Foto: Michael Fuchsjäger

Interview Prof. Dr. Michael Fuchsjäger

„Dann kommt der Kongress zu dir“

Prof. Dr. Michael Fuchsjäger, Präsident der European Society of Radiology (ESR), über den European Congress of Radiology 2021 und Channel N° 1, die Pop-Up World Tour und die Zusammenarbeit ohne Grenzen, einen Verlust in Millionenhöhe und das Bedürfnis nach Emotionalität.

tw tagungswirtschaft: Anders als die meisten anderen europäischen und internationalen Fachverbände hat die European Society of Radiology mit ihrem European Congress of Radiology 2021 vom 3. bis 7. März bis zuletzt an einer Präsenzveranstaltung festgehalten. Wieso? Prof. Dr. Michael Fuchsjäger: Wir standen über einen längeren Zeitraum in engem Austausch mit den österreichischen Behörden und waren auch Teil einer Experten-Arbeitsgruppe des Ministeriums für Tourismus. Hier gab es von allen Seiten die Bestrebungen ein Hybridkonzept für den ECR 2021 möglich zu machen, sodass unter Einhaltung aller Covid-19-Regeln sich zumindest eine begrenzte Anzahl an Personen vor Ort in Wien treffen könnte. Aufgrund der aktuellen Entwicklungen der letzten Wochen wurde dieses Konzept dann von Seiten des Gesetzgebers verworfen und der ECR 2021 wird als reiner Online-Kongress stattfinden. Ich möchte kurz festhalten, dass wir bereits seit einem Jahr einen vollwertigen Online-Kongress planen und die Präsenzveranstaltung ein Zusatz gewesen wäre. Es ist natürlich schade, dass es nicht funktioniert hat, tut der Qualität des Events aber keinen Abbruch. Wir wären bis zum Schluss bereit gewesen ein Hybridkonzept umzusetzen, sollte dies durch die gesetzlichen Vorgaben ermöglicht worden sein.

Welches Geschehnis hat wann den Ausschlag gegeben, dass der ECR 2021 nun doch rein online stattfinden wird? Es ist leider keine Entspannung der Lage eingetreten, die eine Änderung der Covid-19-Verordnungen zugelassen hätte. Somit ist eine Hybridveranstaltung gesetzlich untersagt. Obwohl wir es uns alle wünschen würden, ist ein Face-to-Face-Meeting zurzeit leider weder durchführbar, noch aus medizinischer Sicht zu verantworten.

Discover ECR 2021 with ESR President Michael Fuchsjäger

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Auch der ECR 2020 wurde virtuell abgehalten und von März auf Juli verlegt. Welche Learnings haben Sie gemacht, die jetzt in den ECR 2021 einfließen? Wir waren einer der ersten großen Kongresse, der von der Pandemie betroffen war und mussten dann in sehr kurzer Zeit ein bereits fertiges Event in die virtuelle Welt transferieren. Hier kam uns zugute, dass wir bereits seit 2013 das gesamte Programm des ECRs ins Internet streamen, was uns eine gute Ausgangslage verschafft hat. Man muss aber beachten, dass ein Online-Kongress viel mehr ist als ein reines Abspielen von Vorträgen. Wir haben den ECR 2020 damals in knapp 3,5 Monaten und unter Berücksichtigung der Umstände hervorragend umgesetzt und im Juli 2020 ein großartiges Online-Event abgehalten. Was wir mitgenommen haben ist, dass der Bereich Interaktion ein ganz wichtiger ist, der sicherlich auch am schwierigsten umzusetzen ist, weil der persönliche Austausch jener Aspekt ist, der von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern am meisten vermisst wird. Ganz wichtig ist auch der Bereich Usability, die Teilnehmenden müssen sich auch auf einem virtuellen Kongress zurechtfinden und wohlfühlen können.

