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Interview Anna Heuer

„Ich spüre nach wie vor Optimismus“

Anna Heuer, Verbandsgeschäftsführerin der Hospitality Sales & Marketing Association (HSMA), über ihre Entscheidung, in der Krise ihre Aufgabe beim Verband zu übernehmen, Optimismus, den steigenden Stellenwert von Networking, Vorbuchungen und das Einbauen von Schlössern in Hotels.

tw tagungswirtschaft: Du hast die Geschäftsführung der HSMA inmitten der Corona-Krise übernommen und dafür Deinen Job bei der Hotelkette Upstalsboom aufgegeben. Bist du verrückt? Anna Heuer: Die Frage habe ich mir auch einige Male gestellt. Und einige andere Menschen auch. Meine Entscheidung für den Jobwechsel ist cirka fünf Tage vor dem Lockdown gefallen und ich bin ganz ehrlich, dass ich sogar so kurz vorher nicht wirklich damit gerechnet habe, dass der Lockdown tatsächlich kommt. Ich hatte noch die Möglichkeit, meinen wundervollen Job bei Upstalsboom nicht zu kündigen, aber das kam dann für mich nicht mehr in Frage. Die Entscheidung war bereits gefestigt. Mein Glück war, dass ich den Verband durch meine Rolle des Fachvorstandes Revenue Management & MICE schon einige Jahre „von innen“ kennenlernen durfte.

Was hat dich letztlich zu der Entscheidung bewogen? Ich war acht Jahre bei Upstalsboom und hatte eine wundervolle Zeit. Ich habe nie mit dem Gedanken gespielt, zu gehen. Als meine Vorgängerin, die liebe Lea Jordan, kündigte, wurde ich einige Male mit der Idee konfrontiert, ob der Job nicht etwas für mich sei, doch das verneinte ich anfangs vehement. Irgendetwas hat mich dann aber immer wieder dazu gebracht, über den Schritt nachzudenken. Am Ende waren es zwei Argumente, die zu der Entscheidung geführt haben: Erstens die Möglichkeit das, was ich jahrelang bei Upstalsboom gemacht habe, nun für noch viel mehr Hotels zu tun – nämlich Hotels und deren Mitarbeitern zur Seite zu stehen und sie auf ihrem Weg zu unterstützen und zweitens mich persönlich weiter zu entwickeln und die Hotellerie nochmal von einer anderen Perspektive kennenzulernen.

Jetzt bist du sehr nah an der Hotellerie dran. Kannst du uns einen Einblick in die gegenwärtige Gefühlslage von Hotels und Hoteliers geben? Ich spüre keine allgemeingültige Gefühlslage. Für mich fühlt es sich an wie eine Wellenbewegung, wobei ich leider feststelle, dass die Wellentäler mittlerweile deutlich länger sind als die Wellenberge. Vieles ist abhängig von der aktuellen Entwicklung bzw. der entsprechenden Berichterstattung und natürlich von Auflagen, Verordnungen und Verboten. Jedes Mal, wenn unserer Branche wieder eine Perspektive genommen wird, geht die Stimmung weiter nach unten. Das tut weh. Allerdings spüre ich nach wie vor bei vielen Hoteliers und Playern unserer Branche einen wundervollen Optimismus und Tatendrang sich zu entwickeln und erneut anzupacken, dass der Restart perfekt wird. Wie gehen eure Mitglieder mit der großen Planungsunsicherheit um, wenn Reisen, Hotelübernachtungen und auch Veranstaltungen wieder möglich sein werden? Unterschiedlich. Einige haben es satt, die Häuser immer wieder hoch – und runterzufahren. Nicht zuletzt, weil dies auch finanziell nicht mehr tragbar ist. Viele Menschen unterschätzen es, wie viel Aufwand es bedeutet, ein Hotel „abzuschließen“. Ein kleiner Fun Fact: Es gibt sogar Hotels, die mussten erstmal Schlösser in ihre Türen einbauen, da die Häuser zuvor niemals geschlossen, geschweige denn unbeaufsichtigt waren. Bekommst du mit, dass hinter verschlossenen Türen bereits Öffnungsperspektiven diskutiert werden? Meinst du politisch? Hier sickern immer wieder unterschiedliche Zahlen durch, wie Inzidenzwerte , zu denen die Hotels wieder öffnen dürfen etc.. Allerdings glaube ich immer erst das, was final beschlossen wird. Alles andere kostet zu viel Energie. Das, was für mich zählt, ist: sobald die Hotels ihre Türen wieder für den Tourismus öffnen dürfen, sollen sie darauf vorbereitet sein. Darüber, dass ein Hotelaufenthalt sicher ist, sind sich mittlerweile eigentlich alle einig. Das ist auch der Grund, warum wir nicht verstehen, dass wir in der Kette der Restart-Diskussionen so weit hinten angesiedelt sind.

