Foto: Think-Theatre, Selfie Bernhard Wolff

Online-Events

So entstehen Nähe und Gemeinschaft

Ein Jahr Pandemie. Die Tagungsbranche hat eine steile Lernkurve hinter sich. Corporate Events haben sich radikal verändert. Nur die eine große Konstante wird unberührt bleiben, egal wo uns die Kurve noch hinführt: das menschliche Bedürfnis nach Nähe und Gemeinschaft. Die Gefahr ist groß, dass wir uns zu viel mit Technologie beschäftigen, statt das Erlebnis aus der Perspektive des einzelnen, einsamen Teilnehmers heraus zu konzipieren. Ein Gastbeitrag von Online-Moderator und Formatentwickler Bernhard Wolff.

Es gibt ein paar einfache Prinzipien, die Nähe und Gemeinschaft herstellen – auch auf Distanz. Aber zunächst ein Blick in den Alltag. Ein typischer Call zur Vorbereitung eines Online Events: beteiligt sind Kunde, Technikfirma und Agentur. Was steht im Mittelpunkt des Meetings? Die Frage, über welches Tool gestreamt wird und wie die Führungskräfte zugeschaltet werden. Und natürlich, wer eigentlich von wo aus die Power-Point-Präsentation (PPT) klickt. Das subjektive Erleben des einsamen Teilnehmers im Home Office spielt keine Rolle. Beim Online Event selbst erleben wir dann reihenweise viel zu lange Vorträge, bei denen die Akteure systematisch am Teilnehmer vorbeischauen (meist mit Doppelkinn vor Golden Gate Bridge oder ähnlich). Die PPT dominiert das gemischte Bild, ist aber dank zu kleiner Typo trotzdem nicht zu lesen. Schon gar nicht auf einem Mobile Device. Folge: die Teilnehmer verabschieden sich unbemerkt. Zum Surfen, Mailen oder Homeschooling. Wirkung verschenkt, Budget vergeudet, Ziel verfehlt. Zielführender wäre es, sich von vornherein die Frage zu stellen: Wie entsteht auch in einem virtuellen Event ein Gefühl von Nähe und Gemeinschaft? Wie entsteht ein Gefühl, das so ausgeprägt ist, dass der einzelne Teilnehmer sich intensiv mit allen Akteuren – aber auch mit allen anderen Teilnehmern – verbunden fühlt? Hier möchte ich ein paar Grundprinzipien postulieren, generiert aus der Erfahrung und den Beobachtungen eines Online Moderators:

Wer ist Bernhard Wolff?

Bernhard Wolff ist Moderator und Formatentwickler. Seit mehr als 20 Jahren ist der Berliner in der Tagungsbranche aktiv. In der Corona-Pandemie startete er sein eigenes Online-Format „Ideenfrühstück.de“: Inspiration und Infotainment für alle, die beruflich mit Live-Kommunikation zu tun haben. Aktuell gründet Wolff ein Startup zur Inszenierung von Online-Events.

Foto: Parolini, Bernhard Wolff

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Das erste Prinzip ist banal einfach, trotzdem wird es sträflich vernachlässigt: Dichter ran an die Kamera! Nähe entsteht durch nichts schneller als durch Blickkontakt. Und: nur online können Sie allen Teilnehmern gleichzeitig in die Augen schauen. Nutzen Sie das. Gehen Sie dicht ran, zeigen Sie Gesicht, flirten Sie mit der Kamera. Sie sind im gemischten Bild auf einer virtuellen Plattform klein wie eine Briefmarke. Da müssen Sie mit viel Präsenz gegenhalten. Als Projektleiter müssen Sie alle Akteure befähigen, präsent vor der Kamera zu agieren. Durch Training. Durch Coaching. Und durch ein ausführliches Onboarding im Studio- oder Sendesetting. Sie müssen diese schrecklichen Präsentationen verhindern, bei denen an der Kamera vorbei auf den Bildschirm mit der PPT geschaut wird. (Danke dafür, ich kann es als Moderator kaum mehr ertragen…). Im zweiten Prinzip steckt die wesenseigene Energie eines Events: Nur live ist lebendig! Bei Online Events gibt es einen Trend zu vorproduziertem Content. Warum nicht einfach die Präsentation aufzeichnen? Oder das Grußwort des CEO als Video einspielen? Die Antwort lautet: Nur live entsteht eine lebendige Beziehung durch die beidseitige Gewissheit, im selben „Moment of Time“ miteinander verbunden zu sein. Live kann alles passieren. Das lieben die Teilnehmer. Das triggert die Aufmerksamkeit. Gehen Sie daher lieber ein Risiko ein, statt Sicherheit mit Fadheit zu bezahlen. Ich habe vor ein paar Wochen einen TEDx Vortrag live online gehalten. Mit Versprechern und Hakeleien, aber mit echtem Lampenfieber. Für die Doku auf der Plattform hätte ich den Vortrag noch einmal fehlerfrei nachproduzieren, schneiden und optimieren können. Das habe ich auch ausprobiert. Aber das Ergebnis war nicht authentisch, hatte weniger Energie und Lebendigkeit. Wir haben schließlich die Live-Aufzeichnung genutzt. Und das war richtig.

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Das dritte Prinzip setzt auf den direkten Austausch von Mensch zu Mensch: Vernetzen und Dialog führen! Wir haben schon in der Welt vor Corona einen großen Trend in der Dramaturgie von Tagungen beobachtet – weg von der Frontalbeschallung, hin zu Vernetzung und Dialog. Das gilt in virtuellen Formaten umso mehr. Denn ohne am Dialog teilnehmen zu können, gibt es wenige Gründe, mich zu einer bestimmten Zeit in einen bestimmten Event einzuloggen. Die Aufzeichnung oder Summary tut es dann ja auch. Dialog aktiviert und motiviert die Teilnehmer. Deshalb sollte in einem virtuellen Format ein kontinuierlicher Dialog über einen Chat stattfinden, der wie das Flüstern mit dem Sitznachbarn – oder der Plausch an der Kaffeebar – einen eher informellen Charakter hat. Darüber hinaus sollten im Ablauf immer nach maximal 20 Minuten aktive Dialogmomente geplant werden. Und da geht konzeptionell viel mehr als Talkrunden, Q&A, Votings oder Wordclouds. Schicken Sie die Teilnehmer doch mal für eine kreative Pause zu einem Spaziergang an die Luft – und senden Sie per Pushnachricht eine zufällige Kollegennummer. Damit stiften Sie genau den informellen und zufälligen Austausch, den wir ja alle so vermissen. Das vierte Prinzip setzt auf Sichtbarkeit der Orte, an denen sich die Teilnehmer befinden: Reale Räume erzählen Geschichten! Aus gutem Grund lautet die erste Frage bei einem Anruf fast immer: „Wo bist Du gerade?“ Die Kenntnis über den realen Ort unseres Gegenübers schafft ein Gefühl der Verbundenheit, macht Empathie erst möglich. Mein Credo lautet daher: Weg mit dem Green Screen. Ich will sehen, wo Menschen wirklich gerade sind. Ich will wissen, wo das Studio ist, in dem produziert wird. Ich will echte Orte in einer echten Welt erkennen – wenn schon der ganze Rest virtuell abläuft. Außerdem bieten Locations häufig ein gutes Sprungbrett für die Storyline. Die Formel „Wir melden uns hier aus…“ ist so stark wie „Ich weiß eine Geschichte…“.

So entsteht menschliche Nähe in Online-Events

1. Dichter ran an die Kamera! 2. Nur live ist lebendig! 3. Vernetzen und Dialog führen! 4. Reale Räume erzählen Geschichten! 5. Kontext kennen ist King! 6. Das Format muss rocken!

Das fünfte Prinzip holt die Teilnehmer in ihrer konkreten Umgebung ab: Kontext kennen ist King! Wir alle kennen die bekannte Erfolgsformel „Content ist King“. In einem Online Event allerdings ist relevanter Content die absolute Pflicht. Die eigentliche Kür ist die Berücksichtigung des Kontexts – und das Spielen und Interagieren mit diesem Kontext. Wo und wie genau nimmt die oder der Einzelne teil? Eher sitzend im Homeoffice? Eher mit iPad auf dem Sofa? Zwischen Tür und Angel am Küchentisch? Oder vielleicht mit Kollegen auf Abstand im Konfi? Was passiert im Umfeld? Welche Objekte und Gegenstände liegen bereit? Wie kann ich all dies in die Ansprache und Inszenierung einbeziehen? Wie kann die virtuelle Inszenierung den Rahmen des Bildschirms ins Reale hinein durchbrechen – und den Teilnehmer so in seiner Befindlichkeit abholen? Machen Sie dazu mal ein Brainstorming. Die Möglichkeiten sind riesig: Lunch Box senden, Fitnesstrainer buchen, zeitgleich Kaffeetasse wieder voll machen, remote Karaoke singen. Im Grunde geht es darum, spielerische und praktische Rituale einzuführen. Denn zu wissen, ich bin nicht allein mit dem, was ich gerade tue – das stiftet Gemeinschaft. Und das sechste Prinzip zielt aufs Gesamtkonzept: Das Format muss rocken! Noch immer dienen alte Tagungsprogramme als Kopiervorlagen für die neuen digitalen Formate. Dabei müssen virtuelle Veranstaltungen völlig anders aufgesetzt werden als ihre Vorgänger. Aber was bedeutet dieses viel zitierte „New Normal“ in der Tagungspraxis, was bringt ein Format zum Rocken? Zusammengefasst: Die Agenda muss kürzer sein (höchstens 50 Prozent). Dialog und Interaktionen brauchen mehr Platz (so viel wie die präsentierten Inhalte). Moderationen und Instruktionen sind immens wichtig und brauchen netto Zeit (nie unter 20 Prozent). Die TV-Sehgewohnheiten setzen die Messlatte (es braucht also Profis für Regie, Screendesign, Bildmischung etc.). Die Präzision von Drehbuch und Regieablauf ist deshalb Faktor drei höher als in der alten Welt (dafür sparen Sie Reisekosten…).

Ideen zum Frühstück

Foto: AXICA

Einladung zum Ideenfrühstück: "Ein Jahr Pandemie: So entsteht menschliche Nähe in Online-Events“

Beim Online-Format Ideenfrühstück.de in Kooperation mit der AXICA talkt Moderator Bernhard Wolff mit Experten im Live-Stream und lädt Teilnehmer zum Dialog ein. Gesendet wird aus dem neuen Sky Lounge Studio in der AXICA am Brandenburger Tor. Zum nächsten Ideenfrühstück gibt es einen Talk mit Sandra Herz, freie Beraterin für Live-Kommunikation, am 11. März 2021 um 11.00 Uhr. In der kostenfreien Zoom-Session zum Thema „So entsteht Nähe in Online Events“ erwarten die Teilnehmer viele praktische Erfahrungen und Tipps für Corporate Online Events.

Auch wenn es nahe liegt: Nicht die Technik ist die wichtigste Ressource für einen erfolgreichen Online Event. Sie ist wichtiges Werkzeug. Entscheidend aber sind Konzept, Formatentwicklung, Inszenierung und Befähigung der Akteure. Denn am Ende geht es nicht um VMix, PIPs und Uploads, sondern um Nähe und Gemeinschaft. Es geht um Kommunikation von Mensch zu Mensch.

Bernhard Wolff

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