Neu beim ECR 2021 ist die Pop-Up World Tour. Was ist damit gemeint? Einer der besten Aspekte des ECRs ist die Möglichkeit, Kolleginnen und Kollegen und Partner aus aller Welt zu treffen und der Austausch, der daraus entsteht. Deshalb wollten wir unseren engsten institutionellen und industriellen Partnern die Möglichkeit bieten, sich am ECR 2021 in eigenen Sessions von überall aus der Welt zu präsentieren. Die Pop-Up World Tour umfasst Übertragungen aus 20 Städten von New York über Sao Paulo bis nach Perth in Australien. Wir wollten unseren Partnern in diesen Städten die Möglichkeiten geben, ihren eigenen kleinen ECR zu veranstalten, den wir dann in die ganze Welt übertragen. Daher auch der Name „Pop-Up World Tour“: kann man nicht zum ECR kommen, dann kommt der Kongress zu dir. Ich denke, dieses Konzept demonstriert auch einen der größten Vorteile von Online-Meetings, dass der internationalen Zusammenarbeit keine Grenzen gesetzt sind, da jeder nur einen Klick entfernt ist.

„Wir wollten unseren Partnern in diesen Städten die Möglichkeiten geben, ihren eigenen kleinen ECR zu veranstalten, den wir dann in die ganze Welt übertragen.“

Prof. Dr. Michael Fuchsjäger, Präsident der European Society of Radiology (ESR)

Der European Congress of Radiology ist für seine Innovationsfreude bekannt. Welche Neuigkeiten wird es dieses Jahr geben? Neben der Pop-Up World Tour ist es vor allem der Channel N° 1, der einen neuen Aspekt zum Kongress beitragen soll. Es wird am ECR 2021 fünf Kanäle geben, wobei auf den Kanälen 2 bis 5 das wissenschaftliche Programm läuft. Auf dem Channel N° 1 wird es eine Mischung aus verschiedenen Formaten geben, die den Teilnehmerinnen und Teilnehmern hochwertige Inhalte abseits von klassischen Vortragsformaten näherbringen werden. Neu ist auch, dass wir den zeitlichen Rahmen des ECRs deutlich ausgedehnt haben und mit Early Morning und Evening Sessions auch die verschiedenen Zeitzonen berücksichtigen, in denen sich unsere Teilnehmenden befinden. Es sind alle Inhalte auch on-demand abrufbar, aber so sind auch Live-Übertragungen für alle zeitlich optimiert verfügbar. Auch auf der Virtual Exhibition tut sich viel Neues dieses Jahr. Neben einem Gamification-Konzept wird es vor allem im Bereich Interaktion mit unserer virtuellen Networking Lounge eine großartige Neuerung geben. Auch unsere Online-Plattform ESR Connect wurde einem optischen als auch technischem Update unterzogen.

Sie haben sich bei Ihrer Streaming-Plattform ESR Connect für eine eigene Lösung entschieden. Wieso das? Wie schon erwähnt waren wir bereits sehr früh einer der wenigen Kongresse, die das gesamte Programm auch im Internet übertragen haben. Die Erfahrungen, die wir über viele Jahre und durch die Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern gemacht haben, sind nun in unsere eigene Plattform ESR Connect geflossen. Mit ESR Connect können wir Ideen und neue Features schnell und effizient inhouse umsetzen und so auch rasch auf die Ansprüche unserer Mitglieder und Teilnehmerinnen und Teilnehmer reagieren. Wenn man so wie ich im letzten Jahr viele Online-Kongresse besucht hat, dann merkt man schnell, dass hier viele auf Plattformen stattfinden, die nicht ausgereift sind, eingeschränkte Funktionen anbieten oder nicht wirklich angenehm zu benutzen sind. Wir wollten hier unsere eigene Lösung schaffen, wo wir genau das umsetzen können, was wir uns vorstellen. ESR Connect ist auch viel mehr als eine Streaming-Plattform für den ECR. Mit unserem Premium Education Ticket, einem jährlichen Flatrate-Ticket für alle digitalen Lehrinhalte der ESR, ist ESR Connect zu einem ganz integralen Bestandteil für unsere Mitglieder geworden, der auch kontinuierlich ausgebaut und verbessert wird.