Weißt du, wie die Auftragslage in der Tagungshotellerie ist: Gibt es ab einem bestimmten Zeitpunkt spürbar Vorbuchungen? Das ist eine Frage, die auch ich in ziemlich jedem Gespräch mit Hoteliers stelle und die Antworten erfreuen mich regelmäßig. Sehr viele Tagungshotels, klein wie groß, berichten von „vollen Optionsbüchern“ ab September. Es scheint als läge der Fokus der Firmen auf dem dritten Quartal, wobei wohl auch für Juni schon oder noch viele Buchungen in den Systemen schlummern. Die Zeit dazwischen ist der Sommer. Hier gab es noch nie viel Tagungsgeschäft und das wird sich auch in diesem Jahr leider nicht ändern. Es gibt hier natürlich zwei Herausforderungen:

  1. Wie viele der aktuell existierenden Buchungen oder Optionen sind real? Die Hotels haben sehr stark auf die Unsicherheit der Kunden reagiert und die Stornierungsbedingungen sind aus Kundensicht sehr gut. Da kann also noch viel „rausfallen“.
  2. Wir rentabel ist das Geschäft, solange wir mit Mindestabständen planen müssen? Ein Tagungsraum von 1.500 qm, wo früher 1.000 Personen Platz gefunden haben, ist aktuell je nach Beschaffenheit bereits mit 200 bis 300 Personen ausgelastet. Und da nach wie vor sehr viel mit Tagungspauschalen pro Person gearbeitet wird, bleibt viel Umsatz auf der Strecke.

Was kann denn die Hotellerie deiner Meinung nach proaktiv tun, damit Kunden sich trauen, wieder zu buchen? Die Hotels tun schlicht und ergreifend ALLES dafür. Die Stornierungsbedingungen sind ein Entgegenkommen, das die Sicherheit in der Planung verbessert. Im Bereich Health & Safety sind die meisten Häuser – nicht nur im Tagungsbereich – perfekt aufgestellt und beweisen das nicht nur durch entsprechende Konzepte sondern auch operativ. Ich kann jedem Eventplaner nur empfehlen, seine Stammhotels mal zu besuchen. Zum einen freuen sich die Kollegen vor Ort über Besuch – auf Abstand versteht sich – aber vor allem sieht man überall in den Hotels, welch hohen Stellenwert diese Themen haben. Die Hotels haben sehr schnell viel investiert, um die entsprechenden Maßnahmen zu erfüllen. Wir dürfen eines nicht vergessen: wenn Hotels und Gastronomen eines kennen und können, dann ist es das Einhalten von Vorgaben und Hygienestandards. Blickt man auf das vergangene Jahr, gleicht die Lage der Hotellerie einer Achterbahnfahrt. Wie ist für dich die Situation, in so einem Umfeld die HSMA zu führen? Wir fahren mit. Wie ich zuvor schon erwähnte. Es ist sehr abhängig von der aktuellen Situation und wir versuchen unseren Input daran anzupassen. Neben den vielen rein fachlichen Themen beschäftigen wir uns in unserem Expertenkreis HR & Employer Branding viel damit, wie wir die Stimmung der Mitarbeiter hoch halten und wie jeder einzelne dafür sorgen kann, dass die Motivation nicht schwindet. Dies ist auf alle Mitarbeiter und Kollegen anwendbar, denn die aktuelle Situation trifft jeden einzelnen.

Worin siehst du derzeit eure wichtigste Aufgabe als Verband und wir könnt ihr eure Mitglieder unterstützen? Aus meiner Sicht ist es unsere Aufgabe als Fachverband, die Hotels aber auch unsere anderen Mitglieder, die ja auch aus den Bereichen Dienstleistung und Technik kommen, in allen unseren Fachbereichen darauf vorzubereiten, wenn es wieder los geht. Speziell ist es wichtig, schnell für potentielle Gäste sichtbar zu sein, wenn die Gäste wieder kommen dürfen. Aber auch die aktuelle Zeit können die Hotels nutzen: Gerade für Themen wie Bindung der Stammgäste, aber auch Erschließung neuer Zielgruppen ist jetzt ein super Zeitpunkt. Durch regelmäßige Events oder auch mediale Beiträge zu sehr vielen unterschiedlichen Themen versuchen wir jeden einzelnen Bereich abzuholen und Hilfestellungen, Checklisten, Tipps & Tricks zu geben.

Was sind denn eure kurzfristigen Ziele? Die HSMA lebt von ihrem Netzwerk. Und auch wenn vieles bereits online geht – das Netzwerken kommt aus meiner Sicht immer noch zu kurz. Daher ist mein Ziel durch Testen unterschiedlicher Möglichkeiten und Ideen das Netzwerken wieder zu ermöglichen und die Mitglieder zusammen zu bringen. Allerdings ist das übergeordnete Ziel möglichst schnell wieder live Events stattfinden zu lassen. Denn so ziemlich alle unsere Mitglieder sehnen sich nach persönlichen Treffen. Jetzt scheinst du ja Herausforderungen zu lieben, aber sicher erhoffst du dir nach einer hoffentlich erfolgreichen Krisenbewältigung auch langfristig als Verband etwas bewegen zu können: Wie ist denn deine Vision für die HSMA und auch die (Tagungs-)Hotellerie nach Covid-19? Ui. Das ist eine Frage, mit der ich mich durch die aktuelle Situation noch nicht ganz so oft beschäftigt habe, allerdings habe ich dennoch eine klare Vorstellung und folgende Ziele: Das Netzwerk wieder zu erwecken und weiter auszubauen, weiterhin die Qualität des vermittelten Wissens aktuell und hochwertig zu halten und ein faires Miteinander innerhalb der gesamten Branche zu unterstützen. In der Krise haben wir gelernt, dass wir durch Zusammenhalt eine Menge erreichen können und ich sehe es als unsere Aufgabe an, dies auch weiter zu fördern. Schließlich steht die HSMA für Diversität, da wir nicht ausschließlich Hoteliers zu unseren Mitgliedern zählen, sondern eben auch die anderen Marktteilnehmer. Gerade in Bezug auf die technische Entwicklung und Digitalisierung sehe ich sehr viel Potential: zum einen im Bereich der Verbreitung des Wissens über die Möglichkeiten die sich dadurch ergeben und im zweiten Schritt durch den sinnvollen Einsatz. Für die Tagungshotellerie sehe ich sehr viel Potential für den Einsatz von künstlicher Intelligenz und Automatisierung. Speziell im Bereich MICE Revenue Management sowie MICE Distribution wird sich viel tun in der nächsten Zeit und da ist es unsere Aufgabe, diese Themen zu behandeln. Glaubst du, dass sich im kollektiven Bewusstsein durch Corona etwas ändern wird, etwa dass in der Hotellerie Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Achtsamkeit wichtiger werden und Reisen und Veranstaltungen eher lokal und regional durchgeführt werden? Ja, es wird sich etwas ändern und es hat sich auch schon einiges verändert. Allerdings möchte ich hier gern einzeln auf die Punkte eingehen: Nachhaltigkeit verbinden viele zum Beispiel mit „weniger“ Reisen. Die Tatsache, dass weniger gereist wird, bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass Hotelübernachtungen zurückgehen, sondern vielmehr, dass die Reise an sich mehr wertgeschätzt wird. Menschen, die sich in der Vergangenheit täglich im Büro gesehen haben, haben jetzt nicht mehr so einen regelmäßigen Austausch. Ich kann mir vorstellen, dass daher eine Dienstreise einen höheren Stellenwert bekommt und vielleicht mal eine oder zwei Nächte verlängert wird, weil der persönliche Austausch an Relevanz und Qualität gewinnt. Das gleiche lässt sich auch auf den Bereich Tagungen übertragen. Sicherlich werden ein paar kleine Meetings nun online stattfinden, aber gerade das Zusammenkommen von Menschen, das Netzwerken und auch das Feiern (und das will ich regional gar nicht einschränken) gewinnt an Wichtigkeit. Ich habe dafür keine Belege und bin auch kein Zukunftsforscher, hoffe aber zugleich, dass hier nicht ausschließlich der Optimismus aus mir spricht. Woran ich auf jeden Fall glaube, ist, dass durch hybride Formate zukünftig den Teilnehmern von Veranstaltungen mehr Möglichkeiten für die Teilnahme geboten wird. Das muss sich nicht unbedingt negativ auf die Größe des Teils der Teilnehmenden vor Ort auswirken.

Wenn die Krise vorbei und das Virus im Griff ist, was machst du als erstes und was wird deine erste Veranstaltung sein? Das ist in meinem Kopf noch so weit weg. Ich persönlich werde als erstes reisen. Sowohl innerhalb von Deutschland alle Menschen besuchen, die ich im vergangenen Jahr kaum gesehen habe, als auch die Welt weiter erkunden. Meine erste Veranstaltung wird mit Sicherheit eines der HSMA-Events sein – wir stecken ja schon jetzt inmitten der Planung von vielen live Events noch in diesem Jahr. Und privat möchte ich unbedingt mal wieder auf ein Konzert – ich befürchte, da bin ich nicht die einzige und hoffe, dass ich eine Chance auf ein Ticket habe. Und du?

Ebenfalls zuerst wieder die mir wichtigen Menschen treffen, beruflich und privat, mit der Familie verreisen und auch ganz unbedingt auf Konzerte. Ich habe allerdings schon einige Tickets ;-)

Christian Funk

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