Veranstaltungswirtschaft

Wir treffen uns wieder!

„Wir werden uns mit Sicherheit sehr bald wieder treffen!“ Dieses Schild hat Thomas Ziegler, Geschäftsführer des Design Centers Linz, in verschiedenen Varianten anfertigen lassen und hält es seit Mai 2020 je nach Lage hoch. Foto: Design Center Linz

Veranstaltungswirtschaft

Wir treffen uns wieder!

Im Februar haben nacheinander erst Dänemark, Schweden, Norwegen und die Niederlande ihre Corona-Auflagen weitestgehend fallen lassen. Mit der Schweiz und Österreich folgt auch Deutschland, allerdings in drei Schritten bis 20. März 2022. Zuletzt waren die Stimmen nach Lockerungen laut geworden.

Während in Deutschland Bund und Länder bei ihrem Treffen am 16. Februar 2022 einen Dreistufenplan zur Lockerung der Corona-Maßnahmen beschließen, hebt am selben Tag der Bundesrat in der Schweiz die Auflagen für den Folgetag weitestgehend auf. In Deutschland sind seither private Zusammenkünfte für Geimpfte und Genesene ohne Teilnehmerbegrenzung möglich und im Einzelhandel reicht das Tragen einer FFP2-Maske. Ab 4. März gilt in der Gastronomie und Hotellerie die 3G-Regelung, für überregionale Großveranstaltungen aber weiterhin die 2G- oder 2G-Plus-Regel. Veranstaltungen in Innenräumen dürfen nicht mehr als 6.000 Personen zählen, Säle und Räume nur zu 60 % ausgelastet sein. Wenn es die Situation des Gesundheitssystems erlaubt, könnten in Deutschland am 20. März 2022 alle tiefgreifenden Schutzmaßnahmen entfallen.

„Große Lockerungen mit 5. März“, informiert ebenfalls am 16. Februar der Österreichische Rundfunk (ORF). „Außer in ‚höchst vulnerablen Settings‘ wie Pflegeheimen und Krankenhäusern werden am 5. März alle Maßnahmen aufgehoben“, sagt Bundeskanzler Karl Nehammer nach den Beratungen mit den Landeshauptleuten und der gesamtstaatlichen Covid-Krisenkoordination (GECKO). Außer in Wien greift landesweit statt der 2G- nun die 3G-Regel. Das gilt neben Gastronomie und Hotellerie auch bei Veranstaltungen. „Womit wir uns nun mit Sicherheit sehr bald wieder treffen können“, resümiert Thomas Ziegler und veröffentlicht seine „Breaking News“ auf LinkedIn. Jetzt wartet der Geschäftsführer des Design Centers Linz auf die Ausgestaltung der neuen Verordnung, ist aber zuversichtlich. „Die Planung kann wieder einsetzen“, sagt Ziegler – selbstverständlich mit der gebotenen Vorsicht. Er denkt an Wärmebildkameras am Eingang, die bei einer Körpertemperatur von 37 Grad anzeigen, und an einen neuen Dresscode: die Maske

Auf die Lockerungen reagieren Zieglers Kunden mit großer Freude und Begeisterung. „Alle sind nun höchst motiviert und planen und planen und planen!“ Menschen, die sich auf Kongressen und Messen um ihre Gesundheit sorgen, versichert er: „Wir arbeiten mit unserem Präventionskonzept nach den sichersten Kriterien, sodass man bei einer Veranstaltung im Design Center Linz mindestens so sicher ist wie bei einem Apothekenbesuch.“ Den Ausschlag für die großen Lockerungen trotz 38.000 Neuinfektionen am Tag gab laut Ziegler der allgemeine Druck von verschiedenen Seiten und eben vonseiten der Messe- und Eventindustrie. Als seine Mitstreiter nennt er beispielsweise Benedikt Binder-Krieglstein, CEO Reed Exhibitions Deutschland, und Christian Mayerhofer, Chef von Congress und Messe Innsbruck. Ziegler: „Wir sind endlich gehört und wahrgenommen worden. Der Vergleich von Messen mit dem Handel hat eine sehr große Schieflage gehabt.“ Gebetsmühlenartig haben die drei Geschäftsführer erklärt, dass sich die Infektionsgefahr in Shopping Malls wenig von jener auf Messen unterscheide, dass hingegen zwischen Konzert- und Sportveranstaltungen und Kongressen und Messen deutlich zu unterscheiden sei.

„Bei einer Veranstaltung im Design Center Linz ist man mindestens so sicher wie bei einem Apothekenbesuch.“
Thomas Ziegler, Geschäftsführer im Design Center Linz

Europas Eventwirtschaft öffnet

Wie in Österreich sind in Deutschland in den letzten Wochen die Stimmen nach Öffnungen immer lauter geworden. Spätestens nachdem ein europäisches Nachbarland nach dem anderen seine Corona-Beschränkungen deutlich lockerte. „Wenn die Regierung nicht zügig gegenüber anderen Ländern nachzieht, sind wir zur Untätigkeit verdammt und sehen zu, wie die europäische Konkurrenz an uns vorbeizieht!“, warnte etwa Gerhard Stübe, Präsident des Austrian Convention Bureaus (ACB) und Geschäftsführer von Kongresskultur Bregenz. Zuvor hatte am 1. Februar 2022 Dänemark mit einer Quote von 81 % vollständig geimpften Bürgerinnen und Bürgern gelockert, gefolgt von Schweden mit 74 %.

“All, yes all, restrictions in Denmark lifted from Feb 1st. Covid is no longer considered a societal threat #copenhagenisready #seeyousoon”, informiert Kit Lykketoft, Director of Copenhagen Convention Bureau, in 20 Worten. Ihr Post auf LinkedIn ist mit 150 Reaktionen binnen 24 Stunden ihr bislang erfolgreichster. Folglich gibt es keine Beschränkungen mehr – z. B. für die Anzahl der Personen, die an einer Konferenz teilnehmen können; es gibt auch keine Maskenpflicht und keine Covid-19-Passpflicht. „Unsere Covid-Website ist aktualisiert worden, und ja, die Aufhebung der Beschränkungen in Dänemark gilt für alle Arten von Geschäftsveranstaltungen, unabhängig von Größe und Format”, betont Lykketoft. Einreisende, die nicht vollständig geimpft oder immun sind, müssen ein aktuelles negatives Testergebnis vorlegen. Für Kopenhagen heißt das, dass die vielen internationalen Kongresse, die für 2022 in Kopenhagen geplant sind, auch stattfinden werden. Die Kunden reagieren darauf mit einer großen Wiedersehensfreude gepaart mit einer natürlichen Behutsamkeit.

Seither sind Norwegen mit einer Impfquote von 74 % und die Niederlande mit 72 % gefolgt. Einen Überblick gibt der internationale Messeverband UFI in seinem Blogbeitrag „Europe’s Exhibition industry reopens: a country-by-country overview“. In Deutschland geht die Global Association of the Exhibition Industry auf die unterschiedlichen Vorgaben in den 16 Bundesländern ein – mit dem Zusatz: „However, legislation in the 16 states changes very frequently.“

Unbeeindruckt von Omikron

Unbeeindruckt von Omikron haben in England und Spanien bereits im Januar Messen stattgefunden. Das ExCeL in London meldet sich Anfang Februar auf dem Veranstaltungsmarkt zurück und liest den Aufschwung des Sektors an seinem Event-Kalender mit mehr als 350 Veranstaltungen ab, darunter die International Confex am 8. und 9. März 2022. Letztes Jahr, im Jahr zwei der Pandemie, kamen immerhin 800.000 Besucher zu 90 Veranstaltungen ins ExCel nach London. „Nach einer leichten Verzögerung zu Beginn des Jahres erwarten wir ein lebhaftes Jahr 2022 mit einem neuen Marktvertrauen, insbesondere nach der Aufhebung der Plan-B-Beschränkungen der Regierung und einer Lockerung der Reisebeschränkungen“, sagt Chief Commercial Officer Simon Mills. Neben einem vielseitigen Veranstaltungsprogramm sorgen der Beginn des ExCel-Erweiterungsbaus mit zusätzlichen 25.000 qm und die Eröffnung der Bahnlinie „Elizabeth-Linie“ für Zuversicht. Mills weiß: „Veranstaltungen, die im ExCeL stattfinden, bringen der Londoner Wirtschaft rund 4,5 Mrd. Pfund ein und sichern mehr als 35.000 Arbeitsplätze." In Spanien hielt die IFEMA Madrid vom 19. bis 23. Januar 2022 ihre FITUR 2022 ab. Die internationale Tourismusmesse übertraf die Erwartungen mit 111.193 Besucherinnen und Besuchern, darunter 81.193 Fachbesucherinnen und Fachbesucher aus 127 Ländern, plus 33.286 Registrierungen auf der digitalen „LIVEConnect“-Plattform. Dagegen hatte in Deutschland die Messe Berlin im Dezember ihre internationale Tourismusmesse, die ITB Berlin 2022, für März abgesagt bzw. das Veranstaltungskonzept an aktuelle Gegebenheiten angepasst, so der Wortlaut. Vom 8. bis 10. März 2022 wird es ein Kongress-Streaming geben, später im Jahr den Digital Business Day und physische Satelliten-Events.

Deutscher Geduldsfaden am Reißen

Bislang sind in Deutschland mehr als 100 der 390 geplanten Messen 2022 abgesagt oder verschoben worden. Anders als in den beiden Vorjahren versuchen die Veranstalter ihre Shows zu verlegen, wie etwa die IMEX Group, die ihre IMEX 2022 auf dem Gelände der Messe um fünf Wochen verschiebt auf den Zeitraum 31. Mai bis 2. Juni 2022. Lange Zeit hatte die Veranstaltungswirtschaft in Deutschland die Corona-Auflagen mitgetragen. Angesichts der Impfquote von 74 % und erprobter Hygienekonzepte sind die Rufe nach einer Öffnungsperspektive jedoch immer lauter geworden. „Unser Geduldsfaden ist am Reißen“, findet Philip Harting deutliche Worte. „Die Messewirtschaft in Deutschland fordert von der Politik in Bund und Ländern die Wiederbelebung des Messelebens in allen 16 Bundesländern. Und zwar jetzt“, sagte der Vorsitzende des AUMA – Verband der deutschen Messewirtschaft drei Tage vor dem letzten Bund-Länder-Treffen.

Foto: Harting Stiftung, Kai Reifenberg

„Unser Geduldsfaden ist am Reißen. Die Messewirtschaft in Deutschland fordert von der Politik in Bund und Ländern die Wiederbelebung des Messelebens in allen 16 Bundesländern. Und zwar jetzt.“
Philip Harting, Vorsitzender AUMA – Verband der deutschen Messewirtschaft

Laut Berechnungen des AUMA hat sich der gesamtwirtschaftliche Schaden durch die Absage von Messen auf 46 Mrd. Euro in den zurückliegenden beiden Corona-Jahren summiert; 2021 wurden über 70 % der Messen abgesagt, was ein Minus von 24,4 Mrd. verursachte, 2020 waren es 68 % der Messen und ein Minus von 21,8 Mrd. Euro. „Messen sind sicher machbar“, meint Harting. „Wir in der Messewirtschaft haben uns dennoch lange solidarisch eingereiht für den Gesundheitsschutz aller. Angesichts von 85 Prozent doppelt geimpfter und 65 Prozent geboosterter Erwachsener, bestens erprobter Hygienekonzepte der Messen und immer mehr Öffnungen der Länder um uns herum haben wir kaum noch Verständnis für eine ratlose Politik auf Kosten der übergroßen Mehrheit.“

Problematisch sei das Dickicht an Restriktionen, das bereits für Absagen im Frühjahr und Sommer sorge. Gründe sind insbesondere fehlende Planungssicherheit und deutschlandweit uneinheitliche Regeln. Einen aktuellen Überblick über die Corona-Verordnungen der 16 Bundesländer und die Einreisebestimmungen gibt der AUMA, genauer: Silvia Bauermeister, zuständig für Recht, Business Development. Sie aktualisiert die Seite ständig und sagt: „Tatsache ist, die kurze Gültigkeit der Corona-Verordnungen gibt Messemenschen nicht die notwendige Planungssicherheit für das Geschäft. Unsere Branche braucht Sicherheit und Berechenbarkeit. Nur so kann eine Messe funktionieren.“

Dieses föderale Durcheinander betrifft nicht nur Veranstalter von Messen, sondern alle. Peter Cramer ist mit seinen Branchen-Events wie „MICE by melody“ oder dem „MICE Peak“ im In- und Ausland unterwegs. Für ihn ist es aktuell einfacher, Ende März den MICE Peak im französischen Cannes zu organisieren, als die MICE by melody-Roadshow in Düsseldorf, Frankfurt und München und damit in drei deutschen Bundesländern mit unterschiedlichen Corona-Schutzregeln.

Fragen bleiben offen

Die sechs im Forum Veranstaltungswirtschaft kooperierenden Wirtschaftsverbände, darunter der EVVC – Europäischer Verband der Veranstaltungs-Centren) und der VPLT – Verband für Medien- und Veranstaltungstechnik reagieren auf die Beschlüsse des letzten Bund-Länder-Treffens erleichtert, sehen in diesen aber nicht den erhofften Befreiungsschlag. Für die Veranstaltungswirtschaft bringt erst der zweite Schritt Verbesserungen, wenn ab 4. März bei Indoor-Veranstaltungen bis 6.000 Personen und Outdoor-Veranstaltungen bis 25.000 zulässig sind. Der dritte Schritt ab 20. März bringe außerdem begriffliche Fragen mit sich. „Der schwammige Begriff der tiefgreifenden Beschränkungen lässt viel Spielraum für Spekulationen. Für unsere Häuser sind Kapazitätsbeschränkungen tiefgreifend. Ob das die Beschlüsse hergeben, konnte auch in der PK trotz direkter Frage nicht klargestellt werden“, befindet Timo Feuerbach, Geschäftsführer des EVVC. Darüber hinaus sei schon jetzt absehbar, dass die Bundesländer die Beschlüsse sehr unterschiedlich umsetzen werden. Feuerbach: „So etwas hilft nicht, sondern macht einen regulären Veranstaltungsbetrieb unmöglich.“

Zuversicht in Mainz. Die Schlüsselübergabe für die neue Rheingoldhalle ist am 3. Januar 2022 an die neue Geschäftsführung aus Katja Mailahn und Marc André Glöckner erfolgt. Foto: mainzplus Citymarketing

Und doch: Zum März macht sich in vielen Städten Deutschlands Zuversicht breit. Erst recht in jenen, die in den letzten Monaten in ihre Veranstaltungshallen und Häuser investiert haben – wie die Mainzer in die neue Rheingoldhalle, deren Dach im Mai 2019 inmitten der Sanierung in Flammen stand. „Die neue Rheingoldhalle stimmt uns alle sehr positiv. Wir haben viele Anfragen und Buchungen für die neu sanierten Räumlichkeiten“, sagen Katja Mailahn und Marc André Glöckner. Zu Jahresbeginn haben die beiden in Doppelspitze die Geschäftsführung von August Moderer für mainzplus Citymarketing übernommen. „Ab Ende Februar geht es los, mit den ersten Streaming-Veranstaltungen in dem topmodernen Loft-Meeting-Bereich. Anfang März geht es dann direkt live weiter im neu sanierten Kongress-Saal mit einer medizinischen Tagung und einer Musical-Vorstellung“, berichten Mailahn und Glöckner. „Wir freuen uns, endlich Gäste hier in der Rheingoldhalle in Mainz willkommen zu heißen und gemeinsam Veranstaltungen zu erleben.“

Kerstin Wünsch

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