkt man oft: Wir brauchen das nicht, wir schaffen das alles.“

Anke Odouli

Parallel zur Laser läuft ja der World of Photonics Congress. Dort hatten wir in diesem Jahr zwei Physiknobelpreisträger zu Gast: Ferenc Krausz aus Garching und mit Anne L’Huillier eine Preisträgerin. 2023 war Donna Strickland bei uns. Solche Persönlichkeiten sind nicht nur fachlich, sondern auch für die Sichtbarkeit unglaublich wertvoll. Anne L’Huillier hat sich dieses Jahr sogar bereit erklärt, ein Special Event für Nachwuchsforscherinnen und -forscher zu gestalten und von ihrem eigenen Weg zu erzählen. Solche Formate sind immens wichtig, weil sie zeigen: Hinter großen wissenschaftlichen Erfolgen stehen reale Lebenswege. Und genau das ermutigt den Nachwuchs, dranzubleiben.

Wenn Sie einer jungen Frau raten sollten, die überlegt, in die Technik oder Photonik zu gehen – was würden Sie ihr mitgeben? Und was würden Sie Veranstaltern, Professoren oder Arbeitgebern sagen, die es ernst meinen mit Vielfalt, aber noch nicht wissen, wo sie anfangen sollen?

Mein Rat wäre: Los! Unbedingt machen. Natürlich muss einem das Feld liegen, aber Technik und Photonik sind unglaublich spannende Bereiche. Ich bin manchmal fast ein bisschen neidisch, wenn ich höre, wie Forscherinnen und Forscher in ihre Labore „verschwinden“ und an ihren Aufbauten tüfteln. Es ist ein riesiger kreativer Spielplatz: ausprobieren, messen, verwerfen, neu denken. Physik hat etwas sehr Spielerisches. Ich versuche diese Begeisterung auch jungen Menschen zu vermitteln. Unser großer Sohn besucht zum Beispiel regelmäßig Physikkurse – und selbst dort sieht man schon im Grundschulalter, wie stark Rollenbilder wirken: Unter zehn Kindern war ein Mädchen. Umso wichtiger ist es, aktiv darüber zu sprechen, welche Möglichkeiten Technik und Photonik bieten. Und manchmal reicht ein kleiner Funke. Ich erinnere mich an einen Physiklehrer, der einen Schokokuss ins Vakuum gesetzt hat – fünf Minuten, und die ganze Klasse war elektrisiert. Genau solche Momente wecken Neugier. Physik lässt sich über Phänomene erklären, über Dinge, die man sieht und erlebt – nicht nur über Formeln. Für Veranstalter, Professoren oder Arbeitgeber beginnt Vielfalt aus meiner Sicht sehr früh: durch niedrigschwellige Zugänge, durch Vorbilder, die sichtbar sind, und durch Formate, in denen Mädchen und junge Frauen sich ausprobieren können, ohne sofort perfekt sein zu müssen. Wer es ernst meint, sollte Räume schaffen, in denen Begeisterung entstehen kann – und die Role Models zeigen, die es bereits gibt. Sichtbarkeit, Ermutigung und echte Zugänge sind aus meiner Sicht die stärksten Hebel.

Justine Hein

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