Das Programm ist mit 342 Sessions mit 1.887 Einzelpräsentationen – live und on-demand – und 1.408 Posterpräsentationen ambitioniert. Selbst wenn es eine Registrierungsgebühr gibt und eine virtuelle Ausstellung, wird sich der ECR 2021 „rechnen“? Auch der ECR 2021 darf wieder auf eine großartige Unterstützung aus der wissenschaftlichen Community bauen, die uns wieder mit exzellenten Beiträgen unterstützt hat und es ist unser Anliegen, so vielen wie möglich hier eine Bühne zu bieten. Ob sich der ECR 2021 rechnet, kann man leider nicht beantworten, ohne hier auch den ECR 2020 mit in die Kalkulation aufzunehmen. Wie bereits eingangs erwähnt, mussten wir unseren Kongress letztes Jahr unmittelbar vor dem Event absagen. Dadurch, dass es zum damaligen Zeitpunkt keine Verordnung oder Rechtssicherheit durch die österreichischen Behörden gab, ist hier ein Verlust in Millionenhöhe entstanden. Dieser resultiert einerseits daraus, dass wir für den ECR 2021 zwar viele neue Teilnehmerinnen und Teilnehmer gewinnen konnten, aber auch eine Vielzahl von Registraturen aus 2020 auf den ECR 2021 übertragen haben. Ebenso war die Industrieausstellung 2020 bereits völlig ausverkauft und auch hier mussten wir gemeinsam mit unseren Industriepartnern eine Lösung finden.

Die European Society of Radiology nutzt die Kunst und Kultur, um den Blick über den Tellerrand zu lenken. In diesem Jahr kündigen Sie den Kongress mit dem Werk „Der Kuss“ von Gustav Klimt an. Wieso? Dieses Bild ist eines der berühmtesten österreichischen Gemälde und eine Ikone des Jugendstils. Es zeigt Österreich international von seiner besten Seite und gerade in Zeiten der Covid-19-Pandemie stillt es optisch unser Bedürfnis nach Emotionalität und Nähe und trifft sehr gut das Motto dieses Kongresses, „Embracing“. Mehr als zeitgemäß – und das, obwohl das Sujet schon vor der Pandemie festgelegt wurde. Abgesehen von der grafisch und optisch perfekten Gestaltung des Kongressposters soll dieser Kongress, der unter meiner österreichischen Präsidentschaft stattfindet, die Vorzüge meines Heimatlandes demonstrieren. Die beeindruckende Kultur wird sowohl in der Opening Session sowie in mehreren Live-Sessions eine große Rolle spielen, um internationalen Teilnehmerinnen und Teilnehmern die besten Seiten Wiens und Österreichs zu zeigen.

Welche Frage hätten Sie gerne noch beantwortet, die ich nicht gestellt habe? Ich beantworte prinzipiell keine Fragen, die nicht gestellt werden. :-)

Kerstin Wünsch

European Society of Radiology (ESR)

Unifying European radiology

Founded in 2005, by merging the European Congress of Radiology (ECR) and the European Association of Radiology (EAR), the European Society of Radiology (ESR) is an apolitical, non-profit organisation dedicated to strengthening and unifying European radiology. With 121,608 members across the globe, it has grown to become the largest radiological society in the world and hosts one of the biggest and most innovative scientific meetings in Europe, the European Congress of Radiology, in Vienna each year. The Society works closely with national radiological societies across Europe and further afield, while establishing relationships with major European and international organisations from other related fields. It also monitors developments on the EU level which could have an impact on research and practice in radiology, with the best interests of the patient as its overriding goal.